Sicher kochen mit Strumpfhaltern

Als ich noch Single war und mein Vater noch lebte, machten meine Eltern und ich einmal zu Weihnachten einfach so zum Vergnügen ein Rollenspiel. Wir saßen alle am Esstisch und mein Vater war der Graf, mir wurde die Rolle der Gräfin zugedacht und meine Mutter sollte das Kind spielen; es hieß Esmeralda Katastropha. Unser Esmeraldchen war unverbesserlich und hatte nur zwei Dinge im Kopf: Gärten und Bücher. Man konnte nun meinen, dass wir den gepflegtesten „Schlossgarten“ hätten und Esmeraldchen besonders gebildet wäre, aber sie war im Garten nur an der Ernte interessiert und bei Büchern nur am Verschlingen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Früchte aß sie und die Geschichten vergaß sie.

Esmeralda, äähhh meine Mutter hat im richtigen Leben vier Kinder zur Welt gebracht. Zuerst zwei Jungen und dann zwei Mädchen. Ihre Jüngste, also meine Schwester, hat sich immer verantwortlich gefühlt und um vieles gekümmert. Man könnte sagen, Initiative ist ihr zweiter Vorname. Sie hat immer wieder den sehr weiten Weg auf sich genommen und alles stehen und liegen lassen, um unsere Mutter zu besuchen oder sie zu sich zu holen und ihr Heilpraktiker-Behandlungen und Massagen zu kommen zu lassen. Sie machte es wie selbstverständlich, obwohl unsere Mutter jedes Mal stundenlang und tagelang zu ihrem Glück überredet werden muss.

Mein zweiter Vorname ist Anpassung. Ich fühlte mich schon immer für die Harmonie zuständig. Dafür habe ich versucht alles passend zu machen und selber oft zurückgesteckt. Das war natürlich meiner Persönlichkeitsentwicklung nicht zuträglich. Ab und zu beschwert sie sich bitter. Und es ist wahnsinnig kräftezehrend, immer als Harmonie-Beauftragte zu agieren: im Elternhaus, im Zuhause mit der Schwiegermutter damals, in der Arbeit, in Gruppen… Zum Glück kann ich mich beim Schreiben austoben und muss mich da nicht zurückhalten – ein gutes Gefühl.

Und dann ist da noch mein dritter Vorname, die Ordnung, die mein Leben mitbestimmt. Ich muss immer alles im Überblick behalten, was mir zu Hause auch wunderbar gelingt. Auch bei der Vermögenssorge meiner Mutter läuft alles wie am Schnürchen und ich weiß, was zu tun ist. Aber in Bezug auf mein Elternhaus sind Hopfen und Malz verloren. Das hatte mich schon früher gestört. Aber damals war meine Mutter noch nicht dement und wusste mit ihrem hausgemachten Chaos sehr gut umzugehen. Inzwischen hat auch sie den Überblick völlig verloren. Da passiert es schon mal, dass Kleidungsstücke für Tage „verschwinden“ und dann wie aus dem Nichts wieder auftauchen.

Meine Schwester hat dann immer folgenden Spruch auf den Lippen: „In einem geordneten Haushalt geht nichts verloren“, sagte die Mutter und fischte den Strumpf aus der Tomatensuppe.

Gut, Letzteres ist bei uns natürlich nie vorgekommen. Und jetzt kann es nicht passieren, denn unsere Mutter kocht nicht mehr selbst. Schade eigentlich, denn ihre Tomatensuppe war immer sehr schmackhaft – auch ohne solche „Geschmacksverstärker“.

Weihnachtsgeld für Vermieter! Neues Geschäftsmodell?

Meine Mutter hat ein neues Geschäftsmodell, um an Bargeld zu kommen. Und außerdem hat sie Sonderwünsche. Sie will das Geld in „kleinen Scheinen“.

Ihre neueste Strategie ist folgende: Sie wolle ihren Mietern Weihnachtsgeld geben. Das wolle sie ihnen in Umschlägen zusammen mit Weihnachtskarten auf die Treppenhaustreppe legen.

Ich sagte ihr, dass sie schon lange keine Weihnachtskarten mehr schreiben würde und dass, solange ich denken kann, kein Mieter unseres Hauses je Weihnachtsgeld bekommen hätte. Abgesehen davon habe ich auch noch nie gehört, dass irgendein Mieter auf der Welt Weihnachtsgeld vom Vermieter erhält.

Bei der momentanen Wohnungsknappheit würde es mich allerdings nicht wundern, wenn die VERmieter in Zukunft mit dieser Art von Zuwendung bedacht werden. Nur um an eine Wohnung zu kommen, würden viele Leute heute sicher einen Mietvertrag unterschreiben mit vereinbarter jährlicher Weihnachtsgeldzahlung an ihren Vermieter. Den Floh habe ich meiner Mutter aber nicht ins Ohr gesetzt. Am Ende verlangt sie tatsächlich noch Geld von den drei Männern im ersten Stock.

Natürlich fragte ich mich, wofür meine Mutter plötzlich wieder Bargeld haben wollte. Sie geht kaum noch aus dem Haus; und wenn sie doch mal etwas einkaufen möchte, geht sie ausnahmslos zu EDEKA, wo sie alles mit ihrer Kundenkarte bezahlen kann. Alles läuft also bargeldlos wie am Schnürchen. Ich hätte noch verstanden, wenn sie das Geld für das Pflegedienst-Team und ihre persönlichen Hilfen gewollt hätte. Aber davon war nicht die Rede. Um diese Art „Weihnachts-Schmerzensgeld“ durfte ich mich selber kümmern. Was ich natürlich auch getan habe.

Nein, das Bargeld war mal wieder für ihren einen Enkel gedacht, der wie in alten Zeiten zu ihr gekommen war, weil er „dringend“ Geld brauchte. Vermutlich tischte er ihr wieder irgendwelche Lügengeschichten auf, um ihr Mitleid zu wecken. Denn wenn er ankündigen würde, dass er das Geld für Drogen bräuchte, würde meine Mutter ihm nichts geben. Sie möchte ja, dass aus ihm „etwas wird“, und dafür braucht man zum Beispiel neue Schuhe – wenn es sein muss auch täglich. Zum Glück kann sie nicht mehr ausgenommen werden wie eine Weihnachtsgans.

Da muss der Enkel eben mit bargeldlosen Weihnachtsgrüßen in ein hoffentlich abhängigkeitsfreies 2019 starten. Das Blatt hat sich gewendet, und das ohne Weihnachtskarte.

Der Ohrwurm starb nicht im frühen Morgenrot – es war Nachmittag

An ihrem Geburtstag besuchte ich meine Mutter. Vormittags traf ich bei ihr ein. Mitgebracht hatte ich einen kleinen und einen großen Weihnachtsstern, zwei neue Wollpullover, einen selbst gebackenen Kuchen, Kerzen, Orangensaft und Sekt, von denen ich wusste, dass ich sie höchstwahrscheinlich wieder mitnehmen würde. Aber man weiß ja nie wer kommt. Ich hatte alles im Korb, wie bei dem Märchen »Rotkäppchen und der Wolf«. In meinem Fall hätte allerdings eher der Titel »Schwarzkäppchen und der Frust« gepasst.

Den Abend vorher hatte meine Mutter mich angerufen und gesagt, dass sie Angst davor hätte, Besuch von ihren Freundinnen zu bekommen. Sie wäre allein bei dem Gedanken daran schon krank und würde schlecht Luft bekommen. Ich konnte sie beruhigen und ihr versichern, dass die vier Damen nicht kommen würden. Aber auch ihre Befürchtung, dass eben diese Freundinnen sie in Zukunft nicht mehr einladen würden, wenn sie nicht einlud, flammte immer wieder bei ihr auf. Dabei war es genau das, was sie sich wünschte. Sie will einfach keinen Besuch mehr von „Fremden“ bekommen und zu denen will sie auch nicht mehr gehen. Telefonisch mit ihnen in Verbindung bleiben ist aber okay für sie.

Als ICH dann kam, freute Sie sich sehr und ließ mich alles auspacken, was ich dabei hatte. Einer der beiden neuen Pullover gefiel ihr auf Anhieb und ich half ihr sofort bei der Anprobe. Sie fühlte sich pudelwohl darin und ich schnitt das Preisschild ab, damit es nicht irgendwo hängen bleiben konnte. Als sie sich etwas später im Spiegel ansah, war die Begeisterung schlagartig vorbei.

Okay, dann probieren wir mal den anderen Pullover an, der ihr plötzlich besser gefällt, dachte ich. Gesagt getan. Sie ließ ihre Hand darüber gleiten. Ja, der ist weicher, weiter, dicker und roter. Rot ist ihre absolute Lieblingsfarbe. By the way: Als Kind trug ich nur rote Pullover. Meine Geschwister und ich hatten ganz früher an der Ostsee sogar rote Badehosen an. So rot, wie die bei Baywatch. Allerdings waren unsere von unserer Mutter selber gestrickt, und wir hätten uns im Notfall selbst retten müssen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diesen zweiten Pullover wollte meine Mutter gleich anbehalten und ich schnitt auch dieses pikende Preisschild heraus. Als sie sich dann später im Badezimmer-Spiegel anschaute, sagte sie barsch: „Den Pullover kannst du gleich wieder hinbringen.“

So zog ich ihr wieder den ersten Pullover an und legte das rote Exemplar heimlich in ihre große Herrenkommode. Dann setzten wir uns an den Tisch und betrachteten die Weihnachtsdekoration. Das riesige Transparent mit Maria, die durch den Dornwald geht, leuchtete auf dem Klavier. Die Kerzen brannten und die Weihnachts-Pyramide drehte sich unaufhörlich.

Letztes Jahr hatten meine Schwester und ich die Pyramide erst nach sehr langer und verzweifelter Suche im Kleiderschrank hinter einem Stapel Nachthemden gefunden. In diesem Jahr fand ich sie in der Herrenkommode quasi uneinsehbar hinter Taschen und Bandagen versteckt – Bandagen, die nicht ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen konnten, weil sie kurz nach dem Erhalt abgeschoben worden waren. Ich schätze, dass neunzig Prozent der verordneten Bandagen ziemlich schnell in die Kleiderschränke ihrer Besitzer wandern, wo sie dann ihre letzte Ruhe finden. Über eine kurze Probephase kommen sie meist nicht hinaus – ich meine die Bandagen, nicht ihre Besitzer.

Die Bandagen meiner Mutter dürften neidisch auf die Weihnachts-Pyramide sein, denn die darf immerhin jedes Jahr vier Wochen laufen, und das ohne Knie, und ohne, dass sie perfekt sitzen muss; sie passt in die Weihnachtszeit und ist überaus beliebt, im Gegensatz zur Bandage, die einen unter Umständen genauso umbringen kann, wie ein Hüfthalter. Aber ich schweife ab.

Meine Mutter und ich saßen also bei Kerzenschein und aßen zu Mittag. Im Laufe des Tages kamen immer wieder Anrufe. Auch von einer alte Chor-Freundin, die viel jünger ist als meine Mutter. Sie rief an, um zu gratulieren. Meine Mutter machte ihr Vorwürfe, dass sie so lange nichts von sich hören lassen hätte. Die Freundin entschuldigte sich mit den Worten, dass ihr Freund gestorben sei. Meine Mutter bedauerte das, hatte es aber augenblicklich wieder vergessen und fragte dann sofort wieder nach dem Befinden der Freundin. Diese sehr liebe und verständnisvolle Frau weiß zum Glück, dass meine Mutter dement ist, und versprach nachmittags zum Kaffee vorbeizukommen. Der Besuch einer einzelnen zusätzlichen Person tut gut und ist ganz zwanglos. Wir freuten uns darauf.

Nachdem meine Mutter aufgelegte hatte, fing sie an zu singen – oder sollte ich eher brummen sagen? Und dazu trommelte sie im Takt mit den Fingern auf den Tisch, wie sie es oft macht. Die Melodie kam mir allmählich bekannt vor. Ab und zu brachte meine Mutter auch den einen oder anderen Textbrocken hervor. „Mein Schatz der Freund ist tot …“, hörte ich. Und plötzlich wusste ich, welches Lied sie so begeistert und inbrünstig vortrug und mir fielen sofort die richtigen Zeilen ein: „Mein Freund der Baum ist tot, er starb im frühen Morgenrot.“ Es war das Lied, mit dem die Sängerin Alexandra 1968 einen Hit landete. Die hatte sich in diesem Moment mit Sicherheit im Grabe herumgedreht. Der Vortrag meiner Mutter war irrwitzig und irgendwie total skurril.

Als kurze Zeit später meine Schwester anrief, trommelte meine Mutter immer noch singend auf dem Tisch herum und ich bekam einen Lachkrampf bei dem Versuch, meiner Schwester den Grund dafür zu erklären. Das Trommeln und das Lachen schaukelten sich langsam hoch. Schließlich lachten wir alle drei zusammen, laut und ungehemmt. Es war ein herrlich befreiendes Gefühl.

Immer wieder setzte ich atemlos zum Versuch an, meiner Schwester zu erzählen, was der im Grunde traurige Anlass für unser Gelächter war. Aber mit meiner singenden, trommelnden Mutter vor mir konnte ich vor Lachen nicht weitersprechen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich endlich zu Ende erzählen konnte.

Für einen kurzen Moment hatte ich meine nicht so lustige Betreuungssituation vergessen. Aber dann leuchtete schon wieder eine innere Warnlampe auf. Inständig hoffte ich, dass sich der „Ohrwurm“ meiner Mutter verdünnisieren würde, bevor die nette Freundin zum Kaffeetrinken eintraf. Denn diese Art der Anteilnahme kommt bei echter Trauer nun mal nicht wirklich gut an, besonders, wenn sie so inbrünstig vorgetragen wird. Feingefühl gehörte noch nie zu den Stärken meiner Mutter. Und jetzt hat es sich endgültig von ihr verabschiedet. Aber wer sie kennt, weiß, dass sie im Grunde ein gutmütiger Mensch ist, und das ist es doch, was die Menschlichkeit ausmacht.

Funkwellenfreies Handy im Strumpf

Meine Mutter sagt immer, was sie denkt, auch wenn sie gar nicht gefragt wird. Würden das alle Menschen tun, wäre ein friedliches Zusammenleben auf der Welt wohl kaum möglich. Bei meiner Mutter geht diese Art der Ehrlichkeit aber auch noch mit Wechselhaftigkeit einher, was größtenteils ihrer Demenz geschuldet ist. Wenn sie ihre Kleidung so oft wechseln würde, wie ihre Meinungen und Absichten, wäre sie die gepflegteste Erscheinung auf Erden.

Sie sagt, sie wäre eben so, wie sie ist. Der liebe Gott würde nur Einzelstücke anfertigen. Bei ihr kommt nun also das kleine eigensinnige Einzelstück ihrer Kindheit wieder voll zum Vorschein. Auch das Duschen und Haare waschen umschifft sie so gut sie kann. Neuerdings will sie ausschließlich ihren rotbunten Jacquard-Woll-Pullover in Kombination mit ihrer braun-karierten Hose tragen, sogar zur Frauenbund-Adventsfeier. Aber das konnte ich gerade noch verhindern.

Obwohl ich zugeben muss, wenn ich die neuste Mode betrachte, ist so etwas Schräges total angesagt. Kaum zu glauben, aber karierte und bunte Muster sind voll im Trend, sogar in wilden Kombinationen. Meine Mutter hat keine Ahnung von Mode, aber sie weiß, wie praktisch Buntes ist; man sieht nämlich nicht gleich jeden Fleck. Trotzdem würde ich ihren Wollpullover gerne mitnehmen und nach Pflegeanleitung waschen. Zum einen, damit er nicht so winzig wird wie sein Vorgänger (es lebe die Kochwäsche) und zum anderen, weil der Pullover vor ihrer Brust, wo sich alles weit nach vorne wölbt, inzwischen merklich dunkler geworden ist. Außerdem hat er am Ellenbogen ein sich ausbreitendes Loch, das dringend gestopft werden muss.

Man könnte jetzt dagegen halten, dass teure Designer-Jeans ja auch Löcher hätten und Designer-Schuhe an den Spitzen absichtlich schmuddelig dunkler gemacht würden. Das ist zutreffend und man nennt diesen Trend Used-Look. Ich glaube jedoch nicht, dass irgendjemand den Pullover meiner Mutter als Designer-Stück durchgehen ließe – schon gar nicht ihre Senioren-Freundinnen. Die würden sofort sehen, was wirklich los ist. Meiner Mutter scheint das egal zu sein, mir aber nicht. Denn letztlich fällt doch alles auf mich, als Betreuerin, zurück. Deshalb habe ich ihr heimlich zwei neue rot-bunte Jacquard-Pullover bestellt, die ich ihr zum Geburtstag „unterjubeln“ werde. Offiziell geht diesbezüglich gar nichts, das ist ja das Problem. Andere Mütter würden sich freuen, wenn ihre Töchter ihnen schicke, bequeme Sachen kaufen würden.

Sie sehen schon, meine Mutter ist ein Einzelstück, das einen fertigmachen kann. Einerseits will sie so sein, wie sie eben ist, andererseits will sie ihre vornehmen Freundinnen zu ihrem bevorstehenden Geburtstag einladen. Eigentlich hat sie Angst davor, weil ihr bewusst geworden ist, dass sie nicht mehr an der Unterhaltung teilnehmen kann und, dass ihr das alles zu viel wird.

Im letzten Jahr sollte ich mich noch um alles kümmern. Freie Hand ließ sie mir dabei allerdings nicht gerade. Es hätte auch nicht viel genützt, denn die freie Hand kann nun mal nicht zaubern und schon gar nicht aus dem bockigen Kind eine gepflegte Gastgeberin machen. Deshalb wird auch in diesem Jahr nicht gefeiert und sie ist erleichtert.

Aber für die passive Teilnahme an einer Adventsfeier war meine Mutter bereit. Mit Engelszungen redete ich auf sie ein. Schließlich gelang es mir, sie nicht nur zur weißen Bluse, Strickjacke und schwarzer Hose zu überreden, sondern sie auch in selbige hineinzuquetschen. Dann hängte sie sich ihr Handy um, dass sie sich vorher zurechtgelegt hatte. Das steckt in einer Art Strumpf mit einer langen Kordel dran.

Seitdem sie ein Handy besitzt, ist sie daran gewöhnt es sich umzuhängen, sobald sie das Haus verlässt. So fühlt sie sich sicherer. Die Tatsache, dass es nicht funktioniert, weil weder Akku noch Guthaben aufgeladen sind, ist ihr nicht bewusst und das ist auch nicht notwendig. Denn was würde ihr ein einsatzbereites Handy nützen, das sie definitiv nicht mehr bedienen kann?

Sie ist grundsätzlich davon überzeugt, dass sie noch alles kann, aber nicht ausschließlich. Es wechselt. Und ich versuche weitestgehend meiner Mutter die Illusionen zu erhalten und sie so leben zu lassen, wie sie es gewohnt ist. Das entspricht zwar nicht den Standards, aber auf diese Weise lebt sie so, wie sie es möchte in ihrem kleinen Demenz-Mikrokosmos mit Löchern im Pullover, die sie sich allerdings nicht vom Einsatz in unserer Ellenbogengesellschaft geholt hat – nein, die sind einfach nur vom Zahn der Zeit hineingearbeitet worden.

Wenn Konsumenten in die Röhre schauen

Als Betreuerin meiner Mutter bekam ich Post von ihrer Versicherung. Es ging um das Haus, das schon seit Jahr und Tag bei genau dieser Gesellschaft versichert war. Der zuständige Sachbearbeiter bedankte sich für die Treue und wollte weiterhin alles daran setzen, meine Mutter als zufriedene Kundin zu begleiten.

Außerdem informierte er darüber, dass die Versicherung ihre Produkte laufend der veränderten Marktsituation anpassen müsste. Da der Vertrag meiner Mutter seit mehreren Jahren nicht aktualisiert worden sei, wäre ihr Wohngebäude-Versicherungsschutz nicht mehr zeitgemäß. Es würde sich bei ihr um ein veraltetes Produkt handeln. Moderne Versicherungsprodukte bekämen eine Prämienanpassung. Das „unmoderne Produkt“ meiner Mutter würde die Gesellschaft vom Markt nehmen. Aber großzügigerweise machen sie uns ohne Überprüfung ein individuelles Umstellungsangebot. Wir dürfen den Vertrag auf den neusten XXL-Tarif anpassen.

Wow! Wie lange muss ein Mensch BWL mit Schwerpunkt Marketing studiert haben, um eine Preiserhöhung so rüberbringen zu können? Aber, was mich nach dem Lesen des Briefes hauptsächlich beschäftigt hat: Warum ist eine Versicherungspolice ein Produkt?

Bis jetzt dachte ich immer, ein Produkt sei ein Ergebnis oder ein Ertrag. Mit anderen Worten, dass da etwas hergestellt wurde oder etwas herausgekommen ist. Wenn ich an ein Produkt denke, sehe ich vor meinem geistigen Auge z.B. Stiefeletten, Klamotten oder Taschen. Andere sehen z.B. Zigaretten, Karossen oder Flaschen. Man denkt also üblicherweise an Gegenstände. Das war gestern. Marketing sei Dank, wird heute einfach alles in Produkte aufgeteilt. Genauso wie Menschen in Zielgruppen eingeteilt werden. Die Menschen in den Zielgruppen nennt man Konsumenten, zu gut deutsch Verbraucher.

Oft wissen die dummen Zielgruppen aber gar nicht, was sie so alles brauchen; bis man es ihnen sagt. Und zwar besonders oft und meistens penetrant und meistens laut. Das nennt man Promotion, zu gut deutsch: Werbung. Es gibt schöne Werbung und weniger schöne Werbung. Die Geschmacklosigkeit kennt dabei keine Grenzen. Es bedarf einiger Einwirkzeit, bis die Zielgruppen endlich anbeißen. Dann fangen sie an, diese Produkte zu kaufen und meistens sogar zu (ver-)brauchen. Das nennt man Konsum. Nach einer Weile fragen sie sich dann sogar, wie sie vorher ohne diese Produkte (über)leben konnten. Das nennt man Abhängigkeit. Bingo! Es hat geklappt. So geht Marketing, und zwar mit jedem Produkt.

Will man sich versichern, kauft man also ein Versicherungsprodukt. Will man Geld sparen oder anlegen, kauft man ein Finanzprodukt. Selbst wenn dabei im Endeffekt Geld verloren wird, wie z.B. bei Aktien, Immobilien-Fonds oder Schiffsbeteiligungen, ist das ja auch ein Ergebnis, wenn auch ein schlechtes Ergebnis. Der Anbieter der Produkte kann in jedem Fall ein gutes Ergebnis für sich verbuchen. Das nennt man Provision.

Auch Krankenhäuser müssen heute kostendeckend arbeiten und spezialisieren sich deshalb auf bestimmte Produkte. Braucht man eine neue Hüfte, ein neues Knie oder eine Magenverkleinerung, also ein Dienstleistungsprodukt aus dem medizinischen Bereich? Dann wird man als Patient umworben. Dafür werden in Krankenhäusern Verkaufsveranstaltungen, ähh Vorträge gehalten. Am beliebtesten sind bei den Anbietern, ähh Ärzten und Kliniken solche Erkrankungen, die wie am Fließband durchlaufen und gut abzurechnen sind, die also als Fallpauschale in der Preisliste der Krankenkassen aufgeführt sind. Für diese Produkte zahlen die Krankenkassen, die sich in der günstigen Position befinden, Rabatt abziehen zu dürfen.

Krankenkassen sind Versicherungen, denen das Geld, über das sie verfügen dürfen, so gut wie automatisch zufließt. Das nennt man Krankenversicherungspflicht. Sie wollen, dass es den Menschen gut geht, und gehen mit gutem Beispiel voran, insbesondere bei ihren Vorständen und Angestellten. An Gehältern und Ausstattung wird nicht gespart.

Wir waren beim Produkt. Nun stellt sich die Frage, ob es vorteilhafter ist, an der Erkrankung zu leiden, für die ein passendes Produkt angeboten wird. Wie auch immer, mit oder ohne Operation. Wenn die Krankenhäuser mit ihren Produkten durch sind, müssen sie die Leute in jedem Fall schnell wieder loswerden. Das kann folgendermaßen aussehen: Zuerst wird man in die Röhre geschoben, dann guckt man in die Röhre und es heißt: „Nichts geht mehr.“ Das nennt man Rationalisieren.

Seine Krankheit kann man sich nicht aussuchen, wie es so (un-)schön heißt. Aber eines kann man tun: Erkrankungen vermeiden. Da weltweit inzwischen die vermeidbaren Erkrankungen überwiegen, liegt also viel Potenzial darin, sich ein Produkt aus dem medizinischen Bereich zu er-sparen. Es ist eine echte Chance, Leute!

Produkte sind Fluch und Segen zugleich. Auf die meisten können oder möchten wir nicht mehr verzichten. Die ganze Welt ist voller Produkte, alles dreht sich um sie. Sogar wir Menschen sind Produkte, Produkte unserer Eltern, unserer Erziehung und Umwelt. Man kann sagen:

„Geld regiert die Welt!  – Aber Produkte beherrschen sie!“

Wenn der Grabbläser den Eicheln was pustet

Am nächsten Sonntag ist Totensonntag. Deshalb fuhr ich mit meiner Mutter wie üblich zum Friedhof, um das Grab zu diesem Anlass frisch herzurichten. Ich überlegte, ob ich meine Tasche im Auto lassen sollte. Weil Autos immer häufiger an Friedhöfen aufgebrochen werden, nahm ich sie lieber mit.

In nächster Nähe unseres Familiengrabes stehen mehrere Rieseneichen. Entsprechend viel Laub fällt um diese Jahreszeit unaufhörlich herunter. Als wir ankamen, konnten wir unser Grab zunächst kaum sehen. Es war fast völlig mit Eichenblättern bedeckt. Die meisten anderen Gräber, die sich in der Nähe befinden, werden von Friedhofsgärtnern gepflegt, was man an einer Markierung erkennt, die vorne auf den Gräbern steckt. Ein Mann war auch gerade damit beschäftigt, das Laub von den Gräbern zu blasen, für die er zuständig ist. Aber ich denke, wenn beim Blasen die Eicheln ignoriert werden, kann wohl kaum ein befriedigendes Ergebnis dabei herauskommen. Außerdem ist das Ganze mit sehr viel Krach und Abgasen verbunden. Seit der Erfindung des Laubbläsers ist die viel gepriesene Friedhofsruhe dahin. Aber ich schweife ab.

Wie Sie sich schon denken können, wurden die Blätter nicht weggebracht, sondern nur umverteilt. Dreimal dürfen Sie raten, wo sie landeten. Aber Schwamm, ääh Harke drüber.

Ich stellte meine Utensilien und meine Tasche mit etwas Abstand zum Grab ab, damit ich auch drum herum alles frei harken konnte. Während ich beschäftigt war, vermied der Gärtner freundlicherweise, weiteres Laub in unsere Richtung zu blasen. So kam ich gut voran und konnte auch die Eicheln aus den Bodendeckern herausholen, von denen es in diesem Jahr besonders viele gibt.

Während meine Mutter auf dem Rollator saß und mich „unterhielt“, befreite ich das Grab von allem, was da nicht hingehörte. Körbeweise brachte ich die zusammengeharkten Blätter, einschließlich Eicheln, zum sehr nahe gelegenen Abfallkorb und erntete ein paar mitleidige Blicke vom Gärtner. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, sagte ich mir. Nach getaner Arbeit war unser Grab nämlich das einzige im Umkreis, das nicht voller Eicheln war, die später wie Unkraut keimen. Im Frühjahr muss ich nicht mühsam die Mini-Eichen herausreißen. Ich denke, mit dem Laubblasen ist es so, wie es im Leben oft ist: Zuerst wird viel Wirbel gemacht und am Ende kommt wenig dabei heraus.

Außer dem Laubbläser hielten sich noch zwei andere Gärtner in unserer Nähe auf, die mit einem anderen Grab beschäftigt waren. Die junge Frau pflanzte und steckte Tannengrün, während der ältere Kollege zusah und Ratschläge gab. Das nennt man Arbeitsteilung.

Dann erblickte ich noch einen anderen Mann, der langsam immer näher kam. Er sah nicht nach einem Gärtner aus, aber auch nicht wie ein Friedhofsbesucher, der auf dem Weg zu dem Grab eines Angehörigen ist. Als ich zu ihm aufsah, guckte er schnell weg. Dann stellte er sich an ein sehr nahe gelegenes Grab und steckte sich eine Zigarette an. Ich musste unwillkürlich immer wieder in seine Richtung schauen. Was will der da?, dachte ich. Der Grabbläser war inzwischen fertig mit seiner Verteilungsarbeit und entfernte sich.

Mein Portemonnaie hatte ich in meiner inneren Jackentasche, aber mein Handy und mein ”Betreuungs-Täschchen“ mit einigen wichtigen Unterlagen waren in meiner Tasche, die immer noch dort stand, wo ich sie abgestellt hatte. Intuitiv nahm ich sie an mich und packte erst dann langsam alle Utensilien zusammen, die ich für die Grabpflege mitgebracht hatte.

Die Sonne schien und ich genoss die Stille ohne den Lärm, soweit es eben möglich ist mit einer Mutter, die ständig reden muss. Dann atmete ich tief durch. „Endlich ist die Luft rein“, freute ich mich. Als ich wieder zu dem geheimnisvollen Mann hinüber sah, war er verschwunden. Merkwürdig! Er hatte wohl auch darauf gewartet, dass „die Luft rein ist“, allerdings in einem anderen Sinne. Und das war sie definitiv nicht, den das ungleiche Gärtnerpaar beschäftigte sich immer noch in unserer Nähe.

Schließlich gingen wir langsam den Weg zurück. Kurz vor dem Ausgang ging der unheimliche Mann direkt auf uns zu. Meine Tasche habe ich von meiner Tochter abgestaubt. Die besteht aus wasserdichter Lkw-Plane mit einem breiten verstellbaren Schultertrageriemen. Den hatte ich mir quer übergehängt. Das nennt man Crossbag, und genau so soll sie auch hängen bleiben, dachte ich intuitiv. Meine eine Hand umklammerte fest die Harke. In der anderen Hand hielt ich den Korb mit meinem Unkraut-Stecher. Ich merkte, wie auch meine Mutter spürte, dass etwas nicht stimmte, denn sie hörte plötzlich auf zu reden. Die Situation war unheimlich, aber ich wollte nicht als Opfer da stehen und richtete mich etwas auf, um Stärke zu signalisieren.

„Nah warte! Ich zeig dir, was ‘ne Harke ist“, sagte mein Blick, als der Mann mich mit seinem unheimlichen Blick ansah, „Wir sind vorbereitet. Ein Taschenfreak, wie ich, lässt sich seine Tasche nicht so einfach wegnehmen. Und wenn es sein muss, haut dir auch noch meine Mutter die Pflanzschaufel links und rechts um die Ohren, bis Dir Hören und Sehen vergeht.“ Was soll ich sagen? Bingo! Es hatte gewirkt. Der fremde Mann hatte meine telepathische Nachricht offenbar erhalten, denn er änderte seinen Blick und ging in letzter Sekunde an uns vorbei.

Erleichtert fuhren wir nach Hause und aßen zu Mittag. Bevor nachmittags Bares für Rares anfing – Sie wissen schon, diese Trödelshow mit Horst Lichter – machte ich meiner Mutter noch einen Kaffee, putzte ihre Brille und gab ihr Augentropfen. So konnte sie genussvoll ihre Lieblingssendung im Fernsehen anschauen und ich konnte mich getrost auf den Heimweg machen.

Dieses Mal wollte ich ihre weiße Bluse mitnehmen, um sie mit meiner weißen Feinwäsche mitzuwaschen und wieder tragbar zu machen. Aber meine Mutter fand das unnötig und meinte: „Die ist doch gar nicht so schmutzig. Irgendwann bin ich unter der Erde, und da ist es noch viel schmutziger.“ Daraufhin lachten wir beide laut. Auch dieses Thema kann man also ruhig mit Humor sehen.

Wenn sich hyperaktive Mütter in Kartoffelsäcke verwandeln

Es dürfte inzwischen wohl einwandfrei feststehen, dass meine Mutter ziemlich dement ist. Zum Glück reicht es bei ihr aber noch für ein paar wichtige Dinge des täglichen Lebens. Sie kann zum Beispiel etwas in ihren Kalender schreiben, weiß jedoch nicht, welchen Tag wir „heute“ haben. Sie kann den Fernseher betätigen, drückt aber immer wieder mal die falschen Knöpfe, wegen der zeitverzögerten Reaktion des Gerätes.

Abwarten war noch nie ihre Stärke. Sie kann telefonieren, vergisst jedoch, dass sie schon mehrmals angerufen hat. Ja das Anrufen ist ihre Hauptbeschäftigung und fällt ihr leicht. Nur beim Annehmen eines Anrufes gibt es neuerdings Probleme. Welches Telefonsymbol soll sie drücken, das rote oder das grüne? Leider entscheidet sie sich ab und zu für das rote, sprich sie drückt den Anruf weg.

Von alledem scheinen ihre Freundinnen bisher nichts bemerkt zu haben, zumal die Stimme meiner Mutter am Telefon immer sehr klar ist und sie einen selbstbewussten und vor allem selbstbestimmten Eindruck macht. Deshalb wurde sie jetzt auch wieder zu einem Kaffeekränzchen eingeladen, das an einem Freitag stattfinden sollte.

Montag vor dem Treffen freute sie sich noch über die Einladung. Am Dienstag hielt sich die Freude schon in Grenzen und schrumpfte dann von Tag zu Tag. Gleichzeitig breitete sich langsam aber sicher Unsicherheit aus, aber ich redete ihr gut zu. Schließlich sollen demente Menschen doch unter Leute kommen und ein Treffen mit „alten“ Freundinnen ist eine gute Abwechslung zum einsamen Alltagstrott. Trotzdem sagte sie mir am Donnerstag weinend, dass sie Angst hätte, aber ich konnte sie beruhigen.

Am Freitag fuhr ich schon frühzeitig zu ihr, um ihr die Haare zu schneiden und ihr zu helfen sich fertigzumachen. Immer wieder sagte ich ihr, dass alles gut sei und ich, wie gewünscht, auch ein Geschenk für die Gastgeberin besorgt hätte. Und dann fuhren wir endlich los.

Die Freundinnen meiner Mutter sind alle grundverschieden, so verschieden wie Menschen eben sein können. Es ist alles dabei von warmherzig bis frostig, von bescheiden bis großspurig, von nett bis unfreundlich, von herzlich bis hochnäsig. Die Freundin, die mit den jeweils ersten Adjektiven gesegnet ist, hatte eingeladen.

Als wir vor ihrer Tür standen, lächelte sie mir freundlich zu, nahm meine Mutter herzlich in Empfang und freut sich über das Blumengeschenk. Wir waren ihre ersten Gäste. Ich verabschiedete mich gleich wieder, damit ich noch etwas von der mir verbleibenden Regenerationszeit hatte.

Als ich drei Stunden später frisch gestärkt erneut klingelte, um meine Mutter abzuholen, kam die Freundin mit den jeweils zweiten Adjektiven an die Tür, weil sie die Mobilste von allen ist. Sie kommt noch völlig ohne Rollator aus. Ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Sie war ziemlich genervt. Aber das überraschte mich ebenso wenig, wie es mir etwas ausmachte.

Eine andere Freundin, die ebenfalls zu Gast war, fragte mich, ob ich sie mitnehmen und bei ihr zu Hause absetzen könne. Das tat ich selbstverständlich gern, aber mit dem Hinweis, dass sie hinten in meinem kleinen Zweitürer sitzen müsse. Sie versicherte mir, dass das kein Problem für sie sei.

Um Platz zu schaffen, bugsierte ich unsere Nordic-Walking-Stöcke vom hinteren Fußraum in den Kofferraum. Ich war also für einen kurzen Moment abgelenkt und schon hatte sich meine hyperaktive Mutter aus falsch verstandener Höflichkeit ihrer Freundin gegenüber auf den Rücksitz meines Autos gequetscht. Da war nichts mehr zu machen. Okay, wird schon schiefgehen, dachte ich, und schnallte sie an.

Die Freundin wollte mir Bescheid sagen, wenn wir bei ihrem Haus angekommen wären, genauso wie es einmal meine Mutter tun wollte, als ich sie dort hinfahren sollte. Soviel zur Theorie. Auch ich konnte in der sehr langen Allee mit den weit zurückliegenden Häusern in der regennassen Dunkelheit nichts erkennen und schon gar nicht irgendeine Hausnummer. Was das betrifft, habe ich schon viel erlebt und viele Leute darauf hingewiesen, dass ihre Hausnummer nicht zu erkennen oder gar nicht erst vorhanden wäre. Über die Antworten, die ich da bekam, muss ich immer noch den Kopf schütteln. Hier mal eine kleine Auswahl:
– Doch selbstverständlich haben wir eine Nummer am Haus, die ist nur zugerankt. (Haben die noch nie etwas von einer Gartenschere gehört?)
– Unsere Hausnummer ist neben der Eingangstür, wie sie sehen. (Ja super, aber die befindet sich seitlich am Haus, von der Straße aus ist sie also nicht sichtbar.)
– Wenn die Beleuchtung brennt, sehen sie auch unsere Hausnummer, aber wir sind sehr energiebewusst und lassen die Lampen lieber aus! (Sorry Leute, aber ich brauche keinen Pfadfinder-Crash-Kurs.)
– Eine Hausnummer ist längst nicht so wichtig wie ein Warnhinweis „Hier wache ich!“ Aber keine Sorge, wir haben gar keinen Hund. Das Schild ist nur als Einbrecher-Abschreckung gedacht und wir beißen nicht ha ha ha… (Ach, da bin ich ja beruhigt.)
– Wozu brauchen wir eine Hausnummer. Wir wissen doch, wo wir wohnen und der Briefträger auch. Und bis jetzt haben uns noch alle gefunden, die zu uns wollten. (Sorry Leute, aber ne Schnitzel-Jagd im Dunkeln musste ich jetzt nicht noch haben!)

Aber ich schweife ab. Wir waren bei der Heimfahrt vom Kaffeekränzchen. Die Freundin sagte schließlich stopp und ich bog ab in einen mit Steinen gesäumten Naturweg, der mir allerdings nicht bekannt vorkam. Aber was tut frau nicht alles, um einer Auseinandersetzung mit älteren Damen aus dem Weg zu gehen. Als ich mit ihr ausstieg, sah ich, dass es sich tatsächlich nicht um ihr Haus handelte und ich wollte sie schon wieder einsteigen lassen. Aber sie bestand darauf, die restlichen Meter bis zu ihrem Haus auf dem Fußweg weiter zu gehen. Es wäre nicht mehr weit, sagte sie noch, und schon war sie weg. Nennt man das Altersstarrsinn?

Also fuhr ich den schmalen Weg bei Regen im Dunkeln wieder zurück. Das war aber gar nicht so einfach, weil ein Bewohner des Hauses von hinten versuchte, sich an meinem Fahrzeug vorbei in seine Einfahrt zu quetschen. Als er endlich nicht mehr von hinten blendete, weil er es geschafft hatte, musste ich zweimal aussteigen, um mich zu vergewissern, dass ich beim Wenden nicht aus Versehen gegen einen der Begrenzungssteine fuhr. Ja, ich habe kein modernes mit Pieplauten ausgestattetes Auto. Und wenn es draußen dunkel ist, gehe ich lieber auf Nummer sicher. Allerdings ist das etwas nervig, wenn die Prozedur ununterbrochen von löchernden Fragen und Bekundungen untermalt wird. Und so hörte ich von der Rücksitzbank in Dauerschleife:
„Hatte ich überhaupt ein Geschenk? Habe ich mich eigentlich bedankt? Habe ich mich denn auch verabschiedet? Ich will nirgendwo mehr hin! Das nächste Mal sage ich einfach, dass ich keine Zeit habe!“

Meine Mutter hatte sich beim Kaffeekränzchen unwohl gefühlt, weil ihr doch irgendwie bewusst geworden war, dass sie bei der Unterhaltung nicht mehr mitkam.

Als wir zwei zu Hause angekommen waren, konnte meine Mutter mal wieder nicht abwarten und rutschte, bei dem Versuch alleine auszusteigen, von der Rückbank in den Fußraum. Und da saß sie nun fest und kam nicht mehr vor
und nicht mehr zurück. Ich versuchte von beiden Seiten sie herauszubekommen, aber es half kein Ziehen und kein Schieben. Der Vordersitz ließ sich auch nicht weiter nach vorne schieben.

Gerade als ich in Erwägung zog, die Feuerwehr anzurufen, kam ein Mieter meiner Mutter aus dem Haus. Mit vereinten Kräften und zweimaligem Positionswechsel gelang es uns beiden schließlich, meine Mutter vorsichtig aus dem Auto zu holen, ohne ihr die Knochen zu brechen. Einen Kartoffelsack hätte ich vermutlich leichter von der Rückbank ins Freie gehievt.

In ihrer Wohnung angekommen, ging meine Mutter ins Schlafzimmer und sagte mir, dass sie an ihrem Bett kein Licht mehr hätte; die Glühbirne wäre kaputt gewesen. Eine neue Glühbirne hatte ich schließlich gefunden. Glauben Sie mir, Schubladen gibt es genug, die solche Schätze vor der Außenwelt abschirmen. Nun musste ich also nur noch die Klemmleuchte selbst suchen. Die hatte meine Mutter nämlich schon entfernt. Irgendwann fand ich sie schließlich in einer Ecke des Schlafzimmers zwischen mehreren Taschen.  „Wer suchet, der findet“, heißt es ja schon in der Bibel.

Ich bin ein ordentlicher Mensch, vielleicht, weil ich zu faul zum Suchen bin, vielleicht ist es aber auch nur ein inneres Bedürfnis, einen echten Überblick zu haben und jederzeit zu wissen, wo ich was finden kann. Ich hasse es, wenn etwas nicht an seinem Platz ist. Aber wenn ich bei meiner Mutter bin, muss ich immer etwas suchen, weil sie es alleine gar nicht mehr findet. Ja, man könnte sogar sagen:

Das ganze Leben ist eine Schnitzeljagd! Man muss allerdings nicht jedem Schnipsel hinterher jagen. Manchmal ist es ganz gut, wenn Sachen von der Bildfläche verschwinden. Ich denke da z.B. an den Führerschein meiner Mutter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bierverkostung in vollen Zügen

Seit Tagen habe ich einseitige Kopfschmerzen, was sich verstärkt, wenn ich an den Kopf fasse oder mir die Haare bürste. Deshalb habe ich mir selber den Rat gegeben, nicht mehr dran zu fassen und mir nur noch im Notfall die Haare zu bürsten. Es stellt sich die Frage: Wie scheiße darf ich aussehen, damit es ein Notfall ist?

Außerdem schmerzt die Seite auch, wenn ich nachts draufliege, was mich vorübergehend wieder zum Kopfkissen greifen ließ. Wenn die Schmerzen nicht nachlassen, muss ich wohl dem Rat meiner Mutter folgen und den Arzt fragen, ob man „mit so was leben kann“. Er wird sagen, dass er es tun würde. Deshalb beschloss ich, die Schmerzen zu ignorieren und das Leben und besonders diesen Tag in vollen Zügen zu genießen. Da kam die geplante Brauerei-Besichtigung mit anschließend reichlicher Bierverkostung gestern Nachmittag wie gerufen. Mein Mann, meine Tochter, ihr Freund und ich hatten viel Spaß und ICH ziemlich schnell „einen sitzen“. Das kommt davon, wenn man sonst so gut wie nie Alkohol trinkt.

Nach der Veranstaltung gingen wir fröhlich lachend durch den lauschigen Abend an der Weser entlang. Bei unserer Tochter wartete dann noch eine reichhaltige Käseplatte mit Baguette auf uns. So ein Nachtisch kommt bei mir immer gut an. Mmh, das hatte gemundet und ich war schnell wieder nüchtern. Spät abends zu Hause tat mir der Kopf nun beidseitig weh, sogar ohne dass ich „dran fassen“ musste.

Heute im Laufe des Vormittags fühlte ich mich zwar noch nicht wirklich gut, aber wer feiern kann, muss auch arbeiten, sagte ich mir und bereitete mich seelisch und moralisch auf die Fahrt zum »Frauenbund für alkoholfreie Kultur« vor. Es ging mal wieder nach Grambke, und als vorbildliche Tochter, wollte ich meine Mutter natürlich hinfahren und begleiten. Beim Frauenbund-Treffen erwartete mich dann noch ein kleines Highlight, als ich hörte, wie eine Frau meine Mutter fragte: „Margret, bist du mit deiner Enkelin gekommen?“ Oh, das ging runter wir Öl!

Als alle Frauen ihre Plätze eingenommen hatten, begrüßte uns die erste Vorsitzende ganz herzlich zum ”Advent-Kaffeetrinken“ und sorgte damit für allgemeine Belustigung. Denn es handelte sich natürlich um das Erntedank-Kaffeetrinken, das bei sage und schreibe 25 Grad im Schatten stattfand. Sie war ihrer Zeit eben ein wenig voraus. Kein Wunder, wenn es schon Ende August Lebkuchen in den Regalen gibt. Da kann man sich schon mal vertun.

Während der anschließenden mühsamen Unterhaltung vermied ich es tunlichst, meinen feuchtfröhlichen Ausflug vom Vortag zu erwähnen. Ich bin zwar kein Mitglied dieses Vereins, und deshalb auch nicht zum Abstinentsein verpflichtet, hielt es aber trotzdem für keine gute Idee, dass die netten Damen von meinen Kater-Kopfschmerzen erfuhren. Am Ende hätten sie mich noch bekehren und als Neuzugang akquirieren wollen.

Beim Kaffeetrinken fragte meine Mutter immer und immer wieder das Gleiche, z.B. wer den kleinen Kürbis mit lila Hut aus Tonpapier gebastelt hätte, den jeder als Geschenk vor sich stehen hatte. Wir sagten ihr immer und immer wieder, dass es die Lilo im lila Shirt vom Nebentisch war – eine Frau, die ihren besonderen Hang zu der Farbe Lila nicht leugnen konnte.

Die anderen Frauen an unserem Tisch waren im Gegensatz zu meiner Mutter nicht dement, aber mehr oder weniger schwerhörig oder in andere Gespräche vertieft. Dadurch ging die ewige Fragerei nach dem besagten Kürbis zum Glück ein wenig unter bzw. ich konnte schnell antworten oder ablenken. Der hohe Geräuschpegel im Gemeindesaal tat sein Übriges.

Das gemeinsame Singen eines Herbstliedes und ein kleiner Vortrag ließen mich zwischendurch ein bisschen durchatmen. Und das Singen hat meiner Mutter besonders viel Freude bereitet.

Unterm Strich wurde ich mit der Flatrate-Fragerei vor und während der gemeinsamen Hinfahrt, ungefähr zwei Stunden im Saal und während und nach der gemeinsamen Rückfahrt beschallt. Ich sage nur so viel: Da kommt auch eine gute Schmerztablette an ihre Grenzen.

Auf meiner Heimfahrt genoss ich die Stille im Auto und spürte die Freude in mein eigenes Herz zurückkehren, die ich meiner Mutter vorher mit diesem Ausflug geben konnte.

Flambierte Augenbrauen und andere Alkohol-Unfälle

Der Alkohol ist ein Riesengeschäft! Er ist legal und ziemlich problemlos, jedenfalls für die, die damit Geld verdienen. Und weshalb? Es gibt in den meisten Fällen kein Verfalldatum, das da klein gedruckt lauert. Und Alkohol ist praktisch ein Selbstläufer. Aus verschiedenen Gründen wird er ständig konsumiert. Wohldosiert sorgt Alkohol für Entspannung, schöne Trinksprüche und viel Spaß in geselligen Runden. Aber das Trinken macht natürlich auch große Probleme.

Ein vergleichsweise kleines Problem hat dagegen die Spirituosen-Industrie: Alkoholische Getränke sind der Mode unterworfen. Ja sie haben richtig gelesen. Ich habe mal ein bisschen darüber nachgedacht, wie sich die Trink-Mode geändert hat, und bin selbst erstaunt darüber, was mir dazu alles eingefallen ist.

Nick Charles war in dem Film Mordsache dünner Mann aus dem Jahr 1934 mehr mit dem Trinken als mit dem Ermitteln beschäftigt, und zwar so gut gelaunt und charmant, dass man fast den Wunsch hegte, auch immer durch Drinks so gut drauf sein zu wollen. Seine süße, ebenso stinkreiche wie trinkfeste Frau langweilte sich geradezu ohne Mordfälle und ohne Drinks. Das Cocktail-Kleid konnte man praktisch als ihre Arbeitskleidung betrachten. Mit diesem Film kurbelte die Spirituosen-Industrie direkt nach der Prohibition den Alkoholkonsum wieder voll an. Bessere Werbung ist kaum vorstellbar. Unter anderem spielten gemixte Martinis eine große Rolle, wie in vielen anderen Filmen später auch, z.B. bei James Bond. Ob sie gerührt oder geschüttelt wurden, sei dahingestellt, genauso wie die kostbaren Kristallflaschen auf edlen Tischchen.

Nach dem Krieg drehte sich in Deutschland vieles um das gesellige Trinken. In den 1960er Jahren wurden gerne und zu jeder Gelegenheit Trinklieder gehört, mitgesungen und geschunkelt: Von „Trink Brüderlein trink“ über „Kornblumenblau“ bis „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“. Prösterchen!

Bei Hochzeiten standen auf jedem Tisch mehrere Schnapsflaschen und die Musik wurde häufig unterbrochen, damit die Gäste über das Tanzen das Trinken nicht vergaßen. Im Radio gab es spät abends eine Sendung mit dem Titel Funk-Bar, der Vorläufer der heutigen Fernseh-Talkshows. Die nette Unterhaltung der Leute wurde mit Musik und dem Klirren der Gläser untermalt und mit Cocktail-Rezepten angereichert. Im Fernsehen sah man sonntags vormittags im internationalen Frühschoppen Journalisten an einem halbrunden Tisch rauchend und Wein trinkend diskutieren. Gegen Ende der Sendung konnte man durch den Zigaretten- und Pfeifenrauch kaum noch jemanden erkennen. Nachmittags schunkelten und sangen im Blauen Bock gut gelaunte Leute an langen Tischen und tranken Äbbelwoi bis zum Abwinken. Und abends wurde in der TV-Seemannskneipe Haifisch-Bar hochprozentig für Stimmung gesorgt. Hoch die Tassen!

Als Frauen in Deutschland noch nie etwas davon gehört hatten, war es für Engländerinnen durchaus üblich, nach einem Einkaufsbummel, also nach dem Shoppen im Pub noch einen Sherry zu trinken. Die Queen ist auch nicht abgeneigt, wie man lesen kann. Sie trinkt angeblich nach wie vor sechs Alkohol-Einheiten pro Tag. Vor dem Mittagessen das Mixgetränk Gin Dubonnet, zum Mittagessen Wein, zu vorgerückter Stunde trockenen Martini und vor dem Schlafen gehen Champagner. Ihre Cousine verriet, dass die Queen richtig was vertragen könne. Cheers!

Als ich Anfang der 1970er Jahren anfing auszugehen, war es üblich in der Disco und in den plötzlich angesagten Pubs Whisky zu trinken. Statt einen Ausweis zu verlangen, wurde einem eine Whisky-Karte mit sehr viel Auswahl vorgelegt. Southern Comfort kannte man in Deutschland noch nicht, dafür eher die Whisky-Marken, die einen Vornamen tragen. Ich sage nur Jim, Jack und Johnny. Zu Hause hatte man gerne eine ebenso interessante wie teure Flasche Dimple stehen. Welch eine Verschwendung, wenn man bedenkt, dass er hauptsächlich mit Cola getrunken wurde. Ich habe heute noch den Geruch in der Nase. Keine angenehme Erinnerung.

Dagegen war der wunderbare Duft des Orangenlikörs Cointreau, der plötzlich beliebt wurde und den meine Eltern ihren Freunden anboten, ein Genuss. Auch Grand Marnier, der mit Cognac hergestellt wird, wurde in Deutschland immer bekannter. In exklusiven Restaurants wurde plötzlich ein außergewöhnliches Dessert mit diesem Orangenlikör angeboten. Dazu ließ ein Kellner auf einem Servierwagen einen dünnen Pfannkuchen in Flammen aufgehen. (Zum Glück wachsen Augenbrauen nach.) Und siehe da, Crêpe Suzette war in Deutschland angekommen und ist inzwischen aus keiner Fußgängerzone mehr wegzudenken, allerdings eher die Version mit Nutella. Uhh, muss das sein?

Ebenfalls in den 1970er Jahren meinte man plötzlich, ab und zu einen Cognac für seine Nerven zu brauchen. Und wer es sich leisten konnte, schwenkte ihn entspannt und ruhig in einem riesigen hauchdünnen Cognac-Schwenker vor dem offenen Kamin. A votre santé!

Aber auch billiger Weinbrand wurde immer beliebter und sogar an Geburtstagen im Büro den Kollegen angeboten. Ja, Alkohol und Zigaretten während der Arbeitszeit waren damals nicht verboten, sondern sogar üblich. Man musste allerdings aufpassen, dass man von Maria Kron nicht schnell einen in der Krone hatte. Zum Wohl!

Etwas später wurde es mit dem Maracuja Likör Jambosala beim Trinken exotisch. Das dadurch aufkommende Fernweh versuchte man mit dem Trinklied „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ in den Griff zu bekommen. Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Früher genehmigten sich die Leute einfach mal den einen oder anderen Schnaps. Regional bedingt  gibt es verschiedene hochprozentige Spezialitäten, wie z.B. Kümmel, Korn, Wachholder oder Obstler. In Norddeutschland kippt man sich einen sogenannten Kurzen eiskalt hinter die Binde, also direkt in den Hals. Nach dem Motto: „Nich lang schnacken, Kopp in Nacken“. Danach wird ein angespannter Gesichtsausdruck mit offenem Mund gemacht und sich geschüttelt. Wer dann noch ein Bier hinterher schüttet, hatte ein sogenanntes Herrengedeck. Damit man sich nicht mehr schütteln musste, wurde der Apfel-Korn erfunden. Noch besser schmeckte vielen Trinkenden der Persiko, der in den 1970er Jahren gerne statt Kurzer zum Bier getrunken wurde. Die Spirituosen-Industrie erfand immer neue leckere Fruchtschnäpse, die man gefrostet genießt, z.B. mit Erdbeer- oder Waldmeistergeschmack. Niemand sollte mehr Nein sagen, wenn ihm Alkohol angeboten wird, nur weil der nicht angenehm schmeckt.

Die Softdrink- Industrie forcierte Cola Rum, später Cola Bacardi. Der Werbesong für diesen weißen Rum wurde ein Welthit und damit auch das Mixgetränk. Später hat man dann mit Ready to drink Fertigmixgetränken, die man Alkopops nennt, voll ins Schwarze getroffen bei der jungen Zielgruppe.
Voll lecker zum Zuschütten!

Was für den Martini die Olive war, wurde für den Bommerlunder die Pflaume und später für den Wodka die Feige. So nach dem Motto: Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken. Und es ist total praktisch. Eingelegte Oliven, Pflaumen oder Feigen konnte man für sich oder unerwartete Gäste immer im Hause haben, genauso wie ein Sortiment an Alkohol. Auf die Gesundheit!

Griechenland wurde als Urlaubsland immer beliebter, und so auch der Metaxa. Auch bei diesem Weinbrand gibt es natürlich verschiedene Qualitäten, die man an der Anzahl der Sterne auf dem Etikett erkennen kann. Man sollte allerdings nicht so lange davon trinken, bis man mehr Sterne sieht, als dort abgebildet sind. Ouzo wurde hauptsächlich in den immer beliebter werdenden griechischen Restaurants eiskalt gereicht, was sich bis heute nicht geändert hat. Jamas!

In den 1980er Jahren wurde es beim Trinken immer vornehmer und in der Mode immer derber. Man trank Kir royal und trug als Dame plötzlich schwere Schnürboots mit dicken Profilsohlen zu breitschultriger Oberbekleidung. Kir royal ist Sekt mit einem Schuss des französischen Schwarze-Johannisbeer-Likörs Creme de Cassis. Solchen Likör gab es übrigens schon früher in Deutschland unter dem Namen Schwarzer Kater.

Apropos Kater! Man glaubte, dass des Wodkas reine Seele beim anschließenden Kater weniger Kopfschmerzen verursacht. Auch zum Mixen mit Softdrinks eignet er sich bestens, denn er schmeckt nicht so durch wie Whisky, Weinbrand oder Rum. Wodka lemon war plötzlich total angesagt, man nippte ihn auf die feine englische Art mit Schweppes Bitter Lemon oder Tonicwater.

Aber Wodka wird natürlich auch ordentlich gebechert. Das ist übrigens der neuste Trend in Deutschland. Ja, Sie haben richtig gelesen. Und dieser Trend kommt nicht etwa aus Russland. Nein, er kommt aus den USA. Getrunken wird aus behämmerten, ähh gehämmerten Kupferbechern. In diese Becher füllt man schon seit den 1940er Jahren Wodka und Ginger Beer und nannte den Drink damals Moscow-Mule. Noch ein paar Eiswürfel und ein Spritzer Limettensaft dazu und er trat seinen Siegeszug durch die USA an. Aber erst vor wenigen Jahren kam der Drink, der traditionell mit der US-Marke Smirnoff gemixt wurde, endlich in Deutschland an. Hier sind hauptsächlich Wodka-Marken bekannt, die sich an den Namen der russischen Präsidenten orientieren, wie z.B. Putinoff. Dieser Billig-Wodka lässt sich laut Test allerdings am besten für kalte Umschläge verwenden. Sollte der mir jemals gereicht werden, würde ich ihn allein schon wegen des Namens mitsamt dem Glas hinter mich werfen. Nastrovje!

Dann wurde Ramazzotti beliebt, nicht nur Eros der Sänger, sondern auch lecker der Kräuterlikör. Salute!

Als Dessert gab es plötzlich überall Tiramisu mit dem Bittermandellikör Amaretto, der früher in Deutschland unter dem Namen Persiko gern pur gekippt wurde. Und wo man schon mal bei Italien war, wurde es mal wieder Zeit einen neuen Weinbrand für sich zu entdecken. Grappa wurde gereicht. Nach dem Essen schob die gute Gastgeberin einen Servierwagen mit Espressotässchen und Grappa in passenden Gläsern neben den schön gedeckten Esstisch. Aber keine Angst, man braucht nicht die Befürchtung zu haben, kein perfekter Gastgeber zu sein, wenn man das nicht drauf hatte.

Gäste scheinen grundsätzlich für alles dankbar zu sein, allein schon für die Einladung. Und wenn man unsicher über die Getränkefolge beim Essen ist, macht man es einfach so, wie man es im Fernsehen gelernt hat. Schließlich wird einmal jährlich automatisch das Standardwissen über die Getränke-Wahl aufgefrischt. Dinner for one sei Dank könnte es fast jeder auswendig aufsagen: Von „Sherry with the Soup“ bis zum „Port with the fruit“. Cheerio!

Ein Aperitif vor dem Essen und zur Begrüßung war schon immer beliebt. Man kannte Sherry und Martini. Dann ging man über zu „Campari, was sonst“. Aber wo ein Aperitif ist, ist auch ein Digestif. Man nennt ihn auch Absacker. In Restaurants werden sie nach dem Essen aktiv angeboten. Man sollte allerdings wissen, dass man vom Linie Aquavit bei einer eventuellen Alkoholkontrolle eher schlechter auf einer geraden Linie gehen könnte.

Später entdeckten Restaurants edle teure Obstbrände als Zusatzgeschäft, nicht schlecht!  Früher tranken die Leute als Verdauungsschnaps eher einen Kümmel oder Enzian. Meine Oma hatte sich für den Fall, dass ihr mal etwas quer saß, kleine Underberg-Fläschchen versteckt. Der Kräuterlikör Jägermeister wurde später immer mehr von jungen Konsumenten entdeckt und z.B. mit einem Energiedrink gemixt. Echt krass! Und durch intensive Promotion ist der Hirschkopf inzwischen Kult, sogar in den USA und England.

Mein Mann meinte früher, dass er ab und zu einen Fernet Branca bräuchte. In unserer Schrankwand hatten wir ein sogenanntes Barfach mit Spiegel-Hintergrund. Es war voller Flaschen, die man schon durch den Spiegel doppelt sah, ohne auch nur das Geringste getrunken zu haben. Man brauchte das Fach nur aufzuklappen, wie einen Sekretär. Auf der heruntergeklappten Fläche mit Glasplatte konnte man sich dann einen einschenken. Soviel zur Theorie. Als ich ein einziges Mal das Gefühl hatte, einen Fernet zu brauchen, musste ich leider feststellen, dass die Flasche leer war, genauso wie fast alle anderen Flaschen. Das nennt man Verdunstung. Immer nach dem Grundsatz: Im Zweifelsfall für den Angeklagten.

Hoch im Norden kurz vor Dänemark gibt es Getränke-Märkte, teilweise in fest vertäuten Riesenschiffen an einem eigens dafür gebauten Anleger mit Riesenparkfläche. Im Schiff fahren die Kunden mit Tieflader-Einkaufswagen auf Rollbändern wie im Flughafen auf mehrere Etagen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele alkoholische und nichtalkoholische Getränke sowie Süßigkeiten auf einmal gesehen. Die Leute schichten palettenweise Getränkedosen auf ihre Tieflader, dann folgt kartonweise der passende Alkohol. Mein gläubiger Schwippschwager bezeichnet das als „Getränkemarkt des Teufels“. Sehr viele Kunden kommen aus Skandinavien und können nicht genug bekommen. Ich sage nur alter Schwede! Skol!

Sekt schenkte man in den 1970er Jahren plötzlich in breite Sektkelche, damit man beim Genuss das Prickeln besser spürte. Beim Trinken musste man sich da allerdings ranhalten, denn durch die große Oberfläche ging die Kohlensäure schneller flöten. Vielleicht greift man deshalb seit den 1980er Jahren wieder zu Sektflöten. In diesen hohen schmalen Gläsern bleiben die CO2-Bläschen länger im Getränk. Jahre später wechselte man statt der Gläser lieber den Inhalt und gönnte sich und anderen ab und zu einen Prosecco. Auch Cocktails auf Prosecco Basis wie Aperol Spritz und Hugo wurden immer beliebter, auch Aperol Fizz. Manche Stars nennen ihre Kinder nach den Städten, in denen sie gezeugt wurden. Jetzt scheint es für manche Normalsterbliche inn zu sein, ihre Kinder nach dem Cocktail zu nennen, der sie vor der Zeugung in Stimmung gebracht hatte. Oder gibt es einen anderen Grund dafür, dass junge Eltern ihre Kinder heute wieder Hugo und Fritz nennen.

Nicht nur Cocktails wie z.B. Caipirinha, der Anfang des Jahrtausends plötzlich in Deutschland einschlug, auch Heißgetränke haben es in sich. So manch einer hatte davon ganz schön „einen im Tee“, nicht nur in Ostfriesland, auch in Österreich vom Jagertee. Ohne Tee tut es ein „steifer Grog“, in dem „der Löffel steht“: viel Rum, wenig kochendes Wasser und Zucker. Und ein Weihnachtsmarkt ohne Glühwein und Punsch ist kaum vorstellbar. Derzeit liegt der Eier-Punsch im Trend, den die Amerikaner übrigens Eggnog nennen. Mit offenem Feuer sollte man ihm nicht zu nahe kommen.

Auch beim Kaffeetrinken kann es hochprozentig hergehen. Beim Irish Coffee mit Whiskey, beim scheinheiligen Pharisäer mit Rum. Das Sahnehäubchen verhindert, dass der Alkohol verdunstet und somit durch den Alkoholgeruch verrät, weshalb die Leute plötzlich so lustig und redselig werden.

Damit die Menschen im Schnee, z.B. nach einem Lawinenunglück, nicht vor die Hunde gingen, schickte man ihnen früher einen Bernhardiner mit einem Fässchen Alkohol um den Hals. Jedenfalls wollte man uns das Glauben machen. Inzwischen wurde von offizieller Seite zugegeben, dass es sich bei dem Fässchen nur um eine Legende handelt. Aber so etwas lässt sich nun einmal fantastisch gut vermarkten, genauso, wie alles, was damit zusammenhängt, einschließlich Stofftiere mit Fässchenanhänger.

Wenn wir bei frostigen Temperaturen spazieren gehen, freue ich mich immer, wenn mein Mann ein kleines Fläschchen Kräuterlikör aus seiner Jackentasche zieht. Das Schlückchen kommt sofort mit einem wohligen Gefühl unten an und meine Füße sind augenblicklich wieder warm. Ja, Alkohol in kleinen Dosen kann kurzfristig die Lebensgeister wecken, mit Betonung auf kurzfristig.

Man sollte natürlich nicht täglich Drinks und Cocktails zu sich nehmen. Aber Wein, das muss schon sein! So wird es jedenfalls geschickt suggeriert. Das Weingeschäft wird stark promotet. Es gibt kaum eine amerikanische Serie oder einen Film, in dem die Protagonistin nicht mit einem langstieligen Weinglas in der Hand agiert. Kein Abendessen ohne hohe, edle Weingläser auf dem Tisch. Grundsätzlich sieht ja jemand mit einem eleganten Wein- oder Sektglas in der Hand seriös aus und nicht wie ein Fall für die Anonymen Alkoholiker. Der lange Stiel hat irgendwie Stil. Bei einer jungen Frau ohne Weinglas in der Hand liegt die Schwangerschaftsvermutung nahe. Für Wein darf geworben werden und so hat man es auch geschafft, dass kaum ein Best-Ager ohne Weinglas abends vor dem Fernseher sitzt. Wohlsein!

Aldi und Lidl machen’s möglich. Sie wetteifern darum, wer der größte Weinhändler Deutschlands ist und haben sogar eigene Sommeliers und Botschafter des Weins vorzuweisen. Wein war noch nie so günstig und gut verfügbar. Von dem 3-l-Pappkanister bis zur Luxusflasche. Sogar Champagner wird von Discountern angeboten. Und man bekommt das Gefühl, dass nicht nur der Wein ausbaufähig ist, sondern auch seine Beschreibungen. Wer denkt sich das nur alles aus? Sogar in den Werbe-Zeitungsbeilagen wird genauestens beschrieben, was einen spätestens beim Abgang erwartet. Es liest sich gut, aber kaum jemand kann es wirklich verstehen. Und zum Glück der Anbieter haben es die meisten spätestens beim Trinken sowieso vergessen. Prost!

Inzwischen gibt es sogar Wein für Veganer, bei dem das Etikett nicht mit tierischem Leim auf die Flasche geklebt wurde. Und nicht nur der Wein, sondern auch die Winzer werden plötzlich in den Vordergrund gerückt. Es gibt z.B. handverlesene Winzer, prominente Winzer, die Vereinigung der jungen Winzer und die Vereinigung der schwulen Winzer.

’Bier auf Wein das lass sein, Wein auf Bier, das rate ich Dir!’ Sie kennen diesen Spruch? Demnach sollte man also zuerst Bier trinken. Bier ist kein Modegetränk, man könnte es schon fast als Grundnahrungsmittel bezeichnen. So manch einer kommt aus dem Bierzelt getorkelt, nicht nur zum Oktoberfest und nicht nur in Bayern. In Kneipen und Pubs wird ganzjährig fleißig gezapft und gebechert. Ich bin einmal mit leichter Schlagseite aus dem Supermarkt geschwankt. Zum Glück konnte ich mich am Einkaufswagen festhalten. Es war an einem heißen Tag im Mai. Im Supermarkt wurde Maibock mit Verkostung promotet. Leider stand mein Durst im umgekehrten Verhältnis zu dem, was ich vertrage. Ups!

Es gibt für jeden das passende Getränk. Sogar bei Laktoseintoleranz muss man nun nicht mehr auf den Whiskey-Sahnelikör Baileys verzichten. Man höre und staune, den gibt es jetzt laktosefrei. Glutenfrei soll er laut Werbung auch sein. Aber warum sollte dieses Getreide-Klebereiweiß da überhaupt enthalten sein? Das ist im Bier enthalten, auf das man nun BeerJack sei Dank bei Glutenunverträglichkeit auch nicht mehr verzichten muss.
Ja, auch die Welt der Getränke wird immer komplexer. Wo führt das alles hin und wie würde sich die Bestellung an der Theke in ein paar Jahren anhören?

„Habt ihr glutenfreies Bier? Dann mach mir mal nen Großes!“
„Ich nehme Baileys, aber laktosefrei! “
„Ich auch! “
„Ach, haben sie auch eine Laktoseintoleranz?“
„Nein ich bin Veganer. Ich sage nur Mandeln statt Sahne.“
„Und ich bekomme einen Eierlikör, aber aus Freilandhaltung. Was! Haben sie nicht! Haben sie denn Grand Marnier aus Bio-Orangen? Ist ihre Kneipe überhaupt zertifiziert?“
„Nee! Aber wir haben Jägermeister aus heimischen Kräutern, auf die höchstens der Hirsch gepinkelt hat.“
„Besser der, als ein verdammter Jäger! Ich bin Vegetarier und ich hab was gegen das Jagen!“
„Sie auch? So ein Zufall, ich sammele Unterschriften gegen das Lied. ’Fuchs du hast die Gans gestohlen’! Darauf müssen wir einen trinken. Herr Wirt, geben sie mir einen Kirschlikör, aber zuckerfrei.“
„Aha! Und was wollen sie?“
„Ich bin von der Heilsarmee und habe eine Alkoholintoleranz.“
„Ja prima! Und ich bin Kneipenwirt, dachte ich zu mindestens. Mir reicht’s jetzt, ich hab keinen Bock mehr auf Leute, die nicht vernünftig saufen können …“

Okay, die Szene war jetzt vielleicht doch ein bisschen übertrieben. Aber ähnlich spielt sie sich heute schon ab und eines wird klar: Auch das Trinken von alkoholischen Getränken unterliegt dem Wandel der Zeit. Was ist momentan eigentlich gerade inn?
GIN!!!

Zurück ins Leben mit Rhythmus und Eleganz

Als mein Vater vor dem Krieg zum ersten Mal Jazzmusik hörte, hatte es ihn sofort mitgerissen. Benny Goodman und Glenn Miller hatten ihn sozusagen von den Socken gehauen. Wenn überhaupt, konnte man solche Musik nur in bestimmten Clubs hören, denn sie war bei den Nazis verboten. Mein Vater und sein Freund ließen sich davon nicht beeindrucken und holten sich die Musik nach Hause, indem sie sich ausgelassen an Jazz Sessions versuchten. Beide hatten den Rhythmus im Blut und waren ausgezeichnete Klavierspieler.

Ein anderer Freund meines Vaters wurde zum Militär eingezogen und vertraute ihm seine Klarinette an. Er wollte, dass das gute Stück wenigstens ab und zu bespielt wird. Das musste er meinem Vater nicht zweimal sagen. Musikalisch, wie er war, brachte er sich das Klarinettespielen selber bei, so wie vorher schon das Gitarrespielen. Irgendwie schaffte er es, jedes Instrument, das ihm in die Finger kam, zum Klingen zu bringen. Auch wenn er nicht so wie Benny Goodman spielen konnte, entlockte er der Klarinette doch einen klasse Sound. Seine Mutter war über die musikalische Weiterentwicklung ihres einzigen Kindes gar nicht glücklich. Als ausgebildete Pianistin hatte sie eine völlig andere Vorstellung von ”guter“ Musik. Sie brauchte sich jedoch nicht sehr lange aufzuregen, denn der Zweite Weltkrieg sollte bald auch für meinen Vater alles verändern.

Nach dem Krieg war Jazz-Musik nicht mehr verboten, sie kam sogar mit der amerikanischen Besatzungsmacht ganz offiziell direkt ins Land und nicht nur still und heimlich per Noten oder Schallplatten. Die jungen Menschen waren lebenshungrig, wollten Spaß haben und die Erlebnisse auf dem Schlachtfeld vergessen. So auch mein Vater und sein Freund. Sie fingen wieder an Musik zu machen und stürzten sich förmlich auf den Jazz, also auf das, was auch die amerikanischen GIs am liebsten hören. In den Kasinos wurde nur live gespielt und wer gut war, durfte sich bei den Besatzern etwas dazu verdienen.

So taten sich die beiden Freunde mit einigen anderen jungen Jazz-Versessenen zusammen. Allerdings konnte keiner von ihnen Schlagzeug spielen. Der Einzige, der sich daran wagte, war mein Vater, und er merkte schnell, dass ihm dieses Instrument besonders lag. Er hatte den Rhythmus im Blut. Vielleicht lag das daran, dass er schon als ungeborenes Baby stundenlang täglich am Klavier zugebracht und im Takt mit vibriert hatte. Um das Instrument noch besser zu beherrschen, bekam er noch ein wenig Nachhilfe von einem älteren Herrn namens Last. Es war der Vater eines Bandmitgliedes.

Die neu gegründete Band spielte bald Jazz mit Leidenschaft im Gefühl aber Hunger im Bauch. Deshalb war die Arbeit bei den „Amis“ im Kasino das reinste Vergnügen für sie. Sie hatten Spaß und bekamen obendrein auch noch etwas zu essen. Das war damals unbezahlbar. Einer von den jungen Männern hörte zu der Zeit noch auf den Vornamen Hans und sollte später als Orchester-Chef weltberühmt werden.

Eines Tages wurde bekannt, dass Louis Armstrong ein Konzert in der Stadt geben würde. Karten zu bekommen war für Normalsterbliche unmöglich. Aber mein Vater wollte den charismatischen Trompeter unbedingt live erleben. Deshalb musste er sich dringend etwas einfallen lassen. Und wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.

Das Fotografieren war ebenfalls ein Hobby meines Vaters und er hatte für damalige Verhältnisse eine ziemlich gute Kamera. Also zog er sich seinen Humphrey-Bogart-Anzug an, lockerte die Krawatte ein wenig, hängte sich seine Kamera um den Hals und schob seinen Hut frech schief nach hinten. Und genau so ging er direkt vor dem Konzert lässig an der wartenden Menschenschlange vorbei, zeigte statt Eintrittskarte blitzschnell irgendeinen Ausweis und sagte selbstbewusst „Presse“ während er hineinging. Er konnte sein Glück kaum fassen, denn er hatte es tatsächlich geschafft. Er war drin! Heute wäre so etwas undenkbar.

Über zwanzig Jahre später kamen nacheinander Mister Acker Bilk und Chris Barber mit ihren Bands in die Stadt. Für einen richtigen Jazz-Fan war natürlich klar, dass er dort hin musste. Und dafür konnte man ganz normal Karten erwerben. Mein Vater kaufte jedes Mal gleich zwei Karten für die erste Reihe. Eine davon war für niemand anderen, als für mich. Ich war erst vierzehn Jahre alt. Aber mein Vater wusste damals schon, dass ich die Einzige in der Familie war und bin, die Jazz genauso liebte wie er.

Auch das Tanzen war eine Leidenschaft meines Vaters. Er hatte vor dem Krieg mehrere Tanz-Turniere hintereinander gewonnen. Wenn er mal richtig groß ausgehen wollte, ging er in Gala gekleidet und mit weißem Schal um den Hals zu Fuß zum Bahnhof, nahm sich dort ein Taxi und ließ sich ungefähr fünfhundert Meter direkt vor das Grand-Hotel fahren. Das nennt man einen großen Auftritt mit kleinen Fahrtkosten. In dem Hotel gab es damals Tanzveranstaltungen und rauschende Bälle. Wer besonders lässig sein wollte, brach den Fuß eines Sektglases ab, steckte es sich in die äußere Brusttasche seines Jacketts und streifte die Asche seiner langen Zigarette daran ab. Jedenfalls erzählte mir das mein Vater, sagte aber auch gleich, dass das nicht sein Stil gewesen wäre.

Von Eleganz verstand mein Vater etwas. Er hatte das, was man heute immer noch einen guten Geschmack nennt. Eines Tages nahm er mich mit in die Stadt und kaufte mir für meinen Abtanzball eine Abendtasche mit passendem Satinportemonnaie. Edles Material trifft auf zeitlose Eleganz. Über eine neue Abendtasche musste ich mir bis heute keine Gedanken machen. Was er aussuchte, war immer perfekt. Auch meine Mutter wurde von ihm beraten, denn Fräulein Margrets Gespür für elegante Mode fehlte gänzlich.

Den Ausdruck Shoppen kannte man damals noch nicht in Deutschland, aber man kann trotzdem sagen, mein Vater verstand etwas davon. Nach dem sich meine Eltern kennengelernt hatten, ließ sich meine Mutter mithilfe seines Geschmacks und ihres gesparten Geldes von Kopf bis Fuß neu einkleiden.

Meine Eltern lernten sich beim Wochenend-Bootfahren mit Freunden kennen. Da saß mein Vater also plötzlich mit einer zehn Jahre jüngeren natürlichen Schönheit in einem Boot. Die goldenen Locken hatte sie sich zurückgesteckt und sah aus wie Ingrid Bergmann. Sie war so niedlich unkompliziert mit ihrem sonnigen Gemüt und ihrem selbst genähten Bikini. Zuerst sah mein Vater sie mit der Linse seines Fotoapparates, dann mit den Augen der Liebe.

Im Sommerurlaub fuhren die beiden zusammen mit Freunden in ein Nordsee-Bad. Dort fanden Tanzveranstaltungen und eine Miss-Wahl statt. Meine Mutter wurde im Badeanzug zur Schönheitskönigin gewählt. Ihr Vater tobte, als er später zu Hause davon erfuhr. Es schickte sich einfach nicht, so leicht bekleidet in der Öffentlichkeit ”aufzutreten“ – auch nicht, wenn man bereits verlobt war.

Als mein ältester Bruder unterwegs war, wurde geheiratet. Das Elternhaus meines Vaters war durch den Krieg zwar voll besetzt mit einquartierten Menschen, die sonst kein Dach über den Kopf gehabt hätten, aber zum Glück konnten seine Eltern ihm durch einen Trick ein kleines Zimmer freihalten, bis er aus dem Krieg zurückkam.

So fingen meine Eltern ihre Ehe in einem Zimmer mit Waschbecken, einer Schlafcouch und einem Kinderbett an. Meine Mutter gab das Baby früh morgens bei ihrer Schwiegermutter unten ab, bevor sie zur Arbeit fuhr – fünfzehn Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad. Als nach und nach Zimmer im Haus frei wurden, bekamen meine Eltern endlich ihre eigene Wohnung im Dachgeschoss des Hauses mit kleiner Küche, Kohleofen und eigenem Klo. Der absolute Luxus für damalige Verhältnisse.

Der Traum von einem Ski-Urlaub nahm langsam gestalt an, war allerdings bald ausgeträumt, als mein zweiter Bruder sich ankündigte. Unter die bereits angeschafften Leder-Skistiefel konnte sich mein Vater dann immerhin Schlittschuhe schnallen, denn die Winter waren kalt.

Das Wort Familienplanung gab es noch nicht, aber als ich mich in noch kürzerem Abstand auch noch ankündigte, fingen meine Eltern intensiv an, sich dahin gehend schlauzumachen. Eine gewisse Beate Uhse klärte in Broschüren über Empfängnisverhütung auf. Es bedurfte also einer mutigen Frau, um sich endlich genau über alle Möglichkeiten informieren zu können.

Eine alte Freundin meiner Mutter, die inzwischen in Hamburg verheiratet war, staunte nicht schlecht, als sie meine Mutter nach langer Zeit zufällig Kinderwagen schiebend wieder sah. Ein Kind lag drin, eines saß obendrauf und eines ging nebenher. Das Ganze, einschließlich Einkauf, musste von meiner Mutter täglich über drei Treppen nach oben geschleppt werden. Mein Vater verdiente die Kohle, und im Winter schleppte er die auch noch hoch, wenn er abends nach Hause kam.

Sechs Jahre später, als sich die Lage für meine Mutter etwas entspannt hatte, bekamen wir noch ein kleines Püppchen mit goldenen Locken hinzu, die Klügste von uns allen. Ab dann war unser VW-Bus endgültig voll, wenn wir unterwegs waren, zum Beispiel zum Camping-Urlaub an der Ostsee.

Ich weiß nicht wie meine Eltern das alles geschafft haben. Viel Zeit zum Nachdenken hatten sie nicht. Aber eins steht fest, sie haben ihr Bestes gegeben.