Bierverkostung in vollen Zügen

Seit Tagen habe ich einseitige Kopfschmerzen, was sich verstärkt, wenn ich an den Kopf fasse oder mir die Haare bürste. Deshalb habe ich mir selber den Rat gegeben, nicht mehr dran zu fassen und mir nur noch im Notfall die Haare zu bürsten. Es stellt sich die Frage: Wie scheiße darf ich aussehen, damit es ein Notfall ist?

Außerdem schmerzt die Seite auch, wenn ich nachts draufliege, was mich vorübergehend wieder zum Kopfkissen greifen ließ. Wenn die Schmerzen nicht nachlassen, muss ich wohl dem Rat meiner Mutter folgen und den Arzt fragen, ob man „mit so was leben kann“. Er wird sagen, dass er es tun würde. Deshalb beschloss ich, die Schmerzen zu ignorieren und das Leben und besonders diesen Tag in vollen Zügen zu genießen. Da kam die geplante Brauerei-Besichtigung mit anschließend reichlicher Bierverkostung gestern Nachmittag wie gerufen. Mein Mann, meine Tochter, ihr Freund und ich hatten viel Spaß und ICH ziemlich schnell „einen sitzen“. Das kommt davon, wenn man sonst so gut wie nie Alkohol trinkt.

Nach der Veranstaltung gingen wir fröhlich lachend durch den lauschigen Abend an der Weser entlang. Bei unserer Tochter wartete dann noch eine reichhaltige Käseplatte mit Baguette auf uns. So ein Nachtisch kommt bei mir immer gut an. Mmh, das hatte gemundet und ich war schnell wieder nüchtern. Spät abends zu Hause tat mir der Kopf nun beidseitig weh, sogar ohne dass ich „dran fassen“ musste.

Heute im Laufe des Vormittags fühlte ich mich zwar noch nicht wirklich gut, aber wer feiern kann, muss auch arbeiten, sagte ich mir und bereitete mich seelisch und moralisch auf die Fahrt zum »Frauenbund für alkoholfreie Kultur« vor. Es ging mal wieder nach Grambke, und als vorbildliche Tochter, wollte ich meine Mutter natürlich hinfahren und begleiten. Beim Frauenbund-Treffen erwartete mich dann noch ein kleines Highlight, als ich hörte, wie eine Frau meine Mutter fragte: „Margret, bist du mit deiner Enkelin gekommen?“ Oh, das ging runter wir Öl!

Als alle Frauen ihre Plätze eingenommen hatten, begrüßte uns die erste Vorsitzende ganz herzlich zum ”Advent-Kaffeetrinken“ und sorgte damit für allgemeine Belustigung. Denn es handelte sich natürlich um das Erntedank-Kaffeetrinken, das bei sage und schreibe 25 Grad im Schatten stattfand. Sie war ihrer Zeit eben ein wenig voraus. Kein Wunder, wenn es schon Ende August Lebkuchen in den Regalen gibt. Da kann man sich schon mal vertun.

Während der anschließenden mühsamen Unterhaltung vermied ich es tunlichst, meinen feuchtfröhlichen Ausflug vom Vortag zu erwähnen. Ich bin zwar kein Mitglied dieses Vereins, und deshalb auch nicht zum Abstinentsein verpflichtet, hielt es aber trotzdem für keine gute Idee, dass die netten Damen von meinen Kater-Kopfschmerzen erfuhren. Am Ende hätten sie mich noch bekehren und als Neuzugang akquirieren wollen.

Beim Kaffeetrinken fragte meine Mutter immer und immer wieder das Gleiche, z.B. wer den kleinen Kürbis mit lila Hut aus Tonpapier gebastelt hätte, den jeder als Geschenk vor sich stehen hatte. Wir sagten ihr immer und immer wieder, dass es die Lilo im lila Shirt vom Nebentisch war – eine Frau, die ihren besonderen Hang zu der Farbe Lila nicht leugnen konnte.

Die anderen Frauen an unserem Tisch waren im Gegensatz zu meiner Mutter nicht dement, aber mehr oder weniger schwerhörig oder in andere Gespräche vertieft. Dadurch ging die ewige Fragerei nach dem besagten Kürbis zum Glück ein wenig unter bzw. ich konnte schnell antworten oder ablenken. Der hohe Geräuschpegel im Gemeindesaal tat sein Übriges.

Das gemeinsame Singen eines Herbstliedes und ein kleiner Vortrag ließen mich zwischendurch ein bisschen durchatmen. Und das Singen hat meiner Mutter besonders viel Freude bereitet.

Unterm Strich wurde ich mit der Flatrate-Fragerei vor und während der gemeinsamen Hinfahrt, ungefähr zwei Stunden im Saal und während und nach der gemeinsamen Rückfahrt beschallt. Ich sage nur so viel: Da kommt auch eine gute Schmerztablette an ihre Grenzen.

Auf meiner Heimfahrt genoss ich die Stille im Auto und spürte die Freude in mein eigenes Herz zurückkehren, die ich meiner Mutter vorher mit diesem Ausflug geben konnte.

Flambierte Augenbrauen und andere Alkohol-Unfälle

Der Alkohol ist ein Riesengeschäft! Er ist legal und ziemlich problemlos, jedenfalls für die, die damit Geld verdienen. Und weshalb? Es gibt in den meisten Fällen kein Verfalldatum, das da klein gedruckt lauert. Und Alkohol ist praktisch ein Selbstläufer. Aus verschiedenen Gründen wird er ständig konsumiert. Wohldosiert sorgt Alkohol für Entspannung, schöne Trinksprüche und viel Spaß in geselligen Runden. Aber das Trinken macht natürlich auch große Probleme.

Ein vergleichsweise kleines Problem hat dagegen die Spirituosen-Industrie: Alkoholische Getränke sind der Mode unterworfen. Ja sie haben richtig gelesen. Ich habe mal ein bisschen darüber nachgedacht, wie sich die Trink-Mode geändert hat, und bin selbst erstaunt darüber, was mir dazu alles eingefallen ist.

Nick Charles war in dem Film Mordsache dünner Mann aus dem Jahr 1934 mehr mit dem Trinken als mit dem Ermitteln beschäftigt, und zwar so gut gelaunt und charmant, dass man fast den Wunsch hegte, auch immer durch Drinks so gut drauf sein zu wollen. Seine süße, ebenso stinkreiche wie trinkfeste Frau langweilte sich geradezu ohne Mordfälle und ohne Drinks. Das Cocktail-Kleid konnte man praktisch als ihre Arbeitskleidung betrachten. Mit diesem Film kurbelte die Spirituosen-Industrie direkt nach der Prohibition den Alkoholkonsum wieder voll an. Bessere Werbung ist kaum vorstellbar. Unter anderem spielten gemixte Martinis eine große Rolle, wie in vielen anderen Filmen später auch, z.B. bei James Bond. Ob sie gerührt oder geschüttelt wurden, sei dahingestellt, genauso wie die kostbaren Kristallflaschen auf edlen Tischchen.

Nach dem Krieg drehte sich in Deutschland vieles um das gesellige Trinken. In den 1960er Jahren wurden gerne und zu jeder Gelegenheit Trinklieder gehört, mitgesungen und geschunkelt: Von „Trink Brüderlein trink“ über „Kornblumenblau“ bis „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“. Prösterchen!

Bei Hochzeiten standen auf jedem Tisch mehrere Schnapsflaschen und die Musik wurde häufig unterbrochen, damit die Gäste über das Tanzen das Trinken nicht vergaßen. Im Radio gab es spät abends eine Sendung mit dem Titel Funk-Bar, der Vorläufer der heutigen Fernseh-Talkshows. Die nette Unterhaltung der Leute wurde mit Musik und dem Klirren der Gläser untermalt und mit Cocktail-Rezepten angereichert. Im Fernsehen sah man sonntags vormittags im internationalen Frühschoppen Journalisten an einem halbrunden Tisch rauchend und Wein trinkend diskutieren. Gegen Ende der Sendung konnte man durch den Zigaretten- und Pfeifenrauch kaum noch jemanden erkennen. Nachmittags schunkelten und sangen im Blauen Bock gut gelaunte Leute an langen Tischen und tranken Äbbelwoi bis zum Abwinken. Und abends wurde in der TV-Seemannskneipe Haifisch-Bar hochprozentig für Stimmung gesorgt. Hoch die Tassen!

Als Frauen in Deutschland noch nie etwas davon gehört hatten, war es für Engländerinnen durchaus üblich, nach einem Einkaufsbummel, also nach dem Shoppen im Pub noch einen Sherry zu trinken. Die Queen ist auch nicht abgeneigt, wie man lesen kann. Sie trinkt angeblich nach wie vor sechs Alkohol-Einheiten pro Tag. Vor dem Mittagessen das Mixgetränk Gin Dubonnet, zum Mittagessen Wein, zu vorgerückter Stunde trockenen Martini und vor dem Schlafen gehen Champagner. Ihre Cousine verriet, dass die Queen richtig was vertragen könne. Cheers!

Als ich Anfang der 1970er Jahren anfing auszugehen, war es üblich in der Disco und in den plötzlich angesagten Pubs Whisky zu trinken. Statt einen Ausweis zu verlangen, wurde einem eine Whisky-Karte mit sehr viel Auswahl vorgelegt. Southern Comfort kannte man in Deutschland noch nicht, dafür eher die Whisky-Marken, die einen Vornamen tragen. Ich sage nur Jim, Jack und Johnny. Zu Hause hatte man gerne eine ebenso interessante wie teure Flasche Dimple stehen. Welch eine Verschwendung, wenn man bedenkt, dass er hauptsächlich mit Cola getrunken wurde. Ich habe heute noch den Geruch in der Nase. Keine angenehme Erinnerung.

Dagegen war der wunderbare Duft des Orangenlikörs Cointreau, der plötzlich beliebt wurde und den meine Eltern ihren Freunden anboten, ein Genuss. Auch Grand Marnier, der mit Cognac hergestellt wird, wurde in Deutschland immer bekannter. In exklusiven Restaurants wurde plötzlich ein außergewöhnliches Dessert mit diesem Orangenlikör angeboten. Dazu ließ ein Kellner auf einem Servierwagen einen dünnen Pfannkuchen in Flammen aufgehen. (Zum Glück wachsen Augenbrauen nach.) Und siehe da, Crêpe Suzette war in Deutschland angekommen und ist inzwischen aus keiner Fußgängerzone mehr wegzudenken, allerdings eher die Version mit Nutella. Uhh, muss das sein?

Ebenfalls in den 1970er Jahren meinte man plötzlich, ab und zu einen Cognac für seine Nerven zu brauchen. Und wer es sich leisten konnte, schwenkte ihn entspannt und ruhig in einem riesigen hauchdünnen Cognac-Schwenker vor dem offenen Kamin. A votre santé!

Aber auch billiger Weinbrand wurde immer beliebter und sogar an Geburtstagen im Büro den Kollegen angeboten. Ja, Alkohol und Zigaretten während der Arbeitszeit waren damals nicht verboten, sondern sogar üblich. Man musste allerdings aufpassen, dass man von Maria Kron nicht schnell einen in der Krone hatte. Zum Wohl!

Etwas später wurde es mit dem Maracuja Likör Jambosala beim Trinken exotisch. Das dadurch aufkommende Fernweh versuchte man mit dem Trinklied „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ in den Griff zu bekommen. Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Früher genehmigten sich die Leute einfach mal den einen oder anderen Schnaps. Regional bedingt  gibt es verschiedene hochprozentige Spezialitäten, wie z.B. Kümmel, Korn, Wachholder oder Obstler. In Norddeutschland kippt man sich einen sogenannten Kurzen eiskalt hinter die Binde, also direkt in den Hals. Nach dem Motto: „Nich lang schnacken, Kopp in Nacken“. Danach wird ein angespannter Gesichtsausdruck mit offenem Mund gemacht und sich geschüttelt. Wer dann noch ein Bier hinterher schüttet, hatte ein sogenanntes Herrengedeck. Damit man sich nicht mehr schütteln musste, wurde der Apfel-Korn erfunden. Noch besser schmeckte vielen Trinkenden der Persiko, der in den 1970er Jahren gerne statt Kurzer zum Bier getrunken wurde. Die Spirituosen-Industrie erfand immer neue leckere Fruchtschnäpse, die man gefrostet genießt, z.B. mit Erdbeer- oder Waldmeistergeschmack. Niemand sollte mehr Nein sagen, wenn ihm Alkohol angeboten wird, nur weil der nicht angenehm schmeckt.

Die Softdrink- Industrie forcierte Cola Rum, später Cola Bacardi. Der Werbesong für diesen weißen Rum wurde ein Welthit und damit auch das Mixgetränk. Später hat man dann mit Ready to drink Fertigmixgetränken, die man Alkopops nennt, voll ins Schwarze getroffen bei der jungen Zielgruppe.
Voll lecker zum Zuschütten!

Was für den Martini die Olive war, wurde für den Bommerlunder die Pflaume und später für den Wodka die Feige. So nach dem Motto: Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken. Und es ist total praktisch. Eingelegte Oliven, Pflaumen oder Feigen konnte man für sich oder unerwartete Gäste immer im Hause haben, genauso wie ein Sortiment an Alkohol. Auf die Gesundheit!

Griechenland wurde als Urlaubsland immer beliebter, und so auch der Metaxa. Auch bei diesem Weinbrand gibt es natürlich verschiedene Qualitäten, die man an der Anzahl der Sterne auf dem Etikett erkennen kann. Man sollte allerdings nicht so lange davon trinken, bis man mehr Sterne sieht, als dort abgebildet sind. Ouzo wurde hauptsächlich in den immer beliebter werdenden griechischen Restaurants eiskalt gereicht, was sich bis heute nicht geändert hat. Jamas!

In den 1980er Jahren wurde es beim Trinken immer vornehmer und in der Mode immer derber. Man trank Kir royal und trug als Dame plötzlich schwere Schnürboots mit dicken Profilsohlen zu breitschultriger Oberbekleidung. Kir royal ist Sekt mit einem Schuss des französischen Schwarze-Johannisbeer-Likörs Creme de Cassis. Solchen Likör gab es übrigens schon früher in Deutschland unter dem Namen Schwarzer Kater.

Apropos Kater! Man glaubte, dass des Wodkas reine Seele beim anschließenden Kater weniger Kopfschmerzen verursacht. Auch zum Mixen mit Softdrinks eignet er sich bestens, denn er schmeckt nicht so durch wie Whisky, Weinbrand oder Rum. Wodka lemon war plötzlich total angesagt, man nippte ihn auf die feine englische Art mit Schweppes Bitter Lemon oder Tonicwater.

Aber Wodka wird natürlich auch ordentlich gebechert. Das ist übrigens der neuste Trend in Deutschland. Ja, Sie haben richtig gelesen. Und dieser Trend kommt nicht etwa aus Russland. Nein, er kommt aus den USA. Getrunken wird aus behämmerten, ähh gehämmerten Kupferbechern. In diese Becher füllt man schon seit den 1940er Jahren Wodka und Ginger Beer und nannte den Drink damals Moscow-Mule. Noch ein paar Eiswürfel und ein Spritzer Limettensaft dazu und er trat seinen Siegeszug durch die USA an. Aber erst vor wenigen Jahren kam der Drink, der traditionell mit der US-Marke Smirnoff gemixt wurde, endlich in Deutschland an. Hier sind hauptsächlich Wodka-Marken bekannt, die sich an den Namen der russischen Präsidenten orientieren, wie z.B. Putinoff. Dieser Billig-Wodka lässt sich laut Test allerdings am besten für kalte Umschläge verwenden. Sollte der mir jemals gereicht werden, würde ich ihn allein schon wegen des Namens mitsamt dem Glas hinter mich werfen. Nastrovje!

Dann wurde Ramazzotti beliebt, nicht nur Eros der Sänger, sondern auch lecker der Kräuterlikör. Salute!

Als Dessert gab es plötzlich überall Tiramisu mit dem Bittermandellikör Amaretto, der früher in Deutschland unter dem Namen Persiko gern pur gekippt wurde. Und wo man schon mal bei Italien war, wurde es mal wieder Zeit einen neuen Weinbrand für sich zu entdecken. Grappa wurde gereicht. Nach dem Essen schob die gute Gastgeberin einen Servierwagen mit Espressotässchen und Grappa in passenden Gläsern neben den schön gedeckten Esstisch. Aber keine Angst, man braucht nicht die Befürchtung zu haben, kein perfekter Gastgeber zu sein, wenn man das nicht drauf hatte.

Gäste scheinen grundsätzlich für alles dankbar zu sein, allein schon für die Einladung. Und wenn man unsicher über die Getränkefolge beim Essen ist, macht man es einfach so, wie man es im Fernsehen gelernt hat. Schließlich wird einmal jährlich automatisch das Standardwissen über die Getränke-Wahl aufgefrischt. Dinner for one sei Dank könnte es fast jeder auswendig aufsagen: Von „Sherry with the Soup“ bis zum „Port with the fruit“. Cheerio!

Ein Aperitif vor dem Essen und zur Begrüßung war schon immer beliebt. Man kannte Sherry und Martini. Dann ging man über zu „Campari, was sonst“. Aber wo ein Aperitif ist, ist auch ein Digestif. Man nennt ihn auch Absacker. In Restaurants werden sie nach dem Essen aktiv angeboten. Man sollte allerdings wissen, dass man vom Linie Aquavit bei einer eventuellen Alkoholkontrolle eher schlechter auf einer geraden Linie gehen könnte.

Später entdeckten Restaurants edle teure Obstbrände als Zusatzgeschäft, nicht schlecht!  Früher tranken die Leute als Verdauungsschnaps eher einen Kümmel oder Enzian. Meine Oma hatte sich für den Fall, dass ihr mal etwas quer saß, kleine Underberg-Fläschchen versteckt. Der Kräuterlikör Jägermeister wurde später immer mehr von jungen Konsumenten entdeckt und z.B. mit einem Energiedrink gemixt. Echt krass! Und durch intensive Promotion ist der Hirschkopf inzwischen Kult, sogar in den USA und England.

Mein Mann meinte früher, dass er ab und zu einen Fernet Branca bräuchte. In unserer Schrankwand hatten wir ein sogenanntes Barfach mit Spiegel-Hintergrund. Es war voller Flaschen, die man schon durch den Spiegel doppelt sah, ohne auch nur das Geringste getrunken zu haben. Man brauchte das Fach nur aufzuklappen, wie einen Sekretär. Auf der heruntergeklappten Fläche mit Glasplatte konnte man sich dann einen einschenken. Soviel zur Theorie. Als ich ein einziges Mal das Gefühl hatte, einen Fernet zu brauchen, musste ich leider feststellen, dass die Flasche leer war, genauso wie fast alle anderen Flaschen. Das nennt man Verdunstung. Immer nach dem Grundsatz: Im Zweifelsfall für den Angeklagten.

Hoch im Norden kurz vor Dänemark gibt es Getränke-Märkte, teilweise in fest vertäuten Riesenschiffen an einem eigens dafür gebauten Anleger mit Riesenparkfläche. Im Schiff fahren die Kunden mit Tieflader-Einkaufswagen auf Rollbändern wie im Flughafen auf mehrere Etagen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele alkoholische und nichtalkoholische Getränke sowie Süßigkeiten auf einmal gesehen. Die Leute schichten palettenweise Getränkedosen auf ihre Tieflader, dann folgt kartonweise der passende Alkohol. Mein gläubiger Schwippschwager bezeichnet das als „Getränkemarkt des Teufels“. Sehr viele Kunden kommen aus Skandinavien und können nicht genug bekommen. Ich sage nur alter Schwede! Skol!

Sekt schenkte man in den 1970er Jahren plötzlich in breite Sektkelche, damit man beim Genuss das Prickeln besser spürte. Beim Trinken musste man sich da allerdings ranhalten, denn durch die große Oberfläche ging die Kohlensäure schneller flöten. Vielleicht greift man deshalb seit den 1980er Jahren wieder zu Sektflöten. In diesen hohen schmalen Gläsern bleiben die CO2-Bläschen länger im Getränk. Jahre später wechselte man statt der Gläser lieber den Inhalt und gönnte sich und anderen ab und zu einen Prosecco. Auch Cocktails auf Prosecco Basis wie Aperol Spritz und Hugo wurden immer beliebter, auch Aperol Fizz. Manche Stars nennen ihre Kinder nach den Städten, in denen sie gezeugt wurden. Jetzt scheint es für manche Normalsterbliche inn zu sein, ihre Kinder nach dem Cocktail zu nennen, der sie vor der Zeugung in Stimmung gebracht hatte. Oder gibt es einen anderen Grund dafür, dass junge Eltern ihre Kinder heute wieder Hugo und Fritz nennen.

Nicht nur Cocktails wie z.B. Caipirinha, der Anfang des Jahrtausends plötzlich in Deutschland einschlug, auch Heißgetränke haben es in sich. So manch einer hatte davon ganz schön „einen im Tee“, nicht nur in Ostfriesland, auch in Österreich vom Jagertee. Ohne Tee tut es ein „steifer Grog“, in dem „der Löffel steht“: viel Rum, wenig kochendes Wasser und Zucker. Und ein Weihnachtsmarkt ohne Glühwein und Punsch ist kaum vorstellbar. Derzeit liegt der Eier-Punsch im Trend, den die Amerikaner übrigens Eggnog nennen. Mit offenem Feuer sollte man ihm nicht zu nahe kommen.

Auch beim Kaffeetrinken kann es hochprozentig hergehen. Beim Irish Coffee mit Whiskey, beim scheinheiligen Pharisäer mit Rum. Das Sahnehäubchen verhindert, dass der Alkohol verdunstet und somit durch den Alkoholgeruch verrät, weshalb die Leute plötzlich so lustig und redselig werden.

Damit die Menschen im Schnee, z.B. nach einem Lawinenunglück, nicht vor die Hunde gingen, schickte man ihnen früher einen Bernhardiner mit einem Fässchen Alkohol um den Hals. Jedenfalls wollte man uns das Glauben machen. Inzwischen wurde von offizieller Seite zugegeben, dass es sich bei dem Fässchen nur um eine Legende handelt. Aber so etwas lässt sich nun einmal fantastisch gut vermarkten, genauso, wie alles, was damit zusammenhängt, einschließlich Stofftiere mit Fässchenanhänger.

Wenn wir bei frostigen Temperaturen spazieren gehen, freue ich mich immer, wenn mein Mann ein kleines Fläschchen Kräuterlikör aus seiner Jackentasche zieht. Das Schlückchen kommt sofort mit einem wohligen Gefühl unten an und meine Füße sind augenblicklich wieder warm. Ja, Alkohol in kleinen Dosen kann kurzfristig die Lebensgeister wecken, mit Betonung auf kurzfristig.

Man sollte natürlich nicht täglich Drinks und Cocktails zu sich nehmen. Aber Wein, das muss schon sein! So wird es jedenfalls geschickt suggeriert. Das Weingeschäft wird stark promotet. Es gibt kaum eine amerikanische Serie oder einen Film, in dem die Protagonistin nicht mit einem langstieligen Weinglas in der Hand agiert. Kein Abendessen ohne hohe, edle Weingläser auf dem Tisch. Grundsätzlich sieht ja jemand mit einem eleganten Wein- oder Sektglas in der Hand seriös aus und nicht wie ein Fall für die Anonymen Alkoholiker. Der lange Stiel hat irgendwie Stil. Bei einer jungen Frau ohne Weinglas in der Hand liegt die Schwangerschaftsvermutung nahe. Für Wein darf geworben werden und so hat man es auch geschafft, dass kaum ein Best-Ager ohne Weinglas abends vor dem Fernseher sitzt. Wohlsein!

Aldi und Lidl machen’s möglich. Sie wetteifern darum, wer der größte Weinhändler Deutschlands ist und haben sogar eigene Sommeliers und Botschafter des Weins vorzuweisen. Wein war noch nie so günstig und gut verfügbar. Von dem 3-l-Pappkanister bis zur Luxusflasche. Sogar Champagner wird von Discountern angeboten. Und man bekommt das Gefühl, dass nicht nur der Wein ausbaufähig ist, sondern auch seine Beschreibungen. Wer denkt sich das nur alles aus? Sogar in den Werbe-Zeitungsbeilagen wird genauestens beschrieben, was einen spätestens beim Abgang erwartet. Es liest sich gut, aber kaum jemand kann es wirklich verstehen. Und zum Glück der Anbieter haben es die meisten spätestens beim Trinken sowieso vergessen. Prost!

Inzwischen gibt es sogar Wein für Veganer, bei dem das Etikett nicht mit tierischem Leim auf die Flasche geklebt wurde. Und nicht nur der Wein, sondern auch die Winzer werden plötzlich in den Vordergrund gerückt. Es gibt z.B. handverlesene Winzer, prominente Winzer, die Vereinigung der jungen Winzer und die Vereinigung der schwulen Winzer.

’Bier auf Wein das lass sein, Wein auf Bier, das rate ich Dir!’ Sie kennen diesen Spruch? Demnach sollte man also zuerst Bier trinken. Bier ist kein Modegetränk, man könnte es schon fast als Grundnahrungsmittel bezeichnen. So manch einer kommt aus dem Bierzelt getorkelt, nicht nur zum Oktoberfest und nicht nur in Bayern. In Kneipen und Pubs wird ganzjährig fleißig gezapft und gebechert. Ich bin einmal mit leichter Schlagseite aus dem Supermarkt geschwankt. Zum Glück konnte ich mich am Einkaufswagen festhalten. Es war an einem heißen Tag im Mai. Im Supermarkt wurde Maibock mit Verkostung promotet. Leider stand mein Durst im umgekehrten Verhältnis zu dem, was ich vertrage. Ups!

Es gibt für jeden das passende Getränk. Sogar bei Laktoseintoleranz muss man nun nicht mehr auf den Whiskey-Sahnelikör Baileys verzichten. Man höre und staune, den gibt es jetzt laktosefrei. Glutenfrei soll er laut Werbung auch sein. Aber warum sollte dieses Getreide-Klebereiweiß da überhaupt enthalten sein? Das ist im Bier enthalten, auf das man nun BeerJack sei Dank bei Glutenunverträglichkeit auch nicht mehr verzichten muss.
Ja, auch die Welt der Getränke wird immer komplexer. Wo führt das alles hin und wie würde sich die Bestellung an der Theke in ein paar Jahren anhören?

„Habt ihr glutenfreies Bier? Dann mach mir mal nen Großes!“
„Ich nehme Baileys, aber laktosefrei! “
„Ich auch! “
„Ach, haben sie auch eine Laktoseintoleranz?“
„Nein ich bin Veganer. Ich sage nur Mandeln statt Sahne.“
„Und ich bekomme einen Eierlikör, aber aus Freilandhaltung. Was! Haben sie nicht! Haben sie denn Grand Marnier aus Bio-Orangen? Ist ihre Kneipe überhaupt zertifiziert?“
„Nee! Aber wir haben Jägermeister aus heimischen Kräutern, auf die höchstens der Hirsch gepinkelt hat.“
„Besser der, als ein verdammter Jäger! Ich bin Vegetarier und ich hab was gegen das Jagen!“
„Sie auch? So ein Zufall, ich sammele Unterschriften gegen das Lied. ’Fuchs du hast die Gans gestohlen’! Darauf müssen wir einen trinken. Herr Wirt, geben sie mir einen Kirschlikör, aber zuckerfrei.“
„Aha! Und was wollen sie?“
„Ich bin von der Heilsarmee und habe eine Alkoholintoleranz.“
„Ja prima! Und ich bin Kneipenwirt, dachte ich zu mindestens. Mir reicht’s jetzt, ich hab keinen Bock mehr auf Leute, die nicht vernünftig saufen können …“

Okay, die Szene war jetzt vielleicht doch ein bisschen übertrieben. Aber ähnlich spielt sie sich heute schon ab und eines wird klar: Auch das Trinken von alkoholischen Getränken unterliegt dem Wandel der Zeit. Was ist momentan eigentlich gerade inn?
GIN!!!

Zurück ins Leben mit Rhythmus und Eleganz

Als mein Vater vor dem Krieg zum ersten Mal Jazzmusik hörte, hatte es ihn sofort mitgerissen. Benny Goodman und Glenn Miller hatten ihn sozusagen von den Socken gehauen. Wenn überhaupt, konnte man solche Musik nur in bestimmten Clubs hören, denn sie war bei den Nazis verboten. Mein Vater und sein Freund ließen sich davon nicht beeindrucken und holten sich die Musik nach Hause, indem sie sich ausgelassen an Jazz Sessions versuchten. Beide hatten den Rhythmus im Blut und waren ausgezeichnete Klavierspieler.

Ein anderer Freund meines Vaters wurde zum Militär eingezogen und vertraute ihm seine Klarinette an. Er wollte, dass das gute Stück wenigstens ab und zu bespielt wird. Das musste er meinem Vater nicht zweimal sagen. Musikalisch, wie er war, brachte er sich das Klarinettespielen selber bei, so wie vorher schon das Gitarrespielen. Irgendwie schaffte er es, jedes Instrument, das ihm in die Finger kam, zum Klingen zu bringen. Auch wenn er nicht so wie Benny Goodman spielen konnte, entlockte er der Klarinette doch einen klasse Sound. Seine Mutter war über die musikalische Weiterentwicklung ihres einzigen Kindes gar nicht glücklich. Als ausgebildete Pianistin hatte sie eine völlig andere Vorstellung von ”guter“ Musik. Sie brauchte sich jedoch nicht sehr lange aufzuregen, denn der Zweite Weltkrieg sollte bald auch für meinen Vater alles verändern.

Nach dem Krieg war Jazz-Musik nicht mehr verboten, sie kam sogar mit der amerikanischen Besatzungsmacht ganz offiziell direkt ins Land und nicht nur still und heimlich per Noten oder Schallplatten. Die jungen Menschen waren lebenshungrig, wollten Spaß haben und die Erlebnisse auf dem Schlachtfeld vergessen. So auch mein Vater und sein Freund. Sie fingen wieder an Musik zu machen und stürzten sich förmlich auf den Jazz, also auf das, was auch die amerikanischen GIs am liebsten hören. In den Kasinos wurde nur live gespielt und wer gut war, durfte sich bei den Besatzern etwas dazu verdienen.

So taten sich die beiden Freunde mit einigen anderen jungen Jazz-Versessenen zusammen. Allerdings konnte keiner von ihnen Schlagzeug spielen. Der Einzige, der sich daran wagte, war mein Vater, und er merkte schnell, dass ihm dieses Instrument besonders lag. Er hatte den Rhythmus im Blut. Vielleicht lag das daran, dass er schon als ungeborenes Baby stundenlang täglich am Klavier zugebracht und im Takt mit vibriert hatte. Um das Instrument noch besser zu beherrschen, bekam er noch ein wenig Nachhilfe von einem älteren Herrn namens Last. Es war der Vater eines Bandmitgliedes.

Die neu gegründete Band spielte bald Jazz mit Leidenschaft im Gefühl aber Hunger im Bauch. Deshalb war die Arbeit bei den „Amis“ im Kasino das reinste Vergnügen für sie. Sie hatten Spaß und bekamen obendrein auch noch etwas zu essen. Das war damals unbezahlbar. Einer von den jungen Männern hörte zu der Zeit noch auf den Vornamen Hans und sollte später als Orchester-Chef weltberühmt werden.

Eines Tages wurde bekannt, dass Louis Armstrong ein Konzert in der Stadt geben würde. Karten zu bekommen war für Normalsterbliche unmöglich. Aber mein Vater wollte den charismatischen Trompeter unbedingt live erleben. Deshalb musste er sich dringend etwas einfallen lassen. Und wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.

Das Fotografieren war ebenfalls ein Hobby meines Vaters und er hatte für damalige Verhältnisse eine ziemlich gute Kamera. Also zog er sich seinen Humphrey-Bogart-Anzug an, lockerte die Krawatte ein wenig, hängte sich seine Kamera um den Hals und schob seinen Hut frech schief nach hinten. Und genau so ging er direkt vor dem Konzert lässig an der wartenden Menschenschlange vorbei, zeigte statt Eintrittskarte blitzschnell irgendeinen Ausweis und sagte selbstbewusst „Presse“ während er hineinging. Er konnte sein Glück kaum fassen, denn er hatte es tatsächlich geschafft. Er war drin! Heute wäre so etwas undenkbar.

Über zwanzig Jahre später kamen nacheinander Mister Acker Bilk und Chris Barber mit ihren Bands in die Stadt. Für einen richtigen Jazz-Fan war natürlich klar, dass er dort hin musste. Und dafür konnte man ganz normal Karten erwerben. Mein Vater kaufte jedes Mal gleich zwei Karten für die erste Reihe. Eine davon war für niemand anderen, als für mich. Ich war erst vierzehn Jahre alt. Aber mein Vater wusste damals schon, dass ich die Einzige in der Familie war und bin, die Jazz genauso liebte wie er.

Auch das Tanzen war eine Leidenschaft meines Vaters. Er hatte vor dem Krieg mehrere Tanz-Turniere hintereinander gewonnen. Wenn er mal richtig groß ausgehen wollte, ging er in Gala gekleidet und mit weißem Schal um den Hals zu Fuß zum Bahnhof, nahm sich dort ein Taxi und ließ sich ungefähr fünfhundert Meter direkt vor das Grand-Hotel fahren. Das nennt man einen großen Auftritt mit kleinen Fahrtkosten. In dem Hotel gab es damals Tanzveranstaltungen und rauschende Bälle. Wer besonders lässig sein wollte, brach den Fuß eines Sektglases ab, steckte es sich in die äußere Brusttasche seines Jacketts und streifte die Asche seiner langen Zigarette daran ab. Jedenfalls erzählte mir das mein Vater, sagte aber auch gleich, dass das nicht sein Stil gewesen wäre.

Von Eleganz verstand mein Vater etwas. Er hatte das, was man heute immer noch einen guten Geschmack nennt. Eines Tages nahm er mich mit in die Stadt und kaufte mir für meinen Abtanzball eine Abendtasche mit passendem Satinportemonnaie. Edles Material trifft auf zeitlose Eleganz. Über eine neue Abendtasche musste ich mir bis heute keine Gedanken machen. Was er aussuchte, war immer perfekt. Auch meine Mutter wurde von ihm beraten, denn Fräulein Margrets Gespür für elegante Mode fehlte gänzlich.

Den Ausdruck Shoppen kannte man damals noch nicht in Deutschland, aber man kann trotzdem sagen, mein Vater verstand etwas davon. Nach dem sich meine Eltern kennengelernt hatten, ließ sich meine Mutter mithilfe seines Geschmacks und ihres gesparten Geldes von Kopf bis Fuß neu einkleiden.

Meine Eltern lernten sich beim Wochenend-Bootfahren mit Freunden kennen. Da saß mein Vater also plötzlich mit einer zehn Jahre jüngeren natürlichen Schönheit in einem Boot. Die goldenen Locken hatte sie sich zurückgesteckt und sah aus wie Ingrid Bergmann. Sie war so niedlich unkompliziert mit ihrem sonnigen Gemüt und ihrem selbst genähten Bikini. Zuerst sah mein Vater sie mit der Linse seines Fotoapparates, dann mit den Augen der Liebe.

Im Sommerurlaub fuhren die beiden zusammen mit Freunden in ein Nordsee-Bad. Dort fanden Tanzveranstaltungen und eine Miss-Wahl statt. Meine Mutter wurde im Badeanzug zur Schönheitskönigin gewählt. Ihr Vater tobte, als er später zu Hause davon erfuhr. Es schickte sich einfach nicht, so leicht bekleidet in der Öffentlichkeit ”aufzutreten“ – auch nicht, wenn man bereits verlobt war.

Als mein ältester Bruder unterwegs war, wurde geheiratet. Das Elternhaus meines Vaters war durch den Krieg zwar voll besetzt mit einquartierten Menschen, die sonst kein Dach über den Kopf gehabt hätten, aber zum Glück konnten seine Eltern ihm durch einen Trick ein kleines Zimmer freihalten, bis er aus dem Krieg zurückkam.

So fingen meine Eltern ihre Ehe in einem Zimmer mit Waschbecken, einer Schlafcouch und einem Kinderbett an. Meine Mutter gab das Baby früh morgens bei ihrer Schwiegermutter unten ab, bevor sie zur Arbeit fuhr – fünfzehn Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad. Als nach und nach Zimmer im Haus frei wurden, bekamen meine Eltern endlich ihre eigene Wohnung im Dachgeschoss des Hauses mit kleiner Küche, Kohleofen und eigenem Klo. Der absolute Luxus für damalige Verhältnisse.

Der Traum von einem Ski-Urlaub nahm langsam gestalt an, war allerdings bald ausgeträumt, als mein zweiter Bruder sich ankündigte. Unter die bereits angeschafften Leder-Skistiefel konnte sich mein Vater dann immerhin Schlittschuhe schnallen, denn die Winter waren kalt.

Das Wort Familienplanung gab es noch nicht, aber als ich mich in noch kürzerem Abstand auch noch ankündigte, fingen meine Eltern intensiv an, sich dahin gehend schlauzumachen. Eine gewisse Beate Uhse klärte in Broschüren über Empfängnisverhütung auf. Es bedurfte also einer mutigen Frau, um sich endlich genau über alle Möglichkeiten informieren zu können.

Eine alte Freundin meiner Mutter, die inzwischen in Hamburg verheiratet war, staunte nicht schlecht, als sie meine Mutter nach langer Zeit zufällig Kinderwagen schiebend wieder sah. Ein Kind lag drin, eines saß obendrauf und eines ging nebenher. Das Ganze, einschließlich Einkauf, musste von meiner Mutter täglich über drei Treppen nach oben geschleppt werden. Mein Vater verdiente die Kohle, und im Winter schleppte er die auch noch hoch, wenn er abends nach Hause kam.

Sechs Jahre später, als sich die Lage für meine Mutter etwas entspannt hatte, bekamen wir noch ein kleines Püppchen mit goldenen Locken hinzu, die Klügste von uns allen. Ab dann war unser VW-Bus endgültig voll, wenn wir unterwegs waren, zum Beispiel zum Camping-Urlaub an der Ostsee.

Ich weiß nicht wie meine Eltern das alles geschafft haben. Viel Zeit zum Nachdenken hatten sie nicht. Aber eins steht fest, sie haben ihr Bestes gegeben.

Vom Gerstenkorn zum Plätt-Problem

Mein Gerstenkorn will sich einfach nicht so recht verabschieden. Das nennt man Anhänglichkeit. Da wurde mein Lippenherpes regelrecht eifersüchtig und meinte, er müsse sich auch mal wieder blicken lassen. Vielleicht hatte ich einfach zu viele andere Dinge um die Ohren, außer dem täglichen Wahnsinn einer Betreuerin.

Zu allem Überfluss meinte meine Mutter, sie müsse sich mal wieder auf ihren Frust über ihren finanziellen Kontrollverlust konzentrieren und fuhr telefonisch alles auf, was das Thema hergab, einschließlich der Androhung, zu ihrer Rechtsanwältin zu gehen. Der Anrufbeantworter glühte förmlich.

Aber sie beschäftigte mich zwischendurch auch noch anderweitig, in dem sie behauptete, dass ihr etwas nicht gehören würde. Diesmal war es das Bügeleisen einschließlich Bügelbrett, das ganz brav an der dafür vorgesehenen Stelle stand. Jemand hätte beides umgetauscht, behauptete sie. Im Vergleich zum üblichen Geld-Thema, empfand ich diese fixe Idee als reinste Entspannung und ich ließ mich auf ein Gespräch mit ihr ein. Nein, sie wolle nicht bügeln, sagte sie barsch, aber es gehe ums Prinzip. Sie wolle wissen, wer ihre Sachen gegen andere ausgetauscht hätte. Ich beruhigte sie, dass niemand an ihren alten „Plätt-Sachen“ interessiert wäre und dafür auch noch neue hinstellen würde.

Solche und ähnliche Diskussionen führe ich des Öfteren mit ihr. Neulich behauptete sie sogar, dass ihr jemand Tischdecken und Kristallvasen untergejubelt hätte, also Dinge, die ihr nicht gehören würden. Ich konterte, dass das für sie als Kristallvasen-Freak ja märchenhaft fantastische Zustände wären. Das überzeugte sie und sie freute sich für einen kurzen Moment über ihre schönen neuen Vasen.

Zum Glück übernimmt mein Anrufbeantworter in der Regel die meisten Beschwerdeanrufe dieser Art. Er ist es auch, der sich täglich den neuesten Stand der Such- und Auffindungsaktion der Krankenversicherungs-Karte per Dauerschleife „reinziehen“ muss. Neulich streckte er dann mal wieder die Flügel und verweigerte jede weitere „Nahrungs“-Aufnahme.

Ich atme dann immer durch, lösche die Anrufe und sage mir, dass ich alles im Griff habe, einschließlich der gültigen Version der Versicherungskarte meiner Mutter.