„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“ wurde im 19. und 20. Jahrhundert oft gesungen. Es ist ein Lied aus einer Aufbruchstimmung heraus, gegen die herrschende Willkür. Ihre Meinung kundzutun konnte man den Menschen damals verbieten, aber ihre Gedanken konnte ihnen niemand nehmen.
In Diktaturen wissen die Leute genau, was sie zwar denken können, aber niemals sagen dürfen.
In Demokratien ist das nicht ganz so „einfach“. „Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken,“ sagte schon Karl Kraus (1874-1936). Aber keine Angst, zum Glück haben wir ja Journalisten, die unser Denken betreuen.
Sehen wir mal von der Politik ab. Rein menschlich gesehen kann jemandem schon mal etwas „rausrutschen“. Das nennt man „ins Fettnäpfchen treten“. Oder bei der Meinungsäußerung kann etwas komplett falsch rüberkommen. Das nennt man „sich um Kopf und Kragen reden“.
Prominente versuchen beides zu vermeiden. Deshalb engagieren sie teure Berater und Sprecher, die fleißig an dem Bild basteln, das die Öffentlichkeit von den Promis haben soll. Das nennt sich dann Public Relations. Das fantastisch gute Bild, das dabei herauskommt, schimpft sich Image. Und das hat oft mehr mit Fantasie zu tun, als mit Authentizität. Denn zum Leidwesen der Berater haben die Prominenten eigene Ansichten und Meinungen. Und es kann passieren, dass sie die nicht für sich behalten.
Oft twittern sie einfach drauf los, ohne das vorher mit irgendjemandem abzusprechen. Solch ein unkontrollierter Schnellschuss auf Twitter oder Instagram kann schon mal ganz fürchterlich nach hinten losgehen. Zuerst wissen Millionen Follower Bescheid, dann – dank der Presse – die ganze Welt. Manch ein Promi hat sich auf diese Weise unbeliebt gemacht und oder seinen wahren Charakter gezeigt. Sogar die eine oder andere Karriere wurde auf diese Weise geschrottet.
Viele Promis wollen das um jeden Preis vermeiden und versuchen dem eigens für sie konstruierten Image zu entsprechen. Wenn dieses jedoch so gar nicht zu ihrem Charakter passt, haben sie ein Image-Problem. Psychologen können da auch nicht helfen. Das müssen sie schon alleine lösen. Am Ende des Tages muss sich jeder selber beim Blick in den Spiegel in die Augen schauen. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die im Rampenlicht stehen.
Meistens haben die Augen jedoch viel zu viel in Bildschirme geschaut, sodass die Menschen gar nicht mehr spüren, wer sie sind und was sie ausmacht. Die eigene Persönlichkeit bleibt auf der Strecke und sie wissen auch nicht mehr so recht, was sie denken sollen. Manche sind dann richtig dankbar, wenn ihnen bestimmte Denkvorstellungen vorgegeben werden, und sie übernehmen die Ideologien anderer.
Teilweise gewöhnen sich die Menschen dann sogar daran, etwas anderes zu sagen, als sie wirklich denken. Und eventuell gewöhnen sie sich sogar daran, etwas anderes zu denken, als sie fühlen.
Die Beeinflussung durch Massenmedien ist allgegenwärtig. Das nennt man Manipulation. Ich werde davon natürlich auch nicht verschont.
So hörte ich viel Lob über Mehr-Generationen-Häuser und dachte gleich, ohne lange zu überlegen, ja das wäre für alle Beteiligten eine Bereicherung.
Ich hörte auch viel Lob über das Lied ’Kinder an die Macht‘, und ich dachte sofort, ja das klingt gut, vor allem der Satz ‘… denn sie berechnen nicht, was sie tun’ – spielerische Leichtigkeit statt böse Tyrannei.
Ich hörte den viel gepriesenen Satz: Wenn nur noch Frauen an der Macht wären, gäbe es weniger Willkür und Krieg, und ich dachte, ja endlich hätten nicht mehr die dominanten Männer das Sagen.
Warum glauben wir Menschen eigentlich solchen Aussagen? Weil wir uns theoretisch vieles schön und gut vorstellen? Bei mir meldete sich jedoch bald mein Grübelhirn:
„Schön und gut, aber deine Erfahrungen sagen dir etwas ganz anderes. Du hast 17 Jahre mit Mann und Kind unter einem Dach mit deiner Schwiegermutter gelebt, also mit drei Generationen. Also was sagt dir deine schmerzliche Erfahrung darüber?
Nein danke, Leute, ich bin desillusioniert!
Du hast drei Geschwister und bist zur Schule gegangen. Also hattest du viel Berührung mit Kindern, bist geärgert, gehänselt und gehauen worden. Manchmal fühltest du dich wie Karen allein zu Haus, nur ohne dass deine Familie verreist war. Also, was sagt dir dein Gefühl über Kindermacht?
Bullshit!
Du hast eine dominante Mutter, die alles besser weiß und allen sagen will, wo es lang geht, und dabei selbst die meisten Fehler macht. Manchmal hat sie den Blick der Bundeskanzlerin. Als Kind fühltest du dich wie die Meggie in dem Roman Die Dornenvögeln, nur ohne Pater Ralph. Und was sagt die Geschichte über Frauenmacht? Katharina die Große, Katharina von Medici, Elisabeth die I. … Also, was denkst du wirklich über Frauenmacht?
Nicht um jeden Preis!
Vielleicht ist unser Optimismus daran „schuld“, dass wir grundsätzlich erst mal viele Dinge gut finden und dabei unsere negativen Erfahrungen völlig außer acht lassen? Es ist auch viel leichter, sich von vorherrschenden Meinungen leiten zu lassen und diese nicht zu hinterfragen, also dem Mainstream zu folgen. Erst wenn die Realität uns eingeholt hat, fängt die Ideologie ganz schnell an zu bröckeln, und uns wird klar, dass wir eigentlich ganz anders über dies und das denken.
Ein alter Spruch sagt ’Denken ist Glückssache. Das sollte man den Pferden überlassen, die haben die größeren Köpfe.‘ Den Pferden sollte man es zwar nicht überlassen, aber das Denken ist tatsächlich Glücksache, scheint mir. Es hängt von vielen Faktoren ab, die uns geprägt haben. On top kommt die ständige Suggestion durch Medien. Aber an ehrliches Insider-Wissen kommen wir selten heran.
In Fachkreisen heißt es: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!“ Überall trifft man auf ergebnisorientierte Studien, die zur „Meinungsbildung“ in Auftrag gegeben wurden. Alles seriös? Denkste Puppe! Durch die Massenmedien überlassen wir heute das Denken einschließlich Meinungsbildung anderen, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Das nennt sich Outsourcing und es ist gefährlich und folgenschwer.
Fassen wir noch einmal zusammen: Unsere Vordenker sind Eltern, Lehrer, Ideologen, Journalisten, Lobbyisten, Großkonzerne, Politiker und Prominente. Da bleibt nur noch zu hoffen, dass wir uns auf den Satz verlassen können:
Der Mensch denkt, Gott lenkt – soweit das bei der wachsenden Komplexität überhaupt noch möglich ist.
