Per Dachluke ins Kittchen

Vor langer Zeit zog ein neuer Mieter in ein möbliertes Zimmer meines Elternhauses ein. Er wollte nicht, dass in seinem Zimmer sauber gemacht wird, weil er bei seiner ”Montagetätigkeit“ sehr unregelmäßig arbeiten und deshalb häufig tagsüber schlafen würde. Für meine Eltern war das in Ordnung. Zumal der Mann einen seriösen Eindruck machte und stets freundlich grüßte.

Kaum war er eingezogen, schaute er sich interessiert im Hause um und machte meinen Vater auf eine Schwachstelle aufmerksam, durch die Einbrecher leicht eindringen könnten. Froh über den guten Tipp, bestellte mein Vater auch gleich ein entsprechendes Gitter für das kleine Fenster zum Garten.

Offenbar hatte der nette Herr beruflich mit so etwas zu tun, dachte er. Und tatsächlich stellte sich genau das heraus, als eines Tages zwei Polizisten vor der Tür standen und nach ihm fragten. Meine Mutter führte die beiden Beamten sofort in das Zimmer unseres Mieters. Von einem Durchsuchungs-Beschluss hatte sie keine Ahnung und auch keinen zu Gesicht bekommen, dafür aber die Durchsuchung selbst. Fassungslos starrte sie auf den großen Kleiderschrank, der von unten bis oben mit Fernsehern, Radios und anderer ”heißen“ Ware gefüllt war. Eingebrochen war der „gute“ Mann stets durch ungesicherte Dachluken, wie wir später erfuhren.

Wenn man abschließend alles, was damit zusammenhängt, betrachtet, hatte es sich irgendwann und irgendwie für jeden der Beteiligten gelohnt:

Zuerst hatte es sich für den Mieter gelohnt, weil er in dem möblierten Zimmer günstig wohnte, lange unerkannt blieb und in aller Ruhe bei anderen Leuten über die Dachluken einbrechen konnte.

Später bei der Durchsuchung hatte es sich für die Polizisten gelohnt, die mit einem Erfolgserlebnis das Haus verlassen und den Mann später in aller Ruhe festnehmen konnten.

Und zuletzt hatte es sich für unsere Familie gelohnt, dass der Einbrecher ausgerechnet bei UNS eingezogen war. Denn dadurch befand sich unser Haus sozusagen im Auge des Hurrikans, in dem sich bekanntlich nichts Schlimmes tut, während die Schäden drum herum zu verzeichnen sind.

Bis zum heutigen Tag wurde nicht in mein Elternhaus eingebrochen. Ob wir das dem möblierten Herrn von damals zu verdanken haben? Ich frage mich manchmal, was wohl aus ihm geworden ist, denn seine Strafe muss er längst abgesessen haben. Man kann wohl von folgender Vermutung ausgehen:

Wenn er nicht gestorben ist, sorgt er heute im Seniorenheim für Sicherheit.

Ungewöhnliches Eisbomben-Abo

Die möblierten Zimmer, die meine Eltern über Jahrzehnte vermieteten, sorgten für die ungewöhnlichsten Begegnungen. Ich kann mich noch an eine junge Dame erinnern, die Anfang der 1960er Jahre bei uns wohnte, und zwar im Souterrain-Zimmer. Sie hatte gefärbtes, zu einem riesigen Turm auftoupiertes Haar, enorme schwarze Lidstriche und einen kleinen Schönheitsfleck.

Solche außergewöhnlichen Geschöpfe, wie sie, hatte ich bis dahin nur im Fernsehen gesehen. Ich sah ihr einmal fasziniert zu, als sie sich anmalte und ihre Fingernägel lackierte. Leider konnte ich später mit den Wasserfarben meines Tuschkastens nicht so hinreißende Resultate bei mir selbst erzielen. Und ich duftete auch nicht so gut wie sie, nachdem ich mich mit dem Parfum meiner Oma von oben bis unten beträufelt hatte. Danach konnte ich mich selbst nicht mehr riechen, von den anderen Familienmitgliedern ganz zu schweigen. Niemand wollte mit mir im gleichen Raum sein. Ich fühlte mich scheußlich, hatte dabei aber eines fürs Leben gelernt und nie wieder vergessen: Weniger ist mehr.

Die hübsche Mieterin arbeitete in einer Parfümerie und machte in Sachen Pflege und Schönheit alles richtig. Außerdem war sie immer sehr modern gekleidet und trug Hackenschuhe. Das war wohl auch der Grund, weshalb meine Eltern weniger begeistert von dem „jungen Mädchen“ waren, denn ihre Pfennigabsätze hinterließen unübersehbar dauerhafte Dellen im blank-gebohnerten Fußbodenbelag unseres Treppenhauses. Man könnte von einer prägenden Zeit für den Boden sprechen. Für mich aber war der Fußboden völlig uninteressant, im Gegensatz zu dem Fräulein, das ich wunderschön fand. Leider gefiel sie auch dem verheirateten Besitzer einer italienischen Eisdiele, von dem sie bald schwanger wurde.

Es war nicht sein einziges uneheliches Kind in der Gegend. Und alle bekamen jedes Jahr eine Eisbombe von ihm zum Geburtstag geschenkt, sozusagen on top auf die Alimente. Ja sogar eine Cousine des „unehrlichen“ Kindes – so hatte ich die Bezeichnung aufgeschnappt und deshalb auch nicht verstanden – bekam eine Eisbombe zu ihrem Geburtstag. Ich durfte damals mit am Geburtstagstisch sitzen, als diese überwältigende Köstlichkeit geliefert wurde.

Ich weiß nicht, was die Verwandten dabei empfanden. Ich fand es grandios und wäre auch gern ein ”unehrliches“ Kind gewesen, aber nur an meinem Geburtstag!

Wenn Mormonen an der Strippe hängen

Als ich noch recht klein war, teilten sich zwei sehr junge amerikanische Mormonen ein möbliertes Zimmer bei uns im Haus. Als Strenggläubige durften sie keinen Alkohol trinken, ja noch nicht einmal Kaffee. Aber das Telefonieren war ihnen erlaubt und das wollten sie auch oft tun. Früher war das aber etwas ganz Spezielles und Teures, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Man tat es nur gelegentlich und Kinder durften es praktisch gar nicht.

Deshalb war es ein äußerst ungewohntes Bild für uns, dass einer der beiden Mormonen bereits vormittags, nur mit gestreiftem Pyjama und gestreiftem Morgenrock bekleidet, in unserem Flur an der Strippe hing. Damals gab es nämlich noch keine schnurlosen Telefone. Außerdem hatten die Apparate mit der Wählscheibe und dem angebundenen Hörer alle nur eine kurze Leine und standen deshalb bei den meisten Familien im Flur, also an einem zentralen Ort. So eben auch bei uns.

Damals kostete JEDES Gespräch Geld, also auch Telefonate innerhalb der eigenen Stadt. Deshalb sagte mein Vater den beiden Mietern auch ziemlich bald, wo es lang ging – zur nächste Telefonzelle, die auch als öffentlicher Münz-Fernsprecher bezeichnet wurde. So gewöhnten sie sich an die Preise. Trotzdem blieben sie noch recht lange bei uns.

Mein Bruder und ich bestaunten die ellenlange Unterwäsche der fremden Männer, die an der Wäscheleine neben unserer Schaukel hing. Es handelte sich dabei um Einteiler, bestehend aus langen Unterhosen und langärmeligen Unterhemden in einem Stück gearbeitet. Hinten hatten sie eine Klappe zum Aufknöpfen für das große Geschäft, was uns Kinder sehr amüsierte.

Zum Abschied schenkten die beiden Missionare unserer Familie Salz- und Pfefferstreuer, zwei Keramik-Häschen in einem kleinen geflochtenen Korb. Wir nannten sie Gastreit und Lowell nach den beiden interessanten, anders sprechenden Männern. Sie sind leider nicht mehr da. Ich hätte sie gerne als Andenken – die Hasen, nicht die Männer.

Dudelsäcke mit faltenlosen Schottenröcken?

Kennen Sie das Volkslied »Drei weiße Birken in meiner Heimat steh’n«? Senioren singen es häufig. Meine Mutter hat nun eine neue Strophe hinzugefügt, die derzeit mehr oder weniger per Dauerschleife zu hören ist: „Drei weiße Hosen in meinem Treppenhaus …“

Wie die Hosen auf die Treppenstufen gelangen? Ganz einfach, meine Mutter legt sie immer wieder dorthin, weil sie glaubt, dass es nicht ihre Hosen sind, sondern die der Mieter; sie kann sich einfach nicht erinnern, die Teile je getragen zu haben. Da hilft es auch nicht, wenn ich ihr sage, dass sie den großen Fleck auf dem Oberschenkel vor Kurzem selbst drauf gekleckert hat und dass es die Konfektionsgröße 42 bei Herrenoberbekleidung gar nicht gibt. Sie bleibt dabei, die Hosen können nur einem Mieter gehören.

Nun sah ich, dass es sich bei der einen Hose um einen engen, kurzen, weißen Jeans-Rock handelt. Ich stellte mir unwillkürlich die Herren aus dem ersten Stock in diesem Rock vor und musste lachen. Dann fiel mir ein, dass meine Eltern vor vielen Jahren Mieter aus Großbritannien hatten. Selbst wenn die Schotten gewesen waren, hatten sie niemals Röcke getragen, da bin ich mir ganz sicher. Außerdem habe ich noch nie etwas von weißen faltenlosen Schottenröcken mit femininer Silhouette gehört. Das steht dem Dudelsack nicht, weder drunter noch drüber.

Ich erinnere mich noch genau an die beiden englisch sprechenden Männer in unserem Haus. Einer von ihnen wohnte im Souterrain-Zimmer. So einsam, wie er war in der Fremde, erinnerte er sich bald an sein Hobby. Es war der Whisky, dem er sehr zugetan war und dem er sich drei Tage lang ununterbrochen intensiv hingab.

Sein Kollege, der nette Mister Stanedge, der im ersten Stock wohnte, half ihm wieder auf die Beine und anschließend zurück ins Vereinigte Königreich. Im Flieger konnten die beiden nicht viel Gepäck mitnehmen und ließen einiges für den Müll zurück. Die kleine Glas Cafetiere, die in meiner Vitrine wieder aufpoliert steht, ist mir als Erinnerungsstück geblieben.

Lebensbejahend mit Hüfthalterproblemen

Als Kind KONNTE ich nicht dick werden, weil unsere Eltern uns keine Cola, kein Nutella und keine üppigen Schokoriegel kauften. Und so etwas wie Kinder-Milchschnitten und Fruchtzwerge gab es zum Glück noch nicht. Samstagabends erhielt jedes Familienmitglied einen Riegel Schokolade. Das kam genau hin bei sechs Personen. Das war’s.

Als Jugendliche WOLLTE ich nicht dick werden, denn das Schönheitsideal war nun einmal schlank. Es gab noch keine lebensbejahenden molligen Curvy-Models, die starke Mode vorführen mit der sie dann big fun haben.

Jetzt, in meinem Alter, MÖCHTE ich schlank bleiben, um mir meine Beweglichkeit und Schmerzfreiheit zu erhalten. Bluthochdruck, erhöhtes Blutfett, Diabetes Typ II muss ich nicht haben. Und ich bin auch nicht scharf drauf, mich irgendwann als Diabetikerin mehrmals täglich mit Nadeln pieksen zu müssen. Mit anderen Worten, dieses ganze verdammte, aber vermeidbare Metabolische Syndrom soll mir vom Acker bleiben.

Das ist ganz einfach. Ich habe mir den Zuckerkonsum quasi völlig abgewöhnt. Die gute Nachricht: Mir fehlt nichts. Und man glaubt gar nicht, was man alles für köstliche und auch fetthaltige Sachen essen kann, ohne zuzunehmen, wenn man bloß den zusätzlichen Industriezucker weglässt und auf gute Fette und Öle achtet. Die Sättigung hält außerdem viel länger an.

Mit den molligen Models wollen uns die Lobbyisten heute suggerieren, dass es kein Übergewicht gibt, sondern stattdessen das sogenannte Wohlfühlgewicht auf der nach oben hin offenen Konfektionsgrößen-Skala.

Ich frage mich, wobei man sich da wohlfühlen soll? Beim übermäßigen Konsum oder bei den daraus resultierenden gesundheitlichen Folgen, die das Mehr-Gewicht früher oder später mit sich bringt. Beides gibt es aber nur zusammen im Doppelpack. Und ein sich wohl-anfühlendes Übergewicht gibt es genauso oft, wie eine gesunde Krankheit. Alles klar?

Bei Brücken, Fahrstühlen und Transportmitteln aller Art darf die vorgegebene Höchstlast nicht überschritten werden, damit es keine Schäden gibt. Eigenartigerweise scheint das für das menschliche Skelett nicht zu gelten. Das jedenfalls will uns die Industrie glaubhaft machen, die uns Menschen so gern als Verbraucher (miss-)braucht. Auf diese Weise wird weltweit leichtes Geld gemacht.

Wie sagte schon der Boss der Tabak-Lobby:
„Es muss legal sein, erschwinglich, überall verfügbar und süchtig machen. Praktisch ein Selbstläufer!“

Mit Tabak geht das nicht mehr ganz so leicht und außerdem wird dabei die überaus wichtige Zielgruppe der Kinder nicht berücksichtigt. Zucker eignet sich viel besser. Auch er macht erwiesenermaßen süchtig. Deshalb werden immer neue Leckereien mit immer höherem Zuckeranteil kreiert. Die Fernsehwerbung tut ein Übriges, in dem sie direkt auf die richtige Stelle im Gehirn einwirkt. Solche bekannten Sätze wie „Wenige Sekunden auf der Zunge, für immer auf den Hüften!“ können den Heißhunger dann nicht mehr aufhalten. Wer kann den unendlich vielen, abhängig-machenden Versuchungen schon widerstehen, besonders wenn er schon als Kind an Zucker gewöhnt wurde?

Bei mir gibt es übrigens auch eine Versuchung, bei der ich durchaus schwach werden könnte. Aber dann verhindert mein starker Wille, dass ich stärker an den Hüften werde. Bei dem Produkt handelt es sich um ”Edle Tropfen in Nuss“ von Triumph. Ach nein, der Hersteller heißt Trumpf. Die beiden Firmen sind nicht zu verwechseln, denn kurioserweise arbeiten sie gegeneinander und doch Hand in Hand. Eine irre komische Symbiose –Triumph krönt die Figur mit ihren Miederwaren und Trumpf sorgt anschließend dafür, dass einen der Hüfthalter umbringt.

Und dann heißt es: „Die nächste Konfektionsgröße bitte!“

 

 

Mini-Verdienst-Kreuz auf Klopapierbasis

Wenn man Kurpfalzrolle hört, könnte man an Klopapier bei Analbeschwerden denken. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine zertifizierte Prinzenrolle, also um Doppelkekse mit Kakao-Creme-Füllung. Leider besteht die Füllung hauptsächlich aus Zucker und gehärtetem Pflanzenfett, dass nur darauf wartet, sich in den Arterien der Verbraucher endgültig zur Ruhe zu setzen. Das Ergebnis nach größerem Verzehr solcher Fette nennt man dann Arteriosklerose.

Sie werden es nicht glauben, aber der ohnehin geringe Kakao-Anteil dieser Füllung ist zertifiziert, allerdings nur teilweise. Was hier so großartig bescheinigt wurde, weiß wohl nur der Anbieter des Zertifikats selbst, denn auf der Packung wird nichts dazu erklärt. Wer es genau wissen will, kann versuchen sich schlau zu machen, indem er das Internet bemüht. Ich befürchte jedoch, dass er auch dort eher für dumm verkauft wird. Eines steht fest: Qualität und Geschmack sind jedenfalls keine Kriterien für das Zertifikat.

Inzwischen habe ich das Gefühl, dass die vielen Zertifikate, die derzeit überall auf den Verpackungen zu finden sind, extra nur für solche Produkte erstellt werden, die es auch nötig haben. Der Kauf des Produktes soll beim Konsumenten irgendwie ein gutes Gefühl hervorrufen. So ganz nebenbei suggerieren die Zertifikate auch noch so etwas wie Fairness und Umweltschutz. Jeder möchte doch etwas Gutes tun, ohne sich in irgendeiner Weise einzuschränken – und wenn das sogar beim Naschen geht, BINGO!

Und selbst, wenn 5 % des Kakaoanteils aus ökologischer Landwirtschaft kämen, was ich nicht glaube, darf man eines bei der ganzen Diskussion nicht vergessen: Ein kleiner Schritt für die Umwelt ist ein großer Sprung in Sachen Konfektionsgröße!

„Wir sind alle kleine Sünderlein, ´s war immer so, ´s war immer so“ heißt es schon in dem alten Schunkel-Lied. Aber wir zeigen trotzdem unseren guten Willen:
– Zwar täglich die Pizza im Backofen duften lassen, aber sie bei Energiesparlampen-Beleuchtung verzehren,
– zwar täglich heiß dauer duschen, aber anschließend in fast kalt gewaschene Wäsche schlüpfen,
– zwar Langstrecken-Urlaubsflüge machen, aber dafür nur umweltfreundliches Briefpapier versenden,
– zwar einen SUV unterm Hintern haben, Letzteren aber mit umweltfreundlichem Klopapier putzen …

Könnte man sich seinen guten Willen nicht zertifizieren lassen? Solch eine Art Mini-Verdienst-Kreuz für Konsumenten. Es würde sich gut raushängen lassen – sogar aus einem SUV.

Meisterwerke der Suggestion

Es dürfte inzwischen wohl einwandfrei feststehen, dass der Konsum von Industrie-Zucker ein großes Problem unserer Zeit ist. Leugnen seitens der sogenannten Lebensmittel-Industrie ist zwecklos. Deshalb geht man neuerdings dazu über, abzulenken. Wozu gibt es schließlich all die genialen Lobbyisten. Überall werden Informationen gestreut – Meisterwerke der Suggestion, die sich einfach genial zum „Leutedurcheinanderbringen“ eignen.

So sprang mich neulich in einer Supermarkt-Beilage folgende Verblödung an: Unter dem Foto eines hübschen jungen Mädchens stand: Du bist Zucker! Wie viel Zucker brauchst Du noch? Die empfohlene Menge Zucker für eine erwachsene Frau beträgt 8 Stücke und für einen Mann 10 Stücke täglich.

Die Aussage suggeriert, dass Zuckerkonsum empfohlen wird! Tatsächlich handelt es sich aber um die Menge, die nicht überschritten werden sollte, wenn man ALLE Zuckerarten, die man zu sich genommen hat, zusammenrechnet. Verschwiegen wird, dass Zucker überhaupt nicht ZUSÄTZLICH zugeführt werden sollte, weil sich der Körper nach Bedarf SEINEN Traubenzucker aus der zugeführten Nahrung selber herstellt, und zwar durch einfaches Umwandeln. Der Zuckerspiegel soll nämlich nach Möglichkeit immer auf einem Level bleiben. Das zu schaffen, ist eine Meisterleistung, die unser Körper normalerweise problemlos beherrscht. Wenn er Zucker zugeführt bekommt, stellt er selber einfach weniger her. Bekommt er aber zu viel Zucker von AUSSEN, weiß er nicht mehr wohin damit und wandelt ihn in Fett um.

Das Ergebnis ist sichtbar. Sagen Ihnen die Ausdrücke Hüftgold, Doppelkinn, Rettungsring etwas? Aber auch das Umwandeln in Fett hat seine Grenzen. Irgendwann klappt das nicht mehr und es kommt zu Diabetes Typ II – derzeit auch als selbst verursachte Zivilisationskrankheit Nummer EINS bezeichnet.

Weil die Lobbyisten den billigen Industriezucker nicht einfach schön reden können, haben sie eine neue Strategie, in dem sie eine falsche Fährte legen. In einem großen Bogen führen sie geschickt vorbei an den Hauptverursachern wie Softdrinks und prangern z. B. Schwarzbrot und Schinken an, weil in diesen Lebensmitteln „versteckter Zucker“ sei. Ja, das nennt man dann Aufklärung und es suggeriert, dass sich etwas Positives in der Lebensmittelindustrie tut.

Es gibt heutzutage überall eine sogenannte Ernährungsberatung, wo man auch hinschaut – Portionsangaben hier, Zertifikate dort. Auch Supermarktketten zeigen ihren guten Willen und haben neuerdings ein paar Zucker reduzierte Vorzeige-Eigenmarken im Sortiment.

In diversen „Ratgebern“ (Ich möchte nicht wissen, wer die finanziert!), lese ich regelmäßig, man solle aufpassen, was auf den Tisch kommt. Aha! Bei der Ernährung soll man aufpassen, beim NASCHEN offenbar nicht. Kindermilchschnitten, Fruchtgummis und Cola kommen also nicht auf den „Tisch“ und zählen deshalb nicht mit, wenn von dem gefährlichen versteckten Zucker die Rede ist, den man unbedingt vermeiden soll.

Ein kluger Schachzug, denn in Fruchtgummis muss man den Zucker nun wirklich nicht suchen. Er ist nicht versteckt, die Dinger bestehen ja quasi nur aus diesem billigen Rohstoff. Und da sie NUR zum Naschen dienen, sollen sie laut aufgedrucktem Hinweis auch nur in kleinen, empfohlenen Portionen genossen werden, woran sich leider fast niemand hält.

Die Portionsangaben sind winzig, aber die Packungen sind riesig, oft bis zu 1,2 kg. Wer kann sich nach dem Genuss von wenigen Gummis schon beherrschen bei dieser enormen Packungsgröße? Und außerdem sagen sich die Verbraucher, sprich Nascher: Wer weiß schon, welche Portion für mich die Richtige ist?

Cola und andere Softdrinks werden in Ernährungs-Ratgebern praktisch nie erwähnt. Wenn überhaupt, dann nur als Limonade auf gleicher Ebene mit Fruchtsäften. Es heißt: Frisch gepresste Fruchtsäfte könne man ruhig mal trinken. Es solle aber nicht zur Gewohnheit werden, denn sie enthielten viel Zucker.

Hallo, geht’s noch? Saft enthält Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe wertvolle, sekundäre Pflanzenstoffe, die entgiften und entsäuern und er enthält NATÜRLICHEN Zucker. Bei Cola und anderen Softdrinks hingegen handelt es sich nur um billig produziertes Zuckerwasser mit künstlichen Geschmacksstoffen, meist in viel zu große Flaschen abgefüllt. Darüber, ob es ratsam ist, diesen Genuss zur Gewohnheit werden zu lassen, gibt es leider keinen Hinweis.

Passt mal auf Leute, ich sage Euch was: Es gab die Stein-Zeit und es gab die Bronze-Zeit. Jetzt haben wir die Verarschungs-Zeit.

„Maßlose“ Selbstheilungskräfte

Vor längerer Zeit hatte mein Mann Kniebeschwerden. Nach der verordneten Physiotherapie bildete sich (wie wir heute durch googeln wissen) eine sogenannte Bakerzyste unterhalb des Knies. Diese platzte und verursachte einen Bluterguss mit einer Schwellung im Unterschenkel. So etwas kommt so selten vor, dass unser offensichtlich nicht googelnder Hausarzt keine Diagnose stellen konnte und meinen Mann sicherheitshalber ins Krankenhaus überwies.

Das Krankenhaus ist ein katholischer Stift. Das merkt man daran, dass sie im Eingangsbereich eine sehr alte, etwas tüdelige Nonne herumlaufen lassen. Das hat irgendwie eine beruhigende Wirkung und lenkt etwas von den böse dreinschauenden und heutzutage so notwendigen Security-Männern ab. Wir saßen eine Ewigkeit in der Aufnahme und anschließend eine weitere Ewigkeit in einem Untersuchungsraum, der uns allein überlassen war. Wir hätten alles Mögliche darin anstellen können, mit dem ganzen Equipment.

Endlich erschienen zwei sehr nette und vor allem sehr, sehr junge Weißkittel-Träger, um sich das Bein anzusehen. Sie konnten ebenfalls keine Diagnose stellen, wollten aber für ihre Dokumentation nachmessen, wie viele Zentimeter das eine Bein dicker war als das andere. Es folgte die Aktion: Maßband verzweifelt gesucht! Strahlend flötete die junge Ärztin, sie müsse sich erst mal zurechtfinden, aber sonst würde es ihr hier sehr gut gefallen. Sie hätte hier gerade angefangen. Ihr Kollege, der ein klitzekleines bisschen älter war als sie, schien auch nicht mehr Betriebserfahrung zu haben und meinte, dies sei das Lehrkrankenhaus ihrer Universitätsklinik.

Sicherheitshalber wurde mein Mann als Patient aufgenommen und in die anthroposophische Station gelegt. Oder soll ich sagen abgelegt? Naturheilkunde, Alternativmedizin und Homöopathie würde einen dort erwarten verhießen die Ausstellungs-Gegenstände und Erläuterungen in einem Schaukasten, der neben der Stationstür stand.

In dem zugewiesenen Patientenzimmer lag bereits ein wortkarger Mann, der schlecht drauf war. Nach einem Alkohol-Unfall – was man auch immer darunter verstehen soll – hatten sie ihn am Bein operieren müssen und anschließend nur deshalb hier untergebracht, weil in der orthopädischen Station kein Bett mehr frei war.

Mein Mann fing sofort mit der ihm verordneten Therapie an: Das Bein 24 Stunden täglich hochlegen! Die Schwestern sollten dann regelmäßig nachmessen, ob sich etwas tat. Es tat sich tatsächlich etwas. Das Bein schwoll im Lauf der Tage ab, sogar ganz ohne dass jemals nachgemessen und dokumentiert wurde, denn in der Station gab es ebenfalls kein Maßband. Ich war drauf und dran eines von zu Hause mitzubringen, damit die Schwestern Messwerte für ihre Dokumentation vorzuweisen hätten. Aber in der anthroposophischen Medizin interessiert das anscheinend niemanden wirklich. Der Grundgedanke ist schließlich, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden sollen. Wenn sie ganz von alleine aktiv werden, ist das natürlich noch besser – und genau das taten sie bei meinem Mann.

Der Krankenhausaufenthalt hatte nichts dazu beigetragen, zum Glück aber auch nicht geschadet. Mein Mann hätte sich immerhin Durchfall holen können, sogar ohne Norovirus. Denn auf seinem Nachtschrank lagen, statt der erwarteten homöopathischen Globuli, täglich zwei Medikamente, die er einnehmen sollte: Ein Mittel, dass die Magensäure unterdrückt und ein drastisches Abführmittel in Pulverform, dass auch vor Darmspiegelungen gegeben wird. Was soll ich sagen? Mein Mann konnte sich massive Magen-Darm-Beschwerden, sprich Appetitlosigkeit mit einhergehenden Bauchschmerzen und explosionsartigem Dünnpfiff im Abgang, ersparen, weil er mich angerufen hatte, bevor er die Sachen nehmen wollte. Man könnte auch sagen: „Schwein gehabt, ohne Gülle auf den Laken.“

Wie soll ein Patient bitteschön sein Bein 24 Stunden hochlegen können, wenn er dauernd zur Toilette rennen muss? Und wie hätten sich die Selbstheilungskräfte auf ein Knie konzentrieren sollen bei gleichzeitigen akuten Bauchschmerzen und ruinierter Darmflora?

Ich frage mich schon lange, warum jemand etwas gegen die so wichtige Magensäure im Magen unternehmen soll, obwohl er diesbezüglich völlig beschwerdefrei ist? Und warum jemandem ein Abführmittel gegeben wird, dessen Darm grundsätzlich eher zurückgepfiffen werden müsste? Werden solche Mittel nur verteilt, damit das Krankenhaus eine Medikation vorweisen kann und die Pharmaindustrie dadurch verdient? Gemäß dem Motto: Sodbrennen und Verstopfung gehen doch IMMER!

Und ich hätte auch gerne mal gewusst, was solche Medikamente in einer Naturheil-Station verloren haben? Abgesehen davon hätte man meinen Mann in jedem Fall vorher fragen müssen, ob er unter Sodbrennen und Verstopfung leidet!

Als ich auf den Korridor ging, um jemandem diese Fragen zu stellen, sah ich eine winzige, indische Nonne freundlich aber unsicher lächelnd einen riesigen Servierwagen vor sich herschieben. Sie war schätzungsweise ein Meter vierzig groß. Ihre Füße waren halb so lang wie die Schuhe, in denen sie langsam dahin schlurfte. Von hinten sah sie aus wie ein kleines Mädchen, das in die Kleider und Schuhe ihrer Mutter geschlüpft war.

Als ich eine andere Schwester, die hinter einer Glasscheibe saß, ansprechen wollte, wehrte die sofort ab. Sie hätten im Moment sehr viel zu tun und überhaupt keine Zeit. Aha, dachte ich, in diese gottverlassene Station werden Schwestern mit Überlastungs-Symptomatik und Burn-out-Syndrom versetzt. Aber unter einer ganzheitlichen Medizin in vertrauensvoller Wohlfühl-Atmosphäre verstehe ich etwas anderes. Und ganz offensichtlich konnten die Verantwortlichen die Nerven der Schwestern auch noch nicht homöopathisch in den Griff bekommen.

Nachdem mein Mann nun ein paar Tage lang fleißig damit beschäftigt war sein Bein hochzulegen und sich gleichzeitig aktiv gegen die beiden Medikamente zu wehren, wurde er als geheilt entlassen, ganz ohne dass an ihm irgendwie herumgedoktert worden wäre. Das musste ein niedergelassener Orthopäde nachholen, indem er das Knie in seiner Praxis punktierte. Seitdem hat sich das Gelenk nicht mehr gerührt. Keine Angst, nicht in Bezug auf Gehen oder Fahrradfahren, sondern in Bezug auf Beschwerden. Also Ende gut alles gut.

Hätten die mir von der Krankenkasse einen Fragebogen geschickt, wie man die manchmal bekommt, wenn es irgendwo um die Kundenzufriedenheit geht, hätte ich geschrieben: Außer Spesen nichts gewesen!

Hier noch heißer Tipp für Klinikmanager: Ich empfehle jedem Krankenhaus sich eine anthroposophische Station einzurichten. Das ist ein Selbstläufer, der so ganz nebenbei etwas einbringt.

Rollatorsprint ohne Rentier

Meine Mutter hatte sich wahnsinnig über die Weihnachtskarte meiner Schwester gefreut. Einerseits wohl, weil der alljährliche Jahresrückblick dieses Mal in Reimform verfasst war, andererseits, weil nur positive Erlebnisse zum Zuge kamen. Also fragte sie mich bei meinem letzten Besuch immer und immer wieder, ob sie mir die »Sternstunden des Jahres« mal vorlesen soll. Ich sagte immer und immer wieder ja, denn eine vorlesende Mutter ist eine gute Mutter.

Wenn ich noch Kind wäre, hätte ich jetzt keine Sorge mehr, was ich vor dem Tannenbaum aufsagen soll.

Zwischendurch ging meiner Mutter immer wieder der halb abgeschnittene Finger eines ihrer Enkelkinder durch den Kopf und sie ließ für kurze Zeit das Vorlesen sein. Es war gemütlich, wir tranken Nescafé, während sich die Weihnachtspyramide drehte und die Lieblings-Trödel-Show im Fernsehen lief. Das Radio in der Küche hatte ich mir dann erlaubt auszuschalten. Man muss aufpassen wegen der Reizüberflutung, oder besser gesagt ICH MUSS AUFPASSEN, nicht meine Mutter. Mit anderen Worten, der Nachmittag war gar nicht schlecht. Meine Mutter hatte sich über meinen Besuch und die gemeinsame Zeit gefreut und das tut mir immer gut.

Der Kühlschrank ist nach unserem gemeinsamen Einkauf mit dem Rollator, einschließlich Rollator-Sprint über die Riesenkreuzung, wieder sinnvoll aufgefüllt – zumindest bis zu meinem nächsten Besuch.

Wenn drei Fahrbahnen gleichzeitig während einer Grün-Phase überquert werden müssen, gibt es bei meiner Mutter kein Halten mehr. Mit einer ruckartigen Bewegung puscht sie ihre Gehhilfe plötzlich nach vorn. Es fehlt nur noch, dass sie „Hüh“ ruft. Leider hat der Rollator kein Rentier vorgespannt. Vielleicht sollte meine Mutter nicht so viele Weihnachtsfilme schauen.

Die eingesiegelte Knipp-Scheibe (eine Riesen-Grützwurst, die vor allem in Niedersachsen und Bremen scheibenweise gebraten und verzehrt wird), die vom „ambulanten“ Bauern geliefert wurde und schon lange im Kühlschrank auf ihre Erlösung wartet, wird immer dunkler. Bei meinem nächsten Besuch werde ich sie verschwinden lassen, sofern ich es schaffe. Offiziell geht in dieser Beziehung ja nach wie vor nichts.

Ich weiß nicht, was gefährlicher für meine Mutter ist, eine Lebensmittelvergiftung oder das Überqueren der großen Kreuzung einschließlich Straßenbahnschienen bei ROT.

Vom Pflegedienst ist jetzt ein neuer Duftspender in die Toilette eingesetzt worden, der es echt in sich hat. Die Geruchs-Verbesserer-Entwicklung scheint echte Fortschritte gemacht zu haben. (Kein Wunder, es gibt schließlich immer mehr Menschen, die nicht mehr ganz dicht sind und nur noch wenig bis gar nichts mehr riechen können.)

Die Einmalwaschlappen finden leider nicht die erhoffte Akzeptanz bei meiner Mutter. Sie bevorzugt nach wie vor Stofflappen, leider immer ein- und denselben, wenn man ihn nicht heimlich entsorgt. Aber sonst haben wir alles im Griff auf dem sinkenden Schiff. Ich sage mir: „Keine Panik auf der Titanic.“

Wenn mich jemand fragen würde, ob man als Angehöriger mit diesen ganzen Umständen leben kann, sage ich: „Ja, es ist möglich und ich werde es auch weiterhin tun, denn ich halte es für übertrieben, NUR deshalb mit dem Leben aufzuhören.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Bloglesern frohe Weihnachten.

Schuhkauf mit Röntgenstrahlen?

Bei uns zu Hause ist der Wohnbereich hauptsächlich gefliest. Allein deshalb möchte ich nicht, dass jemand auf Strümpfen läuft. Man kann leicht ausrutschen und bekommt obendrein noch kalte Füße.

Als meine Schwägerin einmal zu Besuch war, hatte ich zunächst nicht mitbekommen, dass sie ihre Schuhe ausgezogen hatte. Als ich es später sah, zog ICH sie ihr, ohne Widerrede zu dulden, einfach wieder an. Dazu hockte ich mich vor sie hin, wie eine Schuhverkäuferin in den 1960er und 1970er Jahren. Wir mussten lachen, weil wir beide das Bild vor Augen hatten, wie man früher im Schuhgeschäft bedient und beraten wurde.

Erinnern SIE sich noch? Wer sich früher Schuhe kaufen wollte, setzte sich im Schuhgeschäft auf einen mehr oder weniger bequemen Stuhl und sagte der Verkäuferin – es gab in dieser Branche nur sehr selten Männer – was er sich als Neuschuh vorstellte, Farbe, Form, Absatzhöhe usw. Die Verkäuferin holte daraufhin mehrere Schuhkartons aus dem Lager und stellte sie neben sich auf den Boden. Dann setzte sie sich mit ihrem engen Bleistiftrock geschickt schräg auf einen sehr niedrigen Hocker direkt vor den potenziellen Kunden.

Der Hocker war mit einer abgeschrägten Fläche versehen. Auf die musste der Kunde einen Fuß setzen, damit sie ihm den Schuh ausziehen und den neuen Schuh mit einem Schuhlöffel anziehen konnte. Natürlich wurden auch die Schnürsenkel oder die Schnalle von ihr geschlossen. Danach durfte der Käufer ein paar Schritte durch das Geschäft gehen. Die ganze Prozedur wurde mit den anderen Schuhen wiederholt.

War sich jemand mit der Größe nicht sicher, wurden die neuen Schuhe AM Fuß mithilfe eines riesigen Spezialgerätes mit Röntgenstrahlen(!) durchleuchtet. Ja, sie haben richtig gelesen. Dazu mussten die Kunden ihre neu beschuhten Füße in eine dafür vorgesehene Öffnung des Gerätes stellen und konnten dann von oben ihre eigenen Fußknochen zusammen mit den Umrissen des neuen Schuhs sehen. Auf diese Weise wurde (hauptsächlich bei Kindern!) kontrolliert, ob die Schuhe groß genug waren.

Dass die Strahlung nicht wirklich gesundheitsfördernd war, insbesondere für das Personal, wurde lange ignoriert. Schließlich suggerierte das Schuhgeschäft durch solch ein modernes Gerät, dass es „nur das Beste“ für seine Kunden im Sinn hatte und dabei keine Kosten und Mühen scheute, dieses Ziel zu erreichen. In Wirklichkeit drehte sich schon damals alles nur darum, den Umsatz zu steigern. Das ist heute nicht anders. Viele Unternehmen legen fragwürdige Praktiken an den Tag, umgehen gesetzliche Regelungen oder nutzen entsprechende Lücken aus, um den Verkauf ihrer Ware zu fördern. Manche gehen dabei sogar über Leichen, wie man beim Silikonskandal gesehen hat, und müssen meistens noch nicht einmal Schadensersatz leisten. Aber das nur nebenbei.

Als meine kleine Schwester nach dem Abitur für kurze Zeit als Schuhverkäuferin jobbte, waren die Zeiten der unkontrollierten Strahlung zum Glück längst vorbei. Verantwortliche hatten das „Spezialmessgerät“ zum Glück aus dem Verkehr gezogen. (Ansonsten hätte sich vermutlich meine Öko-Schwester darum gekümmert. Sie engagierte sich schon von Kindesbeinen an für eine gesunde Umwelt.) Meine Mutter konnte damals nicht verstehen, dass sie die so vielversprechende „Schuhverkäuferinnen-Karriere“ schon nach ein paar Monaten an den Nagel hing, NUR um zu studieren. Wie kann man eine solch gute und sichere Stelle aufgeben? Schließlich handelte es sich bei dem Schuhgeschäft um das erste Haus am Platz.

Die Vorstellungen meiner Mutter wichen schon immer von denen ihrer Kinder ab. Sie kann auch nach wie vor nicht verstehen, dass ich unsere Fußböden nicht mit teuren Perser-Teppichen und Brücken zu puzzle, so wie sie. Bei ihr ist der Schmutz Dank der gemusterten Teppiche zwar spurlos unsichtbar aber nicht spurlos verschwunden. Ich habe lieber Spuren von sichtbarem Schmutz und investiere statt in teure Stolperfallen in ein modernes Bodensaug- und Wischsystem.

Ich mag Brücken, die in einem idyllischen Park romantisch über Wasserläufe führen. Aber  Brücke an Brücke auf Fußböden ist nicht so meins. Die überlasse ich meiner Mutter, immer nach dem Motto:

Über sieben Brücken musst Du geh’n,
Die kannst Du gar nicht übersehen!
Schmutz und Dreck sind nunmehr außer Sicht,
Du wirst stolpern, aber putzen musst Du nicht.