fifty shades of grey im Eingangsbereich

Wenn wir Gäste bekommen, sage ich immer: „Bitte nicht die Schuhe ausziehen. Einfach nur die Matte benutzen.“

Aber ich muss immer wieder feststellen, dass mir niemand wirklich zuhört. Denn ungefähr fünfzig Prozent der Besucher ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie unsere Wohnung betreten und der Rest tut alles dafür, die Matte zu umgehen. Vorsichtig treten sie daneben oder machen einen großen Schritt, um sie ja nicht zu berühren.

Ich weiß, Matten können wunderschön sein. Es werden alle möglichen Modelle mit Motiven und Aufschriften angeboten: Herzlich Willkommen mit und ohne Herzmotiv in sämtlichen Sprachen, Gartenmotive, Blumen, niedliche Haustiere. Auf manchen steht Welcome! My home is my castle … Sogar die Namen der kompletten Familie kann man sich aufdrucken lassen und die Fotos seiner Lieben. In solchen Fällen kann ich es sogar verstehen, wenn sich niemand die Schuhe an den Köpfen der Freunde abputzen möchte.

Aber bei mir liegen nur zwei grau gemusterte Matten ohne Schnickschnack, ohne Fotos im Eingangsbereich. Zugegeben, sie haben ein dunkelgraues, hübsches Schnörkel-Muster auf hellgrauem Grund. Aber sind sie deshalb wirklich zu schade, um sie zum Schmutz abstreifen zu verwenden?

Die Einzigen, die keine Probleme mit schönen Matten haben, scheinen Handwerker zu sein. Während sie ihren Auftrag im Kopf und ihre Werkzeuge in der Hand haben, wird die Matte von ihnen beim Eintreten „nicht verschont“. Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss, jedenfalls in Deutschland. In den USA ist es wieder anders; da streifen sich die Handwerker vor dem Betreten einer Wohnung „Duschhauben“ über ihre Arbeitsschuhe, damit sie keine Spuren am „Tatort“ hinterlassen. Ihre Arbeitgeber-Firma will schließlich hinterher nicht wegen Schmutzverursachung verklagt werden, da investiert sie lieber in Einmal-Überschuhe. Man weiß ja, wie teuer so ein Schadensersatz in den USA werden kann.

Aber wie kann ich auch ganz normale Gäste dazu bewegen, die Matten zu benutzen? Vielleicht sollte ich mir neue Exemplare besorgen, die nicht nur zwei Grautöne haben, sondern gleich fifty shades of grey. Dann würden die Besucher vielleicht an Sado-Maso denken und sich die Matten endlich mal richtig vornehmen, also nicht mehr links liegen lassen oder zaghaft behandeln. Aber, ich glaube, Matten mit Motiven und Aufschriften werden grundsätzlich nicht genutzt, selbst wenn dort ein Totenkopf mit folgendem Warnhinweis abgedruckt wäre:
Achtung: Dies ist ein Schmutzabstreifer. Schonen verboten!

Freie Sicht auf „anständige“ O-Beine

In mein Elternhaus kam früher monatlich eine Schneiderin. Bevor ich geboren wurde, nähte sie für meine Großmutter oder kümmerte sich um die Zuschnitte für neue Kleider.

Es mag sein, dass sie in ihrer Jugend etwas von Mode verstand, also vierzig Jahre, bevor ich sie kennenlernte. Die Mode entwickelte sich jedoch weiter, im Gegensatz zu ihr. Man kann sagen, für sie war der Zug abgefahren und ich hatte deshalb nichts Abgefahrenes zum Anziehen.

Ich konnte sie nicht ausstehen. Ihre vorstehende wabbelige Unterlippe, die sie ständig zum Anfeuchten ihrer Finger und des Garns benutzte, hing herunter wie bei einem Kamel. Sie war hauptsächlich damit beschäftigt very geschmackvolle Kleider zu nähen oder alte, geerbte Kleidung irgendwie passend zu machen, hauptsächlich für mich. Meine Brüder wurden davon verschont. Damals wünschte ich, ich wäre ein Junge und möge dieses Kamel, ähh dieser Kelch an mir vorübergehen.

Den Begriff uncool gab es noch nicht, aber ich konnte ihn schon fühlen. Das zog sich durch bis zu meinem Secondhand-Konfirmationskleid. Ab dann trug ich hauptsächlich unanständige Jeans, die ich mir selber kaufte. Zur Finanzierung meines modischen Befreiungsschlags jobbte ich neben der Schule. Natürlich betätigte ich mich auch kreativ, um möglichst günstig über die Runden zu kommen.

Mein erstes T-Shirt hatte ich mir selbst kreiert, indem ich ein altes kurzärmeliges Herren-Unterhemd mit Knopfleiste enger genäht und dann gefärbt hatte. Dazu trug ich Lederbänder an Hals und Handgelenk und derbe Schnürboots, im Sommer Jesuslatschen. Meine Haare ließ ich einfach rechts und links von einem sogenannten Poposcheitel herunter wachsen. Mein Vater flippte zuerst aus und gab dann auf.

Er war der Meinung, dass ein anständiges Mädchen keine Hosen trägt, von Frauen ganz zu schweigen. Und weil es noch das Modediktat gab, zeigten damals alle anständigen Frauen ihre Beine. Egal ob dadurch Krampfadern, Wasseransammlungen, O-Beine oder dunkle, lange Haare kreuz und quer hinter den Nylonstrümpfen zu sehen waren und ob sie sich damit wohlfühlten.

Und als dann der Minirock in Mode kam, wurden die Röcke für alle Frauen etwas kürzer. Auch die Nachbarin, Elfriede, die sich meinen Vater als Liebhaber angeln wollte (aber das ist eine andere Geschichte), zeigte plötzlich ihre knochigen Knie. Was sollte daran anständig sein?

In den 1970er Jahren wurde der Minirock für junge Mädchen dann so unanständig kurz, dass er sehr unpraktisch und unbequem zu tragen war. Niemand konnte sich damit frei bewegen, geschweige denn bequem sitzen, was mit einer Hose jederzeit möglich ist. Ich habe mich immer gefragt, weshalb eine Hose, die definitiv weniger preisgibt als ein Rock, weniger anständig sein soll? Der schöne Begriff „anständig“ sollte für solche Aussagen nicht mehr missbraucht werden dürfen.

Heute kann FRAU so ziemlich alles tragen, was ihr gefällt. Neulich beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit waren viele Menschen aus dem öffentlichen Leben geladen. Leider saßen in der ersten Reihe Frauen, die wohl nicht berücksichtigt hatten, dass beim Sitzen mit einem engen Rock viel mehr Bein zu sehen ist, als beim Stehen. Für ein Date mag das perfekt sein, aber für offizielle politische Anlässe empfinde ich es international gesehen eher als unpassend und unnötig.

In der Politik heißt es doch immer, dass alle Seiten und alle Kulturen ein bisschen Annäherung anstreben sollten. Wen wollten manche Frauen mit ihren Beinen beeindrucken? Es gibt so viele anziehende Möglichkeiten zwischen bodenlangen Mänteln und Freier Sicht auf Oberschenkel. Dazu müssen die Frauen nicht auf jeden Mode-Zug aufspringen; sie können einfach das anziehen, was zu ihnen passt und ihnen steht.

Was mich betrifft, so lasse ich die inzwischen zahlreichen, kreuz und quer fahrenden Designer-Züge an mir vorbeirasen und bin trotzdem modisch unterwegs, ganz entspannt und bequem.

Ich habe meine Erfahrungen gemacht und weiß, dass High Heels genauso „bequem“ sind wie Miniröcke „anständig“. Und was ich gar nicht brauchen kann, sind offene Beine, auch nicht an den Hosenbeinen meiner Jeans. Manche Jeans sehen aus, als wären sie schon 10 Jahre mit anderen durch dick und dünn gegangen. Das muss ich nicht mehr haben. Ich war schon früher von Kopf bis Fuß mit Used-Klamotten im Vintage Stil eingekleidet. Modisch gesehen fünfzig Jahre zu früh, wie sich jetzt herausstellt. Heute kann mich dieser Oldtimer-Zug mal (überholen).

Ich habe schon viele Mode-Rivivels erlebt, Trends kommen und gehen gesehen. Deshalb nehme ich mir jetzt die Freiheit zu sagen: Hingucker um jeden Preis gehen mir am ”Bobbes“ vorbei, auch was die Frisur betrifft! Ein schiefer Pony stand mir schon früher nicht. Ich lasse mir lieber in der Natur den Wind um die Nase und meinen Lieblings-Haarschnitt schief wehen.

In meinem Alter kann man sich cool zurücklehnen, abwarten und Tee trinken!

Burn-out durch Tamtam

Von wegen, alles im Griff. Als wir neulich während der Oktoberfestzeit eine „Konserve“ schauten, klingelte es an der Haustür. Der Nachbar hatte schon angekündigt, dass er uns die geliehene Bohrmaschine zurückbringen wollte. Also stand mein Mann auf und ging zur Tür. Damit er nichts von „unserem“ Film versäumte, drückte ich auf die Pausetaste der Fernbedienung und geriet per Zufall in eine Volksmusiksendung.

Sie kam rüber, als würde hier Silvester und Karneval gleichzeitig gefeiert werden. Der Saal tobte und die Stimmung kochte. Als ich sah, wie die Zuschauer in den Rängen Pool-Nudeln, über ihren Köpfen zusammenschlugen, war ich unfähig, den Ausschaltknopf zu drücken. In Sachen Applaus scheint das der neueste Trend zu sein. Ich fragte mich allerdings, wo da das Klatsch-Geräusch der Hände herkam. Aber das war bestimmt zugemischt, wie in manchen amerikanischen Fernsehserien. Hauptsache, die Optik stimmt: grölende Zuschauer in überschäumender Begeisterung, prall gefüllte Dirndl-Kleider, Lichtkegel, Konfetti.

Ein Gottlieb-Wendehals-Nachfolger führte eine Polonaise an. Sein Markenzeichen, eine strähnige Perücke, die durch eine Art Ski-Sonnenbrille aufgepeppt wurde. Inzwischen weiß ich, dass er mit dem König von Mallorca, Jürgen Drews, „zusammenarbeitet“. Die beiden verstehen etwas von Remmidemmi und zehn nackten Friseusen. Ob diese Inflation der Stimmung noch steigerungsfähig ist?

Die Interpreten grinsen derart unnatürlich intensiv in die Kameras, dass man sich fragt, ob sie schon einen Gesichtsmuskel-Krampf haben oder kurz davor stehen? Es würde mich nicht wundern, wenn sich erste Patienten mit akuter Gesichtsmuskel-Zerrung durch Gaudi-Überdosis (mit oder ohne Hörsturz) in ärztliche Behandlung begeben würden. Und ich frage mich, ob einzelne Volksmusik-Interpreten schon eine Tournee abbrechen mussten wegen Burn-out durch Tamtam? Würde das überhaupt als Berufskrankheit anerkannt und gibt es dafür eine Art Berufsgenossenschaft?

Wenn ja, schlage ich folgende Reha-Angebote vor:
– Stimmung runterfahren. Es darf geflucht werden!
– Gesprächskreis: Lasse deinen inneren Miesepeter raus (Grimassen erlaubt)
– Wer bin ich? Von Everybody’s Darling zum Stimmungstöter.
– Authentisch dreinschauen in zehn Schritten bis zur Gesichtszug-Entgleisung
– Gesichtsmuskel-Entspannung auf Chi-Gong-Schlag
– Therapeutisches Boxen: Ihr könnt mich mal, ich haue in den Sack!
– Ernsthaft-Walking ohne Mienenverzug
– Lieber schlecht drauf als drunter und drüber
– LMA Meeting der anonymen Partyholics (Selbsthilfegruppe für Schunkel-Opfer)

Okay, ich weiß: Lachen ist gesund. Wenn man schlecht drauf ist, soll man sich im Spiegel anlächeln. Das Unterbewusstsein nimmt das Lächeln wahr, als hätte man einen Grund dazu, und schon ist man gut drauf. Soweit die Theorie.

Bei dieser Fernsehsendung heißt es allerdings, gute Laune, bis der Arzt kommt. Hier kann das Lachen nach hinten losgehen. Man sollte sich schon entscheiden, ob man den Verstand oder die Pool-Nudel-Show einschalten möchte. Beides geht nicht.

Dinosaurier als Stimmungskiller

Auf eines kann ich mich verlassen, wenn ich einmal Zeit zum Fernsehen habe, gibt es nicht das, was ich gerne sehen würde. Ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte eher mit einem Lottogewinn rechnen. (Dazu müsste ich allerdings spielen.) Deshalb sehen wir meistens Konserven, hauptsächlich selbst gebrannte DVDs. Man muss sich keine Werbung antun, weil die vor dem Brennen herausgeschnitten werden kann oder man spult einfach vor, um sie zu übergehen. Und beim Schauen einer DVD kann man grundsätzlich Pausen machen, wann immer man Lust dazu hat.

Nach dem Genuss eines schönen Filmes möchte ich das gute Gefühl gerne noch ein wenig nachwirken und gut gelaunt den Abend ausklingen lassen. Das scheint allerdings immer ein Problem zu sein, ganz egal, ob wir uns gerade einen Film aus dem aktuellen Fernsehprogramm anschauen oder eine gekaufte oder eine gebrannte DVD.

Entscheiden wir uns für den Fernsehfilm, der gerade läuft, sehen wir spätestens eine zehntel Sekunde nach dem Schluss, meistens sogar etwas früher, Köpfe rollen, Blut spritzen und hören die dazu passende Geräuschkulisse, wahlweise Schüsse und schreckliche Schreie. Wenn wir Glück haben, wird nur eine saubere, kalkweiße Leiche aus der gerichtsmedizinischen Schublade gezogen. Man kann den Programm-Redakteuren einiges vorwerfen, aber nicht, dass sie beim Ankündigen oder Starten des nächsten Filmes trödeln. Damit der Fernsehkunde dran bleibt, geht alles nahtlos ineinander über.

Aber glauben Sie ja nicht, dass die selbst Gebrannten uns vor bösen Überraschungen schützen. Vor einiger Zeit sahen wir eine davon, eine wunderschöne Komödie mit einem sehr gefühlvollen Schluss. Ich war völlig hingerissen und regelrecht versunken in die Handlung. Ich spürte sogar eine kleine Träne der Rührung langsam in mir aufsteigen, als plötzlich ein Dinosaurier von rechts unten über das Bild spazierte. Er riss mich derart aus meinen Empfindungen, dass man von einem emotionalen Interruptus sprechen kann.

Dieser Animations-Dinosaurier kündigte gnadenlos einen Film an, der im Anschluss an den gerade ausgestrahlten Film auf diesem Kanal laufen sollte. Natürlich handelte sich dabei um Jurassic Park, was sonst.

Ich war wütend. Wie können die zuständigen Fernsehleute es wagen, mit einem Dinosaurier, der sich weder ignorieren noch aus der Aufnahme herausschneiden lässt, auf den Gefühlen ihrer Zuschauer herumzutrampeln? Auch wenn es sich um ein kleines Exemplar handelte.

Mir zeigt das eindeutig, dass die Verantwortlichen dieser Sender keine Rücksicht auf Gefühle nehmen können. Sie präsentieren ihr Programm schließlich nicht aus lauter Nächstenliebe. Das Geschäft ist knallhart und muss laufen. Die Konkurrenz schläft nicht und Zapper müssen beim Zappen drastisch ausgebremst werden, wenn es sein muss auch mit geschmacklosen Mitteln. Ihnen muss sozusagen vor Erstaunen die Fernbedienung aus der Hand fallen. Dazu bedarf es spektakulärer Bilder oder man setzt computeranimierte Trickfiguren ein. Das muss man doch verstehen. Und da die Zuschauer immer mehr abstumpfen, braucht es immer drastischere Methoden, um sie vom Wegzappen abzuhalten oder vom Ausschalten.

Aber auch wenn man eine Kauf DVD schaut, muss man aufpassen. Das liegt allerdings nicht an der DVD, sondern vielmehr daran, dass auf dem Bildschirm automatisch das aktuelle Fernsehprogramm erscheint, sobald man den DVD-Player ausschaltet. Und wie wir alle wissen, scheinen dort nur noch Krimis angeboten zu werden. Inzwischen gibt es für jeden etwas: Science-Fiction- und Heimatkrimis, Dramödien, in denen beziehungsgestörte, überschuldete Ermittler mit Alkoholproblemen mehr oder weniger gut versuchen für Thrill zu sorgen. Es scheint keine Region in Deutschland zu geben (einschließlich der Inseln), in der nicht ständig gemordet wird, vielleicht lässt sich damit der Bevölkerungsrückgang begründen. Ich schweife ab.

Eines kann ich grundsätzlich sagen, wenn mein Mann und ich einen Film schauen, egal ob Konserve oder direkt, schnappe ich mir neuerdings gegen Ende des Films die Fernbedienung, um blitzschnell reagieren zu können. Dadurch kann ich zwar keine Dinosaurier vertreiben, aber immerhin das Gemorde in unserem Wohnzimmer verhindern. Dazu muss ich oft meinem Mann die Fernbedienung ganz vorsichtig aus der Hand ziehen, damit er nicht aufwacht (es sei denn, sie ist ihm schon aus der Hand gefallen). Wacht er bei der Aktion auf, habe ich kein schlechtes Gewissen, denn das wäre er ohnehin spätestens durch den Krach und das Geschrei des nachfolgenden Filmes, an dem er sich dann vielleicht sogar festguckt – je nach Lust und Laune. Sie müssen nämlich wissen, dass ER filmtechnisch hart im Nehmen ist und gerne mal den einen oder anderen Thriller anschaut.

Es gibt also doch ab und zu Tote in unseren vier Wänden. Damit sie keine Spuren hinterlassen, haben wir eine ideale Lösung gefunden, den kabellosen Kopfhörer für den Einzel-Krimi-Fern-Seher. Ich kann dieses Teil nur jedem wärmstens empfehlen, der so wie ich von Natur aus kein dickes Fell besitzt und es vom langjährigen Filmkonsum auch noch nicht bekommen hat. Eine tolle Erfindung, ohne die ich nicht mehr leben möchte – ohne meinen Mann natürlich auch nicht, das versteht sich von selbst.

Wir sind jetzt rundum zufrieden und haben beim Fernseh- und Filmkonsum alles im Griff. Nur wenn ein Dinosaurier mitten in das Happy End reinplatzt, platzt mir der Kragen. Und ich frage mich, welche Stimmungskillerkreaturen wohl als nächstes über den Bildschirm kreuchen und fleuchen, um mich wieder herunterzuholen, auf den Boden des ganz normalen Fernseh-Wahnsinns?

Silberlocken im Aufwind

Mein Mann und ich unternehmen eine Radtour. Zunächst fahren wir mit dem Auto und den Fahrrädern auf dem Anhängerteil zu einem Park. Von dort aus ist es nicht weit zu einer schönen Flussniederung. Alltags ist auf dieser Strecke nicht so viel los und das Wetter scheint perfekt für einen Ausflug.

Die Fahrräder sind schnell einsatzbereit, und es geht los. Zuerst fahren wir an dem Park und an einem See vorbei. Ich genieße die seidige Luft. Ab und zu ist der Weg ein bisschen ansteigend. Dann geht mir die Puste aus und ich bekomme meine mangelnde Kondition zu spüren. Wenn es länger aufwärts geht, fahre ich im ersten Gang und „pfeife aus dem letzten Loch“. Mit meinem Mann kann ich nun einmal nicht mithalten. Ich hatte mich eigentlich mein Leben lang viel bewegt und auch ein wenig Sport getrieben. Aber vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich nicht so kräftig und natürlich auch nicht mehr die Neueste bin.

Mein Mann passt sich meiner Geschwindigkeit an und wir unterhalten uns während der Fahrt. So fahren wir entspannt auf einem Deich entlang. Soweit das Auge reicht, sehen wir Marschlandschaft mit satten grünen Wiesen auf denen schwarz-weiße Kühe grasen. Die Ufer des sich schlängelnden Flusses sind mit Schilf eingefasst. Der Deich passt sich dem Flussverlauf an. Teilweise fließt zu beiden Seiten des Deiches ein Gewässer. Dann führt der Weg vom Deich herunter. Wir fahren über eine Brücke in die Marschlandschaft hinein und kommen auf einen Weg, der direkt neben dem Fluss verläuft. Kilometer lang fahren wir weiter, teilweise an friedvollen Pferdekoppeln entlang, bis der Weg wieder auf den Deich führt. Ab und zu kommen wir an einem schönen Fachwerk-Bauernhaus vorbei. Alles ist perfekt, ein idyllischer Ausflug im Sonnenschein.

Die Strecke ist asphaltiert und deshalb auch für Skater sehr gut geeignet. Derzeit scheinen aber keine unterwegs zu sein. Stattdessen flitzen immer wieder „Silberlocken“ (ein interner Fachbegriff für Senioren) mit Rädern an uns vorbei, sogar auf ansteigenden Strecken! Die Leute sehen viel älter aus als ich, finde ich zumindest, und ich bin ehrlich beeindruckt von ihrer Kondition. Aber dann wird mir klar, dass sie auf sogenannten E-Bikes sitzen. „Warmduscher“, sagt mein Mann trocken. „Die sollen mal gut aufpassen, dass sie bei der Geschwindigkeit den Lenker gerade halten.“

Gerade überholt uns ein kleines altes Ehepaar, gemütlich sitzend auf ebenfalls kleinen E-Bikes. Der Mann balanciert mit seinem Lenker einen großen, geflochtenen Hundekorb mit niedrigem Rand vor sich her. Ich würde dieser Konstruktion nicht über den Weg trauen. Auf dem Korb thront ein dicker Dackel, wie auf einem Podest. Beim Vorbeifahren guckt er mich dicknäsig mit einem mitleidigen Blick an und gähnt. Ich würde ihm am Liebsten zurufen: „Wenn dein Herrchen nur einmal kurz bremsen muss, machst du einen Satz nach vorne.“

Solch ein uralter Hundekorb passt irgendwie nicht auf ein modernes, schnelles E-Bike, denke ich. Da gibt es doch bestimmt passende Hartschalen-Modelle, bei denen der Hund auch sicher transportiert wird. Aber das ist hier definitiv nicht der Fall! Ich sehe förmlich vor mir, wie sich ein großer Hund den Dackel im Vorbeilaufen von dem flachen Präsentierteller schnappt und damit wegrennt.

Wir fahren weiter auf dem Deich. Hier sind nur Fahrzeuge von Anliegern erlaubt. Ab und zu fährt eins an uns vorbei. Wir werden von einem Postauto überholt, von einem Trecker, einem Lieferwagen und einem Smart. Dann fährt ein SUV hinter uns. Er hält kaum Abstand und ist offensichtlich genervt, weil er uns nicht sofort überholen kann. Kaum ist die Straße breit genug, gibt er ordentlich Gas und braust haarscharf an uns vorbei. Die Abgaswolke, die uns entgegen bläst, hat mit Sicherheit mehr Feinstaub im Abgang als in der Software angegeben ist. Man sollte ihm den Berechtigungsschein entziehen, falls er überhaupt einen besitzt und den Wagen am besten gleich stilllegen. Damit wäre allen Beteiligten geholfen – allen voran der Umwelt.

Nun sitzen wir in einem idyllischen Biergarten an einer Schleuse mit Blick auf den kleinen Fluss. Die Sonne wärmt uns von hinten, während wir ein alkoholfreies, kühles Bier trinken. Ein Boot mit einem Angler fährt vorbei. Das Wasser strömt mit kleinen Strudeln schwer dahin und verbreitet einen Duft, den man nur an einem Fluss wahrnehmen kann. Ich möchte stundenlang auf das Wasser schauen und dabei sein, wenn sich Ruhe und Bewegung vereinen. Ich spüre die Kostbarkeit dieses Augenblicks.

Eine halbe Stunde später fahren wir die gleiche Strecke wieder zurück. Kurz nach einer Biegung kommt uns ein großer Hund entgegen, ohne Halsband, ohne Leine. Er sieht zufrieden aus, leckt sich die Lefzen und verschwindet wieder aus unserem Blickfeld. Er wird doch nicht …

Nachdenklich reibe ich mir die Augen. Meine Fantasie geht wohl mit mir durch. Wir radeln weiter durch die schöne Natur, mein Mann mit seinem leichten Alurad und ich mit meiner schweren holländischen Gazelle. Irgendwie passt der Name nicht zu dem Rad, denke ich, Elefant würde es eher treffen. Aber meine Gazelle ist rasant im Abgang. Wenn es abwärts geht, fühlt sich der Name passend an; dann bin ICH nämlich schneller.

Warum ich mir kein E-Bike kaufe? Ganz einfach, ich habe es nicht mehr eilig. Ich bin jetzt im Ruhestand und fahre nur noch JUST FOR FUN!

Gemeinsames Sorgerecht für Notebook

Unsere Tochter lebte fünf Jahre mit ihrem Freund in Süddeutschland, man kann sagen, ganz am anderen Ende unseres Landes. Trotzdem besuchten die Beiden uns gerne, vor allem, wenn noch der eine oder andere Feiertag für ein verlängertes Wochenende sorgte. Aber dann standen sie grundsätzlich jedes Mal auf der Hin- und Rückfahrt im Stau, was keinem Spaß machte. Unabhängig davon zog es unsere Tochter schon seit längerer Zeit wieder zu uns zurück in den Norden und sie fand eine Arbeitsstelle, die nur dreißig Minuten von uns entfernt liegt.

Seit ein paar Tagen wohnt sie nun also übergangsweise wieder bei uns oben im Haus. Und ihr Freund bleibt vorerst allein in der schönen gemeinsamen Wohnung, bis die beiden hier in der Nähe etwas Adäquates für sich gefunden haben. Seinen guten Job will er wohl vorerst nicht aufgeben, dann lieber hoch und runter pendeln und vieles per Homeoffice von uns aus erledigen.

Die beiden haben zwei Laptops. Der eine wird von ihm ausschließlich geschäftlich gebraucht, ist also ein Firmen-Laptop. Den anderen nutzen sie beide für private Zwecke und haben auch das „gemeinsame Sorgerecht“. Geeinigt haben sie sich dann aber darauf, dass dieses Gerät zunächst in der gemeinsamen Wohnung bleibt. Deshalb musste meine Tochter jetzt am Wochenende auf MEINEN Laptop zurückgreifen, was sie ausgiebig und ununterbrochen tat. Auch für ihre neue Firma müsse sie sich einen Überblick verschaffen, was im Garten natürlich nur mit einem Laptop möglich war und nicht mit dem feststehenden Computer im Arbeitszimmer meines Mannes. Will man ihr das verwehren?

Mein Laptop scheint magische Anziehungskräfte zu besitzen. Wenn Gäste ihn nur sehen, fällt ihnen blitzartig ein, was sie eigentlich noch zu erledigen hätten und fragen mich, ob sie ihn mal ganz kurz benutzen dürften. Die Maus geht dann von Hand zu Hand – und das, obwohl alle ein Smartphone besitzen.

Das ohnmächtige Gefühl, das mich wegen meiner unfreiwilligen „Schreibblockade“ überkam, hatte mich letzte Nacht innerlich so aufgebracht, dass ich nicht mehr einschlafen konnte. Solch einen Zustand hatte ich zuletzt vor ungefähr zwanzig Jahren, wegen meiner Schwiegermutter.

Ihnen kann ich es ja ruhig erzählen. Das muss aber unter uns bleiben. In meiner Not habe ich mir jetzt ganz spontan ein Not(e)book gekauft. Es war „not“-wendig und es ist ”NOT“ for everybody!

Zum Frühstücken im Wintergarten werde ich in Zukunft ein zusätzliches Tragegrifftablett benutzen. Zur Qualitätssicherung der Zeitungslese und Schreib-Phase sollten sich darauf grundsätzlich folgende Kommunikationsmittel befinden: ein Laptop, ein Notebook, zwei Smartphones und ein Festnetz-Home-Handy – Willkommen im digitalen Zeitalter.

Mein Mann und ich dürfen jetzt nur unsere Mäuse nicht verwechseln.

Hausgemachte Schreibblockade

Ich habe seit ungefähr zehn Jahren einen Laptop auf der Küchenarbeitsplatte in der Nähe des Ceran-Kochfeldes stehen. Das ist sehr praktisch. Ich kann Mails checken und schreiben, während das Essen vor sich hinköchelt. So fühle ich mich nicht an den Herd gefesselt, sondern mit der Welt verbunden. Das fühlt sich besser an.

Seit einem Jahr liest mein Mann die Zeitung nur noch online und nimmt sich dazu meinen Laptop mit an den Frühstückstisch. So weit, so gut. Aber in unserem diesjährigen Dänemarkurlaub habe ich das Schreiben für mich entdeckt – eine Leidenschaft, die von niemandem eingeschränkt werden soll, auch nicht von nahestehenden Personen. Denn durch das Schreiben bin ich endlich bei mir selbst, weit weg von den Problemen dieser Welt und vom Grübeln oder schon wieder so nah dran, dass ich die Dinge mit viel Humor sehen kann.

Aber wie soll ich schreiben, wenn ich ständig anderweitig beschäftigt werde bzw. nicht an meine Schreibmaschine komme. Damit Sie wissen, was ich meine, beschreibe ich Ihnen mal einen typischen Tag, an dem ich regelrecht behindert werde und meiner Leidenschaft nur schwer nachkommen kann.

Los geht es natürlich am Morgen, direkt nach dem Frühstück. Mein Mann liest seine Laptop-Zeitung, sodass ich nicht mit dem Schreiben beginnen kann. Geduldig räume ich noch ein paar Sachen in der Küche auf, gehe ins Schlafzimmer und mache die Betten, komme zurück und lese in einem Gartenratgeber … Ich hätte schon einiges schreiben können. In meinem Kopf sprudeln die Gedanken.

Dann endlich, mein Mann ist mit der Zeitung durch, ich setze mich hin und greife nach meinem Laptop, aber ich hätte wahrscheinlich eher nach den Sternen greifen können. Denn genau in diesem Moment muss mein Mann noch nach der Börse und dem Fußball schauen. Ich warte, es dauert ja nicht lang. Schließlich hat er dass dann auch erledigt und schiebt mir gerade den Computer herüber, da fällt ihm ein, dass er noch nicht Wetter-online war. Mit den Worten Warte mal eben zieht er das begehrte Teil wieder zu sich zurück.

Er weiß, dass ich ein sehr geduldiger Mensch bin. Irgendwann scheint er endgültig das Gefühl zu haben, mit seiner morgendlichen Informationsaufnahme fertig zu sein und stellt den Laptop vor mich hin, während ich mir das Mousepad inklusive Mouse herüberziehe. Kaum schaue ich auf den Bildschirm, steht mein Mann hinter mir und legt seine Hand auf die Mouse. Ich spüre seinen Atem auf meinem Nacken und ein dadurch aufkommendes Gefühl in mir. Aber augenblicklich holt mich das Klicken der Mouse wieder runter. Er wollte nur noch schnell nach den Ölpreisen und den Verkehrs-Meldungen schauen, das hatte er vergessen. Ich sehe mich außerstande es ihm abzuschlagen.

Dann nimmt er mein Handy, weil seines gerade aufgeladen wird, legt es, nach der Benutzung, weit weg von mir auf ein Regal und setzt sich wieder hin, um noch einen Kaffee zu trinken. Kein Problem für mich, ich will ja nicht telefonieren, ich will NUR schreiben.

Ich logge mich ein, um an MEINE Daten zu kommen und fange an zu tippen, während mich mein Mann an interessanten Neuigkeiten teilhaben lässt. Er informiert mich über aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft, lokale Vorkommnisse, die Todes-Anzeigen und erzählt mir die neuesten Storys. Immer wieder fällt ihm etwas ein. Ich bin ganz Ohr, obwohl ich es hinterher oft bereue, denn ich bin nun einmal ein Sensibelchen – aber leider auch neugierig. Das nutzt mein Mann für sich. Sein ganzes Wissen möchte er mit mir teilen. Aber leider ist mein Fell nicht so dick wie seines. Die gesamte weltpolitische Lage belastet mich und bringt mich zum Grübeln, und Horror-Meldungen machen mir noch mehr zu schaffen. Wie auch immer, an diesem Morgen werde ich wieder einmal bestens informiert.

Mein Mann und ich unterhalten uns gerne und viel und das ist wertvoll und wichtig für uns beide, auch wenn mein Beitrag an der Unterhaltung meist weniger als zehn Prozent ausmacht, weil ich mich immer zurückhalte. Warum das so ist, weiß ich nicht, denn ich hätte viel zu sagen. Aber es fing schon in meiner Kindheit damit an, dass ich bei einer Unterhaltung quasi übersehen wurde, also kaum zu Wort kam – und das ist bis heute so geblieben. Ich gewöhnte mich daran. Ich sage nur: strenger Vater, ständig beratende Mutter, zwei ältere Brüder und eine schon immer eloquente kleine Schwester, in deren Beruf sich heute alles um Werbung, Texte und deren Konzeption dreht. Ich scheine nach wie vor immer mit einem Schild durch die Gegend zu laufen, auf dem in Großbuchstaben steht: ICH DARF ÜBERHÖRT WERDEN! IST EH NICHT SO WICHTIG.

Mein Mann und ich befinden uns gerade in einer wunderbaren Lebensphase, in der wir vormittags Zeit haben uns in Ruhe zu unterhalten. Ich empfinde das als absoluten Luxus. Das steht im krassen Gegensatz zu den ersten dreißig Jahren unserer Ehe, in der wir fast immer das Gefühl hatten, dass uns die Zeit davonrennt und wir „zu nichts kommen“. Jetzt habe ich für alles mehr Zeit, sogar für meine neue Schreib-Leidenschaft. Nur ohne Schreib-Gelegenheit bleibt sie auf der Strecke.

Nach unserer ausführlichen Unterhaltung am Frühstückstisch geht mein Mann nach oben in sein Arbeitszimmer. Ich lehne mich entspannt zurück, schaue auf den Bildschirm und fange an zu schreiben. Die Gedanken fließen und die Finger tun alles, um mitzuhalten. Da höre ich das Telefon, ein leises Klicken. Es ist der Klingelton, den wir meiner Mutter zugeordnet haben, damit ich ihrem Telefonterror wenigstens ein wenig entfliehen kann. Es ist angenehmer, wenn es nur klickt, statt ständig zu klingeln, bis sich der Anrufbeantworter einschaltet.

Mein Mann hört sich jetzt wohl gerade an, was sie aufspricht. Wahrscheinlich geht es wieder um das Übliche. Sie fragt nach ihrer EC-Karte, denn sie will Bargeld vom Geldautomaten holen oder ihren drogenkranken Enkel schicken, damit er das für sie erledigt.  Dabei haben wir alles so eingerichtet, dass sie in ihren Läden ganz bequem bargeldlos einkaufen kann, wovon sie fleißig Gebrauch macht.

Da sich mein Mann nicht bei mir rührt, scheint es wirklich nichts Dringendes zu geben. Es klickt unaufhörlich und mir wird klar, dass meine Mutter wieder einmal in ihrer täglichen Anrufphase ist und zur Höchstform aufläuft. Durch ihre Demenz vergisst sie leider ständig, dass sie ihre Wünsche schon aufgesprochen hatte. Der Anrufbeantworter nimmt alles geduldig auf, bis er voll ist. Dann gibt er bei jedem weiteren Anruf einen entsprechenden Signalton von sich, und meine Mutter lässt von uns ab.

Ich könnte mir eine bessere Geräuschkulisse vorstellen, als dieses Telefon-Klicken, aber sie hält mich nicht vom Schreiben ab, zum Glück. Ich bin mitten in meinen Gedanken, da kommt mein Mann herunter und möchte wissen, was er mitbringen soll. Er will mit dem Fahrrad in den Ort fahren und einkaufen. Wir überlegen noch, was es zum Mittagessen geben soll und ich schreibe schnell einen Einkaufszettel. Den drücke ich ihm in die Hand und lächelnd einen Kuss auf den Mund.

Als er endlich losgefahren ist, meldet sich die Waschmaschine. Okay, denke ich und atme tief durch, gehe nach unten und beginne mit dem Aufhängen – natürlich die WÄSCHE, NICHT MICH.

(Fortsetzung folgt morgen)

Neues Leben für Friedhofs-Abfall

Als ich vor Kurzem meine Mutter besuchte, ging ich die Straße meiner Kindheit entlang, um Kuchen für uns zu holen. Es ist die Straße, in der ich aufgewachsen bin und in der mein Elternhaus steht. Die großen Häuser sind alle so um 1890 gebaut worden, damals für jeweils eine Familie. Jetzt wohnen meistens zwei bis fünf Parteien in jedem Haus – eigentlich eine gute Sache, wenn sich wenigstens einer der Bewohner um den Außenbereich kümmert. Bei manchen Häusern klappt das aber gar nicht. Das kann man unter anderem daran erkennen, dass sehr viele Blumentöpfe mit mehr oder weniger toten Blumen die breiten Sandstein-Treppenstufen zum Hochparterre-Eingangsbereich säumen.

Im Laufe der Jahre brachte wohl immer wieder mal der eine oder andere Bewohner eine schöne Topfpflanze vom Marktplatz mit und stellte sie zur Verschönerung des Anwesens dort ab. Die Blume ging dann langsam ein und eine neue wurde danebengestellt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Treppe unbegehbar sein wird. Davon abgesehen scheinen die Bewohner die Hoffnung zu hegen, dass die verblühten und vertrockneten Blumen irgendwann wieder zum Leben erweckt werden und neu erblühen. Dazu wäre es allerdings ratsam sie zu gießen oder eine Nenn-Tante von mir „einfliegen“ zu lassen, eine echte Pflanzen-Versteherin. Sie holte früher schon verwelkte Blumen aus dem Friedhofs-Abfall und päppelt sie zu Hause wieder auf. Aber hier würde selbst sie sagen: „Kann ich die Friedhofsblumen noch mal sehen?“

Auch das eine oder andere, von seinen Besitzern am Zaun angeschlossene Fahrrad, wartet schon jahrelang vergeblich darauf, von seinen Fesseln befreit zu werden. Jedoch auch hier kommt wohl jede Hilfe zu spät, wenn ich mir die Überbleibsel genauer ansehe. Eins der Fahrräder ist von Unkraut komplett überwuchert. Ich frage mich, wo die Menschen geblieben sind, die hier einmal ihre Fahrräder angeschlossen hatten. Vielleicht wollten sie nur Zigaretten holen gehen und sind dann in ein neues Leben geschlüpft. Aber warum sind sie dann nicht mit dem Fahrrad davongefahren? Eigenartig.

Die Vorgärten sind fast alle mit einer niedrigen Mauer eingefasst, auf der verschnörkelte schmiede-eiserne Zaunelemente angebracht sind. Vor sehr langer Zeit hatte sich in einem der Vorgärten ein Baum direkt an der Mauer selbst gesät. Er wuchs im Laufe der Jahre so groß, dass seine riesigen Wurzeln die Mauer langsam aber sicher anhoben. Die Hausbesitzer schienen lange Zeit blind zu sein.

Erst als die Mauer umzukippen drohte, wachten sie auf und ließen den Baum fällen. Aber damit war das Problem noch lange nicht gelöst. Also ließen sie die schräge, einsturzgefährdete Mauer mit einer provisorisch wirkenden Schrauben-Stahl-Konstruktion an dem Verursacher-Baumstumpf befestigen. So wurde der Verursacher zum Schadensbegrenzer. Was soll man sagen? Schrecklich blöd und doch genial!

Ein anderes Haus hat einen Efeu- und Birkenschaden. Der Baum ist bestimmt 15 Meter hoch, beschattet sämtliche Fenster der Hausfront und verliert Unmengen von Abfall (wenn auch biologisch abbaubar), der ständig weggefegt werden muss. Wie dumm ist das denn? Mit Schicksal hat das nichts zu tun. Manchmal vergessen die Menschen, dass man Dinge nicht unbedingt als gegeben hinnehmen muss, sondern auch rechtzeitig etwas gegen Spätfolgen unternehmen kann.

Birken gehören ohnehin nicht in die Stadt, sondern ins feuchte Moor, und so große Exemplare passen schon gar nicht in einen Vorgarten, in dem sie mit ihren durstigen Wurzeln häufig auch noch Abwasserrohre beschädigen. Aber warum sollte irgendjemand klüger sein als die von ihm gewählten Politiker? Wie vorausschauend denken die denn?

Ich habe den Eindruck, Politiker sehen ihre Aufgabe zunehmend darin, erst einmal abzuwarten und den Bürgerinnen und Bürgern gebetsmühlenartig zu versichern, dass alles in Ordnung sei und sie alles im Griff hätten. Wenn dann irgendwann akuter Handlungsbedarf besteht, thematisieren sie ganz überrascht diese im Grunde vorhersehbare Entwicklung und beschäftigen sich intensiv mit Schuldzuweisungen. Köpfe rollen und oder schauen dumm aus der Wäsche bzw. aus Schlips und Perlenkette. Dann wird die ach so vertraute Raute gezeigt, die irgendwie eine beruhigende Wirkung auszuüben scheint. Das ist ein Phänomen, wenn man bedenkt, dass dabei 80 % der Finger nach unten gerichtet sind. Aber das ist wohl noch niemandem aufgefallen.

Fange ich etwa gerade wieder an zu grübeln? Nein ich schreibe über die Straße meiner Kindheit. Ja mein Elternhaus liegt mitten in der Stadt. Inzwischen ist die Wohngegend wieder begehrt und manche Häuser werden komplett renoviert. Ich gehe immer gerne durch die Straße und schaue mir an, was sich so tut. Dann stelle ich mir vor, wie schön es wäre, wenn alle Häuser wieder so aussehen würden, wie vor über hundert Jahren, mit den Stuckfassaden, den Säulenaufgängen und den hohen Fenstern.

So ging ich weiter bis an die Ecke zum Tante Emma Laden, der jetzt ein unentbehrlicher Onkel Ösyl-Laden ist. Dort sahen mich makellos schöne Himbeerkuchen-Stücke an, denen ich nicht widerstehen konnte. Der klare Tortenguss auf den wohlgeformten Himbeeren glänzte verführerisch.

Aber man soll eben nicht nur nach dem Äußeren gehen. Zu Hause am Kaffeetisch glaubte ich, meinen Geschmacksknospen nicht zu trauen. Der Guss schmeckte, als hätte der beliefernde Bäcker Parfum hineingeschüttet. Ich denke, der Bäcker musste verliebt gewesen sein oder unter Körpergeruch leiden, oder beides. So bin ich einmal wieder desillusioniert worden, was Kuchen kaufen betrifft. Für mich allein ist das kein Problem, weil ich inzwischen sowieso lieber ein Sandwich oder ein Brötchen zum Nachmittagstee mag.

Und so träumte ich von einer Etagere voller Gurken- und Kresse-Sandwiches, während meine Mutter mich immer wieder dasselbe fragte.

Trödelträger im Verkaufsrausch

Meine Mutter hatte sich heute wieder sehr über meinen Besuch gefreut. Wir hatten zusammen zu Mittag gegessen. Später beim Kaffee trinken griff sie zur Fernbedienung. Im Fernsehen lief noch eine Kochsendung, aber sie konnte den Beginn ihrer Lieblings-Sendung einfach nicht erwarten. Nach dem
Motto: Ein Tag ohne „Bares für Rares“ ist möglich, aber freudlos.

Wenn sie diese Sendung sieht, strahlt sie eine Freude aus, die mein Herz anrührt. Es ist ein schönes Gefühl, sie so glücklich zu sehen. Vielleicht kommt sie so langsam von ihrer Co-Abhängigkeit los. Es ist erst fünf Monate her, dass wir sie und ihren drogenkranken Enkel endlich räumlich trennen konnten. Von emotionaler Trennung kann bei ihr jedoch leider keine Rede sein. Ihre Gedanken kreisen unaufhörlich um ihn und darum, wie sie für ihn an ihr vieles Geld kommen könnte, das ich für sie verwalten muss.

Nur wenn sie gerade Bares für Rares sieht, kann sie sich entspannen. Sie fühlt sich wohl in ihrer Welt, wenn diese Trödel-Show läuft. Immer wieder fragt sie, ob ich wüsste, wo dieses Gebäude steht. Ich solle es rauskriegen und mit ihr dort hinfahren.

Eigenartig, ansonsten möchte sie grundsätzlich zu Hause bleiben. Ich frage sie jedes Mal, was sie denn verkaufen wolle. Aber verkaufen möchte sie nichts. Sie will in diese Welt eintauchen, einfach nur dabei sein. Das ist Leidenschaft – ohne Zweifel.

Die Sendung sorgt für eine angenehme Atmosphäre und wir können uns entspannt unterhalten während verkaufswillige Leute voller Hoffnung und einem Gegenstand in der Hand in ein großes Backsteingebäude spazieren, um damit Geld zu machen.

Sie werden von einem lustigen Mann mit Nickelbrille, Zwirbelbart und Glatze in Empfang genommen – eine rheinländische Frohnatur. Er sieht aus, als wäre er einem Zirkus um die Jahrhundertwende entsprungen – ich meine nicht das Millennium. Es fehlen nur der enge rot-weiß-gestreifte Ringel-Turnanzug und die Hantel.

Er stellt sich neben den passenden Experten, beugt sich vor und fragt die Leute nach ihrem Namen, woher sie ihre Kostbarkeiten hätten, was ihnen als Preis vorschwebe und was sie dann mit dem Geld vorhätten. Der zuständige Experte oder die Expertin steht hinter einer Art Tresen und begutachtet die angebotene Ware dann oft mit einer Lupe.

Voller Erwartung stehen die stolzen Besitzer davor oder daneben. Was wird festgestellt? Gold oder Blech, Edelstein oder Glas, Kunst oder Kitsch? Ist ihr Schatz begehrenswert? Dann wird sogar eine Summe genannt, die bei einem Verkauf erzielt werden könnte – auch bei eindeutigem Kitsch.

Wenn der genannte Schätzwert auch den Vorstellungen des Verkaufswilligen entspricht, zieht der lustige Mann (ohne Ringel-Turnanzug) die erhoffte Händlerkarte aus seiner Gesäßtasche und überreicht sie. Nun darf gehandelt werden. Dazu begibt sich der Trödelträger in einen anderen Raum. Dort warten gleich fünf Händler auf ihn; alle stehen hinter einem leicht gebogenen Tresen, ihr aufgeregtes Opfer in einem angemessenen Abstand davor. Auch hier wird die Ware von allen Seiten genau angeschaut und bewertet. Besteht Kaufinteresse, beginnt einer der Herrschaften mit dem ersten Gebot und die Versteigerung um einen neuen Staubfänger kommt langsam in Schwung. Der Trödel-Anbieter bemüht sich um ein Pokerface, um mehr rauszuholen. Klappt es nicht so richtig,  muss der lustige Mann noch einmal kommen, um zu vermitteln.

Ein junger gepiercter, langgliedriger Händler liebt wohl die Asymmetrie; eine Kopfhälfte hat er rasiert, die andere blondiert. Während einer kritischen Begutachtung lässt er die langen Haare über den Tresen fallen. Neben ihm steht ein kleines eckiges Männchen mit hellwachen Augen, buntem kurzärmeligem Hemd und Hosenträgern, das gerne auf Bayerisch mit Summen bietet, die mit fünfzig enden – vermutlich, weil es so zünftig klingt.

Der meistbietende Händler wartet auf den Zuschlag. Ist der Kunde mit dem Preis einverstanden oder nimmt er sein gutes Stück wieder mit? Es wird um Spannung gerungen und am Ende meistens verkauft. Der Verkäufer bekommt das Geld prompt auf dem Tresen vorgezählt. Anschließend wird er noch einmal vor der Kamera befragt, ob er mit der finanziellen Ausbeute zufrieden ist. Das war`s.

Genau so etwas würde meine Mutter eigentlich auch gern mitmachen, mit Betonung auf eigentlich. Sie würde gern Trödel kaufen, es aber nicht besitzen wollen. Sie würde gerne vieles verkaufen, kann sich jedoch von keinem Stück trennen. Genau diesen Gefühlszwiespalt bedient diese Fernsehsendung täglich. Der Ur-Tauschtrieb wird am Bildschirm befriedigt, ganz ohne Folgen und mit Sicherheit ohne Kosten. Man kann sagen, dass es sich hierbei um eine neue Definition von Safer Shopping handelt. Es steht im krassen Gegensatz zum kostspieligen Teleshopping.

Die Sendung läuft weiter. Als nächstes sind zwei sehr kompakte Schwestern um die Sechzig an der Reihe. Die eine von beiden ist einen Kopf größer als die andere. Sie erklären, dass sie im Auftrag ihrer Mutter verkaufen wollen. Daraufhin höre ich eine Stimme neben mir: „Die arme Mutter, sie hat ein großes fettes und ein kleines dickes Kind!“

Was soll ich machen, meine Mutter sagt immer, was sie denkt. Political Correctness würde von ihr selbst dann nicht berücksichtigt, wenn sie wüsste, was es bedeutet. Sie kann sehr verletzend sein; dafür könnte ich sie manchmal … und ich habe sie doch lieb. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Ich befinde mich also ebenfalls in einer Art Gefühls-Zwiespalt. Das nennt man Ambivalenz – es klingt genauso GUT, wie ich darauf verzichten könnte.

Schimmelpilz im „Ponyhof“

Wo Schwarzbrot draufsteht ist auch Schwarzbrot drin, denke ich so bei mir, während mich ein Prachtexemplar von einem grau weiß grünen Schimmelpilz durch die Schwarzbrot-Plastiktüte anguckt. Die liegt auf der Küchen-Arbeitsplatte meiner Mutter. Ich frage mich, ob früher Penicillin aus solchen Pilzen hergestellt wurde, bin jedoch heilfroh, dass eine Folie zwischen dem Pilz und mir ist und ich die Sporen nicht einatmen muss.

Mit der Tüte in der Hand bringen mich meine Füße fast automatisch zum Treteimer. Als ich das Pedal trete und sich die Klappe öffnet, schlägt mir eine krasse Duftwolke entgegen und ein Schwarm Fruchtfliegen freut sich auf die neu gewonnene Freiheit, während sich von hinten der Protest meiner Mutter auf mich richtet. Glücklicherweise muss ich diesmal nicht ganz so viel Überzeugungsarbeit leisten. Der enorme Pilz spricht für sich. Das Ganze verlangt nach einem sofortigen Etagenwechsel. Deshalb bringe ich die Müllbeutel in den Keller zum Mülleimer. Dort sind sie sicherer. Ich glaube, meine Mutter würde sie nicht wieder herausnehmen, ganz im Gegensatz zu abgelaufenen Medikamenten und Drogerie-Artikeln. Deshalb erfahren die von mir grundsätzlich einen Ortswechsel. Bis auf ein paar nostalgische Museumsstücke lasse ich sie diskret in meiner Tasche und dann in meinem Auto verschwinden. Sonst kann es schon mal vorkommen, dass sie beim nächsten Besuch wieder an ihrem gewohnten Platz stehen.

Es ist Sommer; und damit das neue Paket Schwarzbrot nicht wieder zu einem großen Schimmelhaufen mutiert, liegt es nun im Kühlschrank. Die Karotten, die in einer feuchten Plastiktüte vergeblich auf ihre Erlösung, äh Verarbeitung warten, passen sich mit ihren großen schwarzen Flecken farblich an. Das haben sie mit den grünen Bohnen gemeinsam. Das Schwarzbrot bleibt zwar nun, Kühlschrank sei Dank, länger frisch als auf der Arbeitsplatte, aber es gibt einen klitzekleinen Nachteil. Meine Mutter findet es nicht, selbst wenn sie es im Kühlschrank suchen würde. Sie hatte noch nicht einmal den Joghurt „Der Große Landwirt“, äh „Der Große Bauer“ gefunden, obwohl die großen Becher die Poleposition ganz vorne im Kühlschrank haben. Was soll man machen?

Meine Mutter kann alles allein. Davon ist sie überzeugt. Pflege- und Reinigungskräfte werden von ihr erfolgreich vergrault. Sie fühlt sich wohl in ihrer Welt und will 100 Jahre alt werden wie ihr Onkel. Sie braucht angeblich keine Hilfe. Dabei merkt sie einfach nicht, dass sie ohne unsere Hilfe schon weg vom Fenster gewesen wäre (in ihrem Haus).

Ihren drogenkranken Enkel hatte sie vorher lange Zeit als „Hausmeister“ bei sich im Haus wohnen. Leider erschien er nie pünktlich zum Essen, was meine Mutter dazu veranlasste, ihre Essen-Zeiten diesbezüglich ständig anzupassen. Ihre Flexibilität kennt keine Grenzen, wenn es um diesen einen Enkel geht. Seine Hauptaufgabe sah er im Lohnempfang. Er arbeitete grundsätzlich nur gegen Vorkasse mit zusätzlicher, anschließender Entlohnung, inklusive Vorschuss fürs nächste Mal. Arbeitstechnisch war er dann jedoch irgendwie ständig verhindert oder unpässlich, achtete aber umso beflissener auf fließende „Lohnfortzahlung“ zur Kostendeckung. Es gab viel zu tun im Haus, besonders weil es nicht getan wurde.

Meine Mutter weiß: Das Leben ist kein Ponyhof. Aber das Leben ist auch kein Pflegeheim. Doch ihre Beratungsresistenz arbeitet kräftig daran.