Im Einklang mit Pril-Blumen und Stilettos

Heute Nacht hatte ich geträumt, ich wäre in einer katholischen Kirche. Es war alles ziemlich durcheinander. Der noch sehr, sehr junge Pfarrer machte nur Quatsch und legte sich dann zwischen die Bänke, um ein Nickerchen zu machen. Sie konnten ihn nicht rausschmeißen, weil sie sonst niemanden hatten. Das nennt man Nachwuchssorgen. Ich musste dringend. „Wo sind hier in der Kirche die Toiletten?“ Dann wachte ich auf.

Gestern erzählte mein Mann mir seinen Albtraum. Er hätte einen lila Jogginganzug getragen. Das soll ein Albtraum sein? Dann würde ich gerne tauschen, denke ich.

By the way: Gibt es überhaupt noch sogenannte Jogginganzüge? Wissen junge Leute überhaupt, was das ist? Sie stellen sich wahrscheinlich ein cooles Business Outfit vor, dass eine schlanke Figur macht. Es gibt ja auch Jogging-Brötchen, die schlank machen. Unter Running Suite könnten sie sich eher etwas vorstellen, glaube ich.  Lila Jogginganzug? Uhh!

Aber kann man heute nicht alles tragen? In unserer schnelllebigen Zeit überschlagen sich die Modedesigner förmlich. Ständig muss etwas Neues her. Es gibt keine bestimmte Moderichtung mehr. Sämtliche Rocklängen und Hosenweiten sind gleichzeitig modern.  Blockabsätze und Stilettos, Ringelsocken in Pumps, Polstersitzmuster und Pril-Blumen auf Kleiderstoffen …

Die neuste Vorgehensweise bei Modedesignern scheint so zu funktionieren: Kleidungsstücke und Farben, die nicht kombinierbar sind, weil sie überhaupt nicht zusammenpassen und/oder aussehen, werden zusammen gemixt, bis selbst die Konkurrenz staunt, wie irre cool es aussieht. Da müsste man doch noch einen draufsetzen können, denken sie. Was sie dann auch tun. Farben beißen sich nicht mehr. Es muss nur teuer genug sein, dann kaufen es die Verbraucher, ääh, die Trendsetter erst einmal. Später auch alle anderen Leute, natürlich in abgeschwächter Form. Hauptsache es ist ein Hingucker.

Und wenn den Modedesignern gar nichts mehr einfällt, stellen sie sich ihre Einschulung oder Konfirmation o. ä. vor, oder sehen sich alte Familienfotos an. Welch eine Inspiration! Sogar der frustrierte Gesichtsausdruck und die belastende Frisur von damals werden später von den Models kopiert. Das finden die Teens und Twens dann heute voll abgefahren. Ich denke nur: autsch!!

Selbst aktuelle Möbelprospekte versetzen mich in meine Kindheit zurück. Puh, muss das sein? Gut, dass ich nicht mehr um jeden Preis modern sein muss. In meinem Alter kann man es sich leisten, die Mode selbst zu dosieren. Welch ein Luxus. Und bei dieser Auswahl heute pick ich mir etwas raus und kombiniere es mit meinen alten Sachen von früher, z. B. mit Schuhen von 1991. Bingo! Die sind ja wieder modern! Hoffentlich wissen die anderen Leute das auch.

Was sollen sie wissen? Was modern ist? Wer weiß das schon?

Odyssee zum Puppencafé

Ich wollte mit meiner 86 jährigen Mutter und ihrer ersten und wahrscheinlich einzigen polnischen Pflegekraft, die mit ihr fertig wurde, einen Ausflug machen; sie hatte es sich verdient, nicht meine Mutter. Mein Mann und ich wohnen in einem Vorort. Das Ausflugsziel, ein malerisches Künstlerdorf, liegt genau eine Ortschaft weiter. Dort gibt es viele gemütliche Cafés mit selbst gebackenem Kuchen im Angebot.

Wir hatten vor, im Garten des Puppen Cafés zu sitzen und anschließend in den hübschen kleinen Kunstgewerbe-Läden zu stöbern – der Rollator macht es möglich. Um meine Mutter abzuholen, fuhr ich die Autobahn in Richtung Stadt. Auf dem Rückweg musste ich feststellen, dass die Autobahnzufahrt gesperrt war. Ich konnte aber auf dieser Schnellstraße nur geradeaus weiterfahren. Plötzlich fand ich mich in einer fremden Umgebung wieder.

Zum Glück habe ich immer einen Stadtplan im Auto. Er ist jedoch leider auch nicht mehr der Jüngste. Unser Weg endete an einem inzwischen stillgelegten Bahnübergang. Es war ein sehr warmer Tag im Mai und auf dem Beifahrersitz redete meine Mutter unaufhörlich auf mich ein. Im Wechsel bemängelte sie, dass wir nicht durch die Stadt gefahren seien und dass sie nicht, wie ich, eine weiße Hose trug.

Schließlich fand ich einen sehr ländlichen Weg, der in die richtige Richtung führte. Dann sah ich einen Deich und wusste plötzlich genau, wo wir waren. Shit, hier ist das Autofahren nur für Anlieger erlaubt. Hoffentlich erwischt mich niemand, dachte ich so bei mir und sah auch schon in der Ferne einen Polizeiwagen. Einen Moment überlegte ich, ob ich umkehren und schnell davonbrausen sollte. Nein, lieber nicht, die Polizisten hatten mich bestimmt schon gesehen. Ich fuhr also langsam weiter und wurde an den Straßenrand gewunken. Der Polizeiwagen stellte sich direkt neben mein Auto und ließ die Seitenscheibe automatisch herunter, während ich meine herunterkurbelte. (Ja, bei mir läuft noch einiges mechanisch!)

Der Polizist am Lenkrad sah eine Frau mit einem gequälten Gesichtsausdruck, Schweißperlen auf der Stirn und einem zerfledderten Stadtplan auf dem Schoß, die neben einer alten nervigen Frau saß. Eine andere nette Frau saß auf der Rückbank und bekam kaum noch Luft in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage.

Ich sah einen Polizisten in einem klimatisierten großen Mittelklassewagen, der neben einem netten Kollegen saß. Beide wurden dafür bezahlt, dass sie hier patrouillierten. Ich würde jetzt auch lieber arbeiten, dachte ich. Auf diese Art von Freizeit kann ich verzichten. Inzwischen kam noch ein Auto von der anderen Richtung angefahren. Der Polizist winkte es an seine andere Wagenseite. Nun standen drei Autos dicht nebeneinander.

Die Scheibe gegenüber und die des anderen Autos gingen fast gleichzeitig herunter. Nun waren wir alle durch offene Fenster miteinander verbunden, was nicht unbedingt ein Vorteil war. Denn während die Fahrerin ihren Berechtigungsschein für Anlieger zeigte, wurde das Gespräch zwischen ihr und dem anderen Polizisten von dem ständigen und nervigen Gequake meiner Mutter untermalt. Die Frau durfte weiterfahren, während wir immer noch in der Hitze warteten. Die beiden Beamten wendeten sich wieder mir zu und wechselten vielsagende Blicke.

Ich dachte nur, wenn das hier eine Filmszene wäre, hätte ich im Drehbuch gerne folgenden Text: „Officer, ich fahre hier wirklich nicht zum Vergnügen, glauben sie mir.“ Ich brauchte nicht viel zu sagen. Der Officer vor mir sah in meine verzweifelten Augen. Sein mitfühlender Blick wanderte zwischen mir, meiner Mutter und der Pflegerin hin und her. Dann wies mir den richtigen Weg und ließ mich „laufen“.

Ich weiß nicht, wie hoch die Geldstrafe ausgefallen wäre, aber man kann sagen, dass sich das Gequake meiner Mutter endlich einmal bezahlt gemacht hatte.