Eroberer bei den Stromanbietern

Mein Mann hatte vor kurzem unseren Stromanbieter gewechselt. Zwei Tage später kam eine Karte von unserem ehemaligen Anbieter mit der Ankündigung: „Wir möchten Ihr Herz zurückerobern!“ Was? Ich wusste nicht, dass die mein Herz überhaupt jemals besessen haben. Auch mein Herz weiß nichts davon. Es beschwert sich sowieso schon über teilweise unzumutbare Liebes-Bedingungen in Bezug auf meine Mutter.

 

Die tägliche Achterbahnfahrt der Gefühle für meine Mutter, bringen es ganz aus dem Rhythmus. Ich frage meine inneren Stimmen, die auch gleich eine Antwort parat haben. Die Seele sagt, sie wäre nicht zuständig für die selbst gemachten Leiden meiner Mutter; und außerdem fühle sie sich nicht so gut. Der Verstand zeigt sich einfach nur genervt und das Gewissen ratlos. Der Fleiß meint, dass er bei uns zu Hause schon genug machen würde und der kleine Faulpelz in mir hat die Schnauze voll.

Sie sind sich aber alle einig: IHREN Anbieter wollen sie nicht wechseln.

Nappo-Ersatz für schlanke Füße

Jeder hat seine Lieblings-Süßigkeiten. Bei mir ist es Nappo, diese rhombenförmige Süßigkeit aus holländischem Nugat mit Schokoladenüberzug. Ich hatte es in Maßen genascht. Aber jetzt in meinem Alter muss ich besonders aufpassen. Ich merke, dass Zucker sofort ansetzt, und habe es mir deshalb völlig abgewöhnt. Ich will kein Nappo mehr essen und brauche es auch nicht mehr. Es war tatsächlich eine reine Gewöhnungs-Sache.

Schreiben ist jetzt mein Nappo-Ersatz. Schreiben statt Süßigkeiten! Ja! Es ist genauso nachhaltig wie Hüftgold, macht mir aber eindeutig mehr Freude. Jeder sollte sich genau überlegen, was er will. Es hat viele Vorteile: Man braucht keine größere Jeans, kein weites Vorhängerchen-Oberteil. Man muss beim Gehen nicht mit Knie- und Hüftschmerzen hin und her schaukeln und kann beim hinunter schauen seine schlanken Füße sehen und selbst pflegen. Man muss sich also nicht bei der Fußpflege seine Zehennägel ruinieren lassen. Das kommt leider häufig vor, wenn man an die Falsche gerät. Ich weiß, wovon ich spreche.

An den nicht überkronten Stellen der Zähne bekommt man kein Karies. Man bekommt kein Sodbrennen, sogar ohne den „Magenschutz“ des Teufels Omeprazol und hat deshalb auch noch seine so notwendige Magensäure im Magen.

Bei den Jungs von der Darmflora, haben wieder die Guten das sagen. Mit dem Ergebnis: keine Bauchschmerzen, gute Konsistenz beim Abführen, keine Bremsspur, kein feuchtes Toilettenpapier notwendig, also kein Anal-Abszess. Scheiß-Thema, ich weiß – aber notwendig.

Dass, das Übergewicht diese und unendlich viele andere Probleme mit sich bringt, weiß ich zum Glück nur aus meiner Berufspraxis und bin froh, dass sie mir bis jetzt erspart geblieben sind. Einfach himmlisch! Jeder sollte wissen: Zucker ist DEIN Feind. Das gilt auch für Zuckerersatzstoffe, weil sie Appetit machen. Aus gesunder Nahrung wandelt sich der Körper selbstständig die Menge Traubenzucker um, die er braucht. Wenn er zu viel bekommt, weiß er nicht wohin damit. Das Ergebnis sind Fettpolster, Rettungsringe und Hüftgold, deren Anschaffung viel Geld gekostet hat. Man sollte sich also lieber einen anderen Genuss suchen.

Bei mir ist es das Schreiben. Es ist obendrein auch noch völlig kostenlos. Und wenn es dann noch jemandem gefällt, macht es Spaß. Wunderbar! Ich will mich in der positiven zuckerarmen und süßstofffreien Schreibe-Schiene weiter dahin gleiten lassen. Mal sehen, wohin sie mich führt.

Pause ohne Rauchzeichen

Apropos Rauchzeichen. Neulich war ich mehr oder weniger unfreiwillig zu Gast bei einer Geburtstagsfeier. Die Freundin meiner Mutter hatte eingeladen und ich saß mit fünf älteren Damen am Kaffeetisch – vier von ihnen über neunzig. Die Tochter des Hauses hatte sich rauchend auf die Couch begeben.

Nach dem Kaffeetrinken gingen wir in den Garten. Die schöne Tischdecke draußen zierte eine Zigarettenschachtel mit dem Foto einer Blut spuckenden Frau, ein edles Feuerzeug und ein getöpferter Kunsthandwerk-Aschenbecher mit Geruchsverschluss – das Equipment der Tochter des Hauses; sie hatte es schon einmal herausgebracht und freute sich nun darauf, ihre nächsten Zigaretten in unserer Runde einnehmen zu können. Drinnen hatte sie sich ja aus lauter Rücksicht separat gesetzt.

Im folgenden Gespräch schienen sich die älteren Damen darin einig zu sein, auf keinen Fall hundert Jahre alt werden zu wollen – meine Mutter war die einzige Ausnahme. Voller Hoffnung meinte die Tochter lächelnd, mit dem Rauchen ein gutes Mittel gegen das Hundert-Jahre-alt-werden gefunden zu haben. Wie man ihr leider ansah, muss sie dieses Mittel schon vor sehr langer Zeit entdeckt haben.

Wie wir alle wissen, kann auch das Passivrauchen tödlich sein. Hätten die Damen ihre Sterbepläne etwas eher kundgetan, hätte sich die Tochter drinnen bestimmt mit an den Kaffeetisch gesetzt, dachte ich, während sie mir vergeblich eine Zigarette anbot. Aber ich glaube, dass das Passivrauchen bei den alten Herrschaften jetzt nicht mehr den gewünschten Erfolg erzielen wird. Um sich auf die tödliche Wirkung verlassen zu können, hätten sie definitiv früher mit dem Inhalieren anfangen müssen.

Dabei fiel mir ein, was ich beim Kauf der Geburtstagskarte im Papiergeschäft gesehen hatte. Hinter dem langen Verkaufstresen befand sich eine riesige Regalwand voller Zigarettenschachteln. In der Mitte ein großer Flachbildschirm mit Zigarettenwerbung. Dort stand: jetzt noch mehr Sicherheit. Ups, dachte ich. Was ist noch sicherer? Dass man stinkt? Dass man andere vollqualmt? Dass man nicht überlegen muss, wofür man sein Geld stattdessen ausgeben soll? Dass man ein faltiges, fahles Tränensack-Gesicht bekommt? Dass man mit Sicherheit eine Raucherlunge und höchstwahrscheinlich später auch noch Krebs bekommt? Nein, das sollte bestimmt nicht die Message sein. Es ging um die PAUSE – die ist SICHER.

Wenn rauchende Arbeitnehmer draußen herumstehen, verliert kaum jemand ein Wort darüber. Raucher stehen schließlich nicht freiwillig da. Ihre Sucht verlangt es von ihnen. Täglich kämpfen sie mit ihrer Arbeit und ihrem Suchtgefühl – das Suchtgefühl siegt immer wieder und sie müssen hinaus.

Wer sich allerdings als Nichtraucher während der Arbeitszeit draußen aufhält, um frische Luft zu schnappen, ist ein arbeitsmoralisch niedrig angesiedelter Mitarbeiter, der seine Kollegen hängen lässt. Verkehrte Welt, oder?

Heute bin ich froh darüber, dass ich es während meiner Arbeitnehmer-Karriere geschafft habe, nicht zum Raucher zu werden. Es erschien mir doch etwas übertrieben, sich eine Raucherlunge anzuschaffen, nur wegen der sicheren Pausen. Und jetzt kann ich PAUSEN machen, wann es mir passt. Das ist SICHER.

Faulpelz im Aufwind

„Wir waren aber auch Faulpelze!“, sagt mein Mann zu mir, Bezug nehmend auf unseren diesjährigen Dänemark-Urlaub. Juhb, Zielvorgabe erreicht, denke ich.

Ich finde, mein Mann und ich sind arbeitsmoralisch hoch angesiedelte potenzielle Gelegenheits-Faulpelze. Grundsätzlich bin ich nur fleißig, wenn es unbedingt nötig ist. Allerdings schien es bisher leider ständig unbedingt nötig gewesen zu sein! Ich musste den kleinen Faulpelz in mir regelmäßig enttäuschen und vertrösten. Ruhestand hatte er sich bestimmt auch anders vorgestellt. Endlich hätte ich Zeit für ihn haben können, aber nein, ich muss jetzt ja ständig etwas schreiben. Ich kann nicht anders.

Der kleine Faulpelz in mir bekam bisher einfach keine Chance. Man könnte meinen, dass sich niemand auf seine Seite schlagen wollte, weder der Verstand, noch der Fleiß, noch das Gewissen; die Drei hielten immer zusammen und hatten meistens auch noch die besseren Argumente. Wie oft musste ich mir vom Verstand anhören: „Du willst es doch auch, du willst alles fertig haben und perfekt.“ Und dann drängelte sich wieder der scheiß Fleiß vor und das Gewissen quakte dazwischen. Alle tröteten in dasselbe Horn, Jahr um Jahr.

Nur die Seele hielt schon immer zu dem kleinen Faulpelz, weil sie ihn versteht. Aber wer hört schon auf die?

Dass mein ganz persönlicher Faulpelz etwas klein geraten ist, scheint erblich bedingt zu sein. Denn meine Mutter verfügt über ein ähnliches Exemplar, auch wenn dies nicht durch den Wunsch nach Perfektion klein gehalten wurde, sondern eher durch eine ständige innere Unruhe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der Lebensabschnittsgefährte meiner Mutter, ihren zu klein geratenen Faulpelz anfüttern wollte: „Margretchen, nun setz dich doch mal hin! Das ist ja furchtbar mit dir. — Schenkst du mir noch Kaffee nach? Wo ist der Aschenbecher?“ So blieb meine Mutter in ihrem Pflichtprogrammmodus und ärgerte sich obendrein noch über die Rauchzeichen in ihrer Wohnung. Ihr Faulpelz kümmerte weiter vor sich hin und lässt sich nach wie vor kaum blicken. Meiner hingegen hat sich erholt und inzwischen eine stattliche Größe bekommen. Ich begegne ihm jetzt häufig – nur nicht wenn ich schreibe. Er weiß, dass er dann keine Chance hat, bleibt aber in Lauerstellung.

Dann soll ER doch mal faul sein!!!

Es brennt mir unter den Nägeln

Ich habe mich nie gefragt, ob ich ein Hobby habe oder eins brauche. Früher hatte ich im Chor gesungen. Es hat mir gefallen, weil man nicht viel mit anderen sprechen muss. Aber ein Hobby war es nicht.

Dann habe ich gepfiffen, das kann ich nach wie vor wirklich gut. Aber ein Hobby war es nicht. Außerdem war es mir für eine ganze Weile vergangen, der Schwiegermutter sei dank.

Jetzt stehen Haus und Garten in meinem Fokus! Ich kann nicht anders, als darin zu arbeiten, alles ständig zu betüddeln und es zu betrachten. Man kann sagen, es ist meins. Aber ein Hobby ist es nicht.

Zwischendurch kam das Malen, wie eine kurze stürmische Affäre. Die Gelegenheit war da, in einer Kureinrichtung. Ich habe mich darin verloren, einfach drauflos gemalt. Es war schon toll, aber auch anstrengend. Und jetzt denke ich noch nicht einmal mehr daran zurück.

Ich muss mich eben damit abfinden, dass ich weder ein leidenschaftliches Hobby habe noch brauche, so wie andere. Das dachte ich zumindest. Und dann stolperte plötzlich das Schreiben in mein Leben, ohne Vorwarnung. Es kam direkt auf mich zu und ich hörte, wie es rief: „Zur Seite Leute, die schnapp ich mir.“ Und dann flüsterte es mir verführerisch ins Ohr: „Liebling, grübeln war gestern. Jetzt verbringe deine Zeit mit mir.“

Ich fragte nicht lange und ließ mich mitreißen. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, ein Hobby zu haben und es mit Leidenschaft zu betreiben. Wenn ich morgens aufwache, spüre ich oft, wie es mir förmlich unter den Nägeln brennt, endlich meine Gedanken und Beobachtungen aufzuschreiben.

Wie gut, dass ich keine künstlichen Nägel habe. Die könnte ich genauso gut gebrauchen, wie den Nagelpilz, den schon viele davon bekommen haben – und es werden täglich mehr. Uuh!

Außerdem sehen solche Nägel meistens very geschmackvoll aus. Ich frage mich, warum sich Frauen das antun? Warum sie sogar bei schönem Wetter auf steilen unbequemen Stühlen sitzen, um sich für viel Geld zum Teil von unfreundlichem Personal – vielfach Damen, die auf mich wie Leibeigene aus dem (fernen) Osten wirken – quälen zu lassen. Masochismus in Reinkultur. Aber es boomt zurzeit. Künstliche Nägel müssen sein, egal wie gepflegt der Rest aussieht.

Tattoos, Piercings, riesige Lobe Piercings, Silikon … all das ist up to date. Ich bin so froh, dass es das noch nicht gab, als ich jung war. Das ist mir erspart geblieben, kann ich nur sagen, und damit auch irreversible Schäden. Meine Jugendsünde in dieser Richtung beschränkte sich in den 1970er Jahren auf eine Afrolookfrisur; die wuchs zum Glück wieder raus. Gar nicht auszudenken, wenn ich heute noch wie ein Pudel herumlaufen müsste.

Wenn man jung ist, kann man sich nicht vorstellen, dass sich der Geschmack und die Mode wieder ändern werden. Aber das tun sie, DAS IST SICHER!

Was wohl als Nächstes kommt? Vielleicht Brandzeichen?

In freudiger Passivität lasse ich mich überraschen.

Im Einklang mit Pril-Blumen und Stilettos

Heute Nacht hatte ich geträumt, ich wäre in einer katholischen Kirche. Es war alles ziemlich durcheinander. Der noch sehr, sehr junge Pfarrer machte nur Quatsch und legte sich dann zwischen die Bänke, um ein Nickerchen zu machen. Sie konnten ihn nicht rausschmeißen, weil sie sonst niemanden hatten. Das nennt man Nachwuchssorgen. Ich musste dringend. „Wo sind hier in der Kirche die Toiletten?“ Dann wachte ich auf.

Gestern erzählte mein Mann mir seinen Albtraum. Er hätte einen lila Jogginganzug getragen. Das soll ein Albtraum sein? Dann würde ich gerne tauschen, denke ich.

By the way: Gibt es überhaupt noch sogenannte Jogginganzüge? Wissen junge Leute überhaupt, was das ist? Sie stellen sich wahrscheinlich ein cooles Business Outfit vor, dass eine schlanke Figur macht. Es gibt ja auch Jogging-Brötchen, die schlank machen. Unter Running Suite könnten sie sich eher etwas vorstellen, glaube ich.  Lila Jogginganzug? Uhh!

Aber kann man heute nicht alles tragen? In unserer schnelllebigen Zeit überschlagen sich die Modedesigner förmlich. Ständig muss etwas Neues her. Es gibt keine bestimmte Moderichtung mehr. Sämtliche Rocklängen und Hosenweiten sind gleichzeitig modern.  Blockabsätze und Stilettos, Ringelsocken in Pumps, Polstersitzmuster und Pril-Blumen auf Kleiderstoffen …

Die neuste Vorgehensweise bei Modedesignern scheint so zu funktionieren: Kleidungsstücke und Farben, die nicht kombinierbar sind, weil sie überhaupt nicht zusammenpassen und/oder aussehen, werden zusammen gemixt, bis selbst die Konkurrenz staunt, wie irre cool es aussieht. Da müsste man doch noch einen draufsetzen können, denken sie. Was sie dann auch tun. Farben beißen sich nicht mehr. Es muss nur teuer genug sein, dann kaufen es die Verbraucher, ääh, die Trendsetter erst einmal. Später auch alle anderen Leute, natürlich in abgeschwächter Form. Hauptsache es ist ein Hingucker.

Und wenn den Modedesignern gar nichts mehr einfällt, stellen sie sich ihre Einschulung oder Konfirmation o. ä. vor, oder sehen sich alte Familienfotos an. Welch eine Inspiration! Sogar der frustrierte Gesichtsausdruck und die belastende Frisur von damals werden später von den Models kopiert. Das finden die Teens und Twens dann heute voll abgefahren. Ich denke nur: autsch!!

Selbst aktuelle Möbelprospekte versetzen mich in meine Kindheit zurück. Puh, muss das sein? Gut, dass ich nicht mehr um jeden Preis modern sein muss. In meinem Alter kann man es sich leisten, die Mode selbst zu dosieren. Welch ein Luxus. Und bei dieser Auswahl heute pick ich mir etwas raus und kombiniere es mit meinen alten Sachen von früher, z. B. mit Schuhen von 1991. Bingo! Die sind ja wieder modern! Hoffentlich wissen die anderen Leute das auch.

Was sollen sie wissen? Was modern ist? Wer weiß das schon?

Auf der falschen Spur beim Zuckergipfel

Auf unserer Dänemarkrückfahrt standen wir in diesem Jahr wieder einmal im Stau, allerdings nicht wie sonst üblich auf der deutschen Seite, sondern auf dänischem Grund und Boden. Ich konnte mir also in Ruhe die rubbelige Fahrbahn-Markierung auf der Autobahn anschauen. Wenn man hier vom rechten Weg abkommt und über die Markierung fährt, wird ein komisches Geräusch erzeugt. So werden die Fahrer mehr oder weniger sanft aus ihren (Tag-)Träumen gerissen und wieder auf die „richtige Spur“ gebracht.

Wir rollten langsam vor uns hin. Im Radio lief ein Country-Song. Er gefiel mir. Während sich meine Stimmung hob, merkte ich, dass der Text dänisch war. Dann sprach der Radio-Moderator etwas. Süß! Ich mag dieses leichte Lallen; es klingt so gemütlich. Immer wieder sagte er zwischendurch Oh Joh Jo Jo Jo. Die Zeit verging und ein dänischer Schlager nach dem anderen wurde gespielt. Das Ha Li Ha Lo in diesen Liedern scheinen wir mit den Dänen gemeinsam zu haben. Zwischendurch liefen Country-Songs und ich blieb gut gelaunt.

Vor uns rollte ein schokobrauner (eher Zartbitter, nicht Vollmilch) Mercedes-Benz. Laut fachmännischer Auskunft meines Mannes ein sündhaft teurer SL Roadster. Mir fiel der Wagen auf, weil auf dem Nummernschild keine Nummern, sondern Buchstaben angebracht waren; es war eindeutig dänisch.

Wer ist in Dänemark so reich und bekannt, dass er keine Nummern auf dem Nummernschild haben muss? Mein Gehirn fing sofort an zu rattern. Ich sah Silberlocken, ja, ein älteres Ehepaar mit Silberlocken. Die Ermittlungsstelle in meinem Gehirn kam zu folgendem Ergebnis. Es müsste sich bei den beiden um das dänische Königspaar handeln. Er hatte bestimmt zu ihr gesagt: „Margarethe, Cherie (er ist nämlich Franzose) es sind Ferien, die Krone ist in der Reinigung, die Dackel sind beim Aqua-Jogging. Setz dir eine Beton-Frisur-Perücke auf und lass uns heimlich eine Spritztour machen. Dorthin, wo der Wein herkommt. Wir sausen so durch …..Die Fantasie ging mit mir durch. Als wir später an den beiden vorbeirollten, sah ich, dass es sich eindeutig nicht um das dänische Königspaar handelte. Es handelte sich auch um kein anderes europäisches Königspaar. Ich kann das beurteilen. Aus mir spricht mindestens zehn Jahre Secondhand-Boulevard-Presse-Erfahrung. Die alten Frau im Spiegel Ausgaben meiner Mutter waren wirklich höchst interessant gewesen. Dort konnte man Kurioses, Peinliches und Unglaubliches sehen und lesen – besonders zwischen den Zeilen.

Während ich noch nach rechts schaute, rollten wir langsam weiter. Ich sah einen sogenannten „lebensbejahenden“ Autofahrer. Er setzte eine Colaflasche an die Lippen und ließ die süchtig machende, braune Zucker-Koffein-Figur-Killer-Flüssigkeit durch den Hals laufen. Manche würden bei dem Anblick fragen, durch welchen Hals?

Ich hatte ein paar Tage vorher gelesen, dass ein aktueller Zuckergipfel stattfinden sollte. Der G 20 Gipfel war mir ja ein Begriff, aber von einem Zuckergipfel hatte ich bisher nichts gehört. So, so, man kann wohl nicht länger ignorieren, dass das Thema Zucker und seine Folgen weltweit sehr ernst zu nehmen ist, dachte ich. Mit Ablenkung hatte die sogenannte Lebensmittel-Industrie es bis jetzt geschafft, die Probleme, die der Zuckerkonsum mit sich bringt, zu verdrängen. Und sie wird so weitermachen, wenn sie nicht gebremst wird.

Die Strategie ist eigentlich ganz einfach: Man lässt der Presse psychologisch ausgeklügelte, ablenkende Mitteilungen zukommen. Man finanziert ergebnisorientierte Studien (Unis brauchen Geld). Man lockt die Schlankheitswilligen mit irgendwelchen „fettarmen Diäten“ und „Sportanweisungen“ auf die falsche Fährte. Ich sage nur: Suggestion.

Lobbyisten sind sich einig mit dem Hinweis, früher hätte es doch auch dicke Kinder gegeben, Übergewicht hätte doch nur etwas mit Bewegungsmangel zu tun. Es bräuchte auch nicht unbedingt jeder gleich zu wissen, dass Cola mit dem schädlicheren Glucose-Fructose-Sirup hergestellt wird. Davon muss zwar mehr verwendet werden als vom Kristallzucker, er ist  jedoch viel billiger in der Herstellung.

Angeblich haben Politiker beim Zuckergipfel von den Herstellern freiwillige Maßnahmen gefordert, also wird sich erst einmal nichts ändern, schade!

Es gibt bestimmt auch den einen oder anderen Politiker, der etwas bewegen möchte. Aber immer, wenn es einer versucht, nimmt ihn jemand mit den Worten zur Seite: „Ganz fabelhaft, mein Lieber, großartige Arbeit. Sie haben Zukunftspotenzial. Ich habe eine andere, wirtschaftlich sehr vielversprechende Aufgabe für sie. Und eins sollten sie sich unbedingt merken in der Politik:  Wir arbeiten auf WAHL-ERFOLGS-BASIS.

Apropos Wahl: Ich hatte als Kind nicht die Wahl zwischen Cola und Wasser, Pizza und Eintopf, Gummibärchen und Obst, Nuss-Nugat-Creme und Marmelade, Milchschnitten und Butterbrot, Schokoriegel und Topfkuchen. Es gab in der Regel auch „nur“ drei Mahlzeiten, und die wurden portioniert. Junge Leute mögen dazu sagen: „Die hat es aber nicht leicht gehabt in ihrer Kindheit.“ Stimmt irgendwie, aber dafür kann ich heute LEICHT-gewichtig zur Wahl-Urne gehen. Weniger LEICHT fällt mir das positive Denken. Jetzt stupst mich etwas an und sagt:
„Hast du vergessen, Liebling, grübeln war gestern.“

Seebestattung für ein neues Gebiss

Ich sehe am entfernten Strand zwei Surfer. Warum ist der Anblick nur so ungewohnt? Jetzt weiß ich warum. Sie stehen auf großen „altmodischen“ Surfbrettern und halten sich große „altmodische“ Segel vor den Körper. Ich frage mich, kann man das heute schon als Vintage bezeichnen? Sonst sieht man hier nämlich ausschließlich Kitesurfer.

Einer der beiden Vintage-Sportler fällt bei jedem Wendemanöver mitsamt seinem Segel ins seichte Wasser. Aber er kann immer wieder gut aufsteigen, so flach wie es dort ist. Ideal für Anfänger. Hier gibt es für jeden die passende Freizeitbeschäftigung.

Ein Segelboot schaukelt auf dem Meer wie ein Schaukelpferd. Am Jachthafen sieht man auch Wohnmobile. Viele bleiben dort stehen, weil sie nicht wissen, dass man bei uns vorbeifahren darf. Nach sechshundert Metern kommt ein großer Wendeplatz mit schöner Aussicht und dem Knallert-Verbotsschild. Erst hier ist die Sackgasse zu Ende. Andere wissen aber von diesem Geheimtipp; täglich fährt das eine oder andere Auto an unserem höher liegenden Haus vorbei, auch Wohnmobile oder Motorräder. Letztere sind in Dänemark viel leiser als bei uns. Die Dänen mögen wohl keinen Knallert-Krach. Also, geht doch!

Während der Fahrt schauen alle immer starr nach rechts auf unser Haus und auf mich. Soldaten bei einer Parade könnten ihren Blick nicht besser seitlich gerichtet halten. Ich möchte ihnen dann immer zurufen: „Halloho, auf der anderen Seite ist das Meer!“ Sie fahren weiter. Aber dann wird die Straße immer enger, zum Teil ragen dann auch noch hohe Büsche rechts und links in die Fahrbahn; und siehe da, viele Urlauber trauen sich nicht weiterzufahren und kommen rückwärts wieder bei uns vorbei. In diesem Fall sind sie in Gedanken wieder bei ihrem geliebten Wohnmobil und schauen eisern in ihre Rückspiegel.

Einmal fuhren immer wieder Autos vorbei, dann sogar ein Bus. Eigenartig: alltags vormittags, keine Freizeitkleidung. Nach einiger Zeit kamen sie alle im Konvoi wieder zurück. Was wollten die da? Mein Mann hatte eine Erklärung: Sie waren bei einer Seebestattung!

Da erinnere ich mich an den inzwischen verstorbenen Lebensabschnittsgefährten meiner Mutter, der sich bei einer stürmischen Seebestattung (inklusive Catering) übergeben musste. Sein neues Gebiss war dabei ebenfalls über Bord und für immer von ihm gegangen.

Auf der Rückfahrt war er dann sehr schweigsam, ich denke nicht nur aus Pietät und Takt.