Beratung auf chronischer Basis

Meine 86-jährige Mutter ist die geborene Beraterin. Da sich ihre Demenz bisher ausschließlich auf ihr Kurzzeitgedächtnis fokussiert hat, widmet sie diesem Hobby weiterhin viel Zeit.

Wäre sie heute jung, würde sie höchstwahrscheinlich beruflich in einer Beratungsstelle sitzen. Sie berät für ihr Leben gern. Das ist ihre Berufung. Schon als Kind hat sie ihre kompetente Mutter und ihre Geschwister beraten, später dann ihre vier Kinder.

Ihre Hauptgebiete sind heute Ernährung, Gesundheit und Lebensführung. Ihr Rat ist nicht nur kostenlos, er fällt einem sozusagen in den Schoß. Ungefragt wird einem ihre ausführliche Beratung zu Teil. Sie selbst kommt allerdings völlig ohne Beratung aus. Will man heutzutage ein unbelastetes Gespräch mit ihr führen, sollte man sie sicherheitshalber bereits ab dem ersten Satz um Rat fragen. Sie denkt grundsätzlich sehr vorausschauend, umsichtig und praktisch für andere, mit Betonung auf ANDERE. Sie sieht sofort die Defizite anderer, die ihrer Meinung nach unbedingt behoben werden müssen. Auf deren Wünsche und Bedürfnisse kann dabei keine Rücksicht genommen werden, wenn ihrer Meinung nach Handlungsbedarf besteht.

Einflussnahme könnte ihr zweiter Vorname sein. Familie, Nachbarn und Freunde kommen reichlich in den Genuss ihrer Ratschläge. Sie rät ihren Freunden, in eine Altersresidenz zu ziehen. Das empfiehlt sie auch ihrem neun Jahre jüngeren Bruder, der noch geistig beieinander ist. Für sie selbst steht dergleichen nicht zur Disposition.

Meine Mutter weist auch gerne darauf hin, dass insbesondere ältere Menschen ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen sollten; was sie natürlich eines Tages auch bei sich selbst beherzigen will. Wie heißt es in dem alten Spruch: Schusters Kinder haben die schlechtesten Schuhe. Aber er weiß, wie es geht! Es gibt ja auch Berater für Essstörungen, die selbst adipös oder magersüchtig sind und oder einen daran erkrankten Angehörigen haben. Man weiß, wovon man spricht. Aber man lässt auch sich selbst beraten. Selbst Psychotherapeuten nutzen ab und zu einen Kollegen als Supervisor.

Nicht so meine Mutter. Sie ist durch keinerlei Selbstzweifel getrübt. Sie ist total von sich überzeugt, und davon, dass sie anderen helfen MUSS. Sie sagt gern, wo es langgeht. Ihr Helfer-Syndrom lebt sie seit Jahren an ihrem drogenkranken Enkel aus, statt es den für ihn zuständigen Profis zu überlassen. Er war der Einzige, der sich noch ausführlich von ihr beraten ließ – diese Beratung wurde schließlich sehr gut bezahlt, als sie noch über ihr Vermögen verfügen durfte.

Kaum jemand kennt sich besser in sparsamer Lebensführung aus als meine Mutter. Das ist einfach unübertroffen. Sie kauft für sich selbst grundsätzlich nur sehr preisgünstig ein, um nicht zu sagen billig. Aber ihre Großzügigkeit ist grenzenlos, wenn es um diesen einen Enkel geht. Täglich wurde von ihr der Geldautomat bei der Sparkasse mindestens einmal betätigt, bis ihr Konto weit überzogen war. So etwas nennt man pleite. Zum Glück hatte sie ihre Sparkonten vergessen (manchmal hat eine Demenz auch etwas Positives) und mir wurde rechtzeitig die Vermögenssorge übertragen. Sie will nichts von ihrer internen „Drogenfinanzierung mit kleinen Scheinen“ wissen und redet sich um Kopf und Kragen. Das nennt man Co-Abhängigkeit.

Was soll ich sagen. Meine Mutter ist eine notorische Beraterin mit chronischer Beratungsresistenz, kombiniert mit Demenz und on Top als Sahnehäubchen eine fette Co-Abhängigkeit – der reinste Albtraum für jeden Betreuer!

 

Borkenernte ohne Käfer

Meine Mutter liebt Gartenarbeit und das Ernten, mit Betonung auf Ernten. Zierpflanzen waren nie so ihr Ding. Besonders ihre Zimmerpflanzen können sich nicht so recht entscheiden, ob sie eingehen oder weiter ausharren sollen. Es handelt sich hauptsächlich um selbst gezogene Kakteen-Ableger in verschiedenen Entwicklungsstufen. Sie sind meist nicht groß, was meine Mutter durch die Anzahl der Blumentöpfe wieder wettmacht. Sie steht nun einmal auf Quantität.

Überall sind alte Blumentöpfe zu finden. Im Windfang, im Treppenhaus, im Wohnzimmer, in der Küche und auf dem Balkon. Wenn ich zu Besuch bin, nehme ich mich oft ihrer Akut-Zustände an: Überschwemmung oder Dürre.

Meine Mutter hatte einen Kleingarten, in dem sie natürlich hauptsächlich am Ernten interessiert war, was ja auch der Zweck eines Kleingartens ist. In ihren besten Zeiten hatte sie Eierpflaumen, Zwetschgen, Äpfel, Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Jostabeeren und Brombeeren in rauen Mengen.

Über die Ernte führte sie Buch, darin ging sie ganz auf. Weil sie natürlich nicht alles alleine pflücken und verarbeiten konnte, bot sie Bekannten an, sich etwas ernten zu dürfen, ärgerte sich jedoch jedes Mal hinterher darüber, dass die Damen und Herren sich angeblich „nur die besten Früchte“ ausgesucht hätten.

Im Sommer wurde jeden Abend entsaftet, eingemacht, Marmelade gekocht und eingefroren. Die Tiefkühler kamen regelmäßig an ihre Grenzen. Sodass meine Mutter verzweifelt anfing, ihre Früchte wie Sauerbier anzubieten. Gab es nicht genügend Abnehmer, wurden alte Bestände aufgekocht und stehen gelassen, bis sie schimmelten. Die Tiefkühler blieben in der Regel aber immer halb gefüllt; das war ein MUSS, gab ein sicheres Gefühl.

Deshalb war meine Mutter auch so nervös, als sie in ihrer nur noch halb gefüllten Kühltruhe eines Tages kein Obst mehr entdeckte. Sie konnte es kaum glauben und hängte sich so hinein (sie hing frei schwebend über dem Rand der offenen Truhe), dass es knackte. Das Resultat waren zwei gebrochene Rippen. Zum Glück hatte sie sich beim Ernten im Garten nie etwas gebrochen. Gar nicht auszudenken, was alles hätte passieren können, wenn sie vom Baum gefallen wäre.

In ihrem Keller stehen noch Mengen von Saftflaschen, Marmeladen- und Einmachgläsern. Die meisten sind noch voll, aber schon lange nicht mehr genießbar. Besonders schade ist es um das Brombeer-Gelee, wenn man bedenkt, mit welcher Leidenschaft sie ihre Brombeerernte betrieb. Die Hecke mit den schwarzen Beeren wucherte an einem verblichenen, selbst zusammengeschraubten 60er Jahre Rank-Gerüst, bestehend aus plastiküberzogenen, bunten Einzelelementen. Bei der fast täglichen Ernte im Sommer wurden die Arme und Beine meiner Mutter von den Dornen blutig gepiekst. So entstanden immer neue Borken, an deren ERNTE sie ebenfalls interessiert war und leider nach wie vor interessiert ist. Obwohl sie ihren Kleingarten schon vor zwei Jahren abgegeben hat, pflegt sie ihre Borkenbestände nach allen Regeln der Kunst, sodass diese eine ganzjährige Ernte garantieren. Ich erzähle ihr vergeblich immer wieder Horrorstorys über Blutvergiftungen und offene Beine. Aber sie will und kann ihr „Hobby“ nicht aufgeben, verlässt sich auf ihre eiserne Gesundheit. In den 40 Jahren ihrer Kleingartenkarriere war nichts passiert. Warum sollte sich daran etwas ändern?

Schimmelpilz im „Ponyhof“

Wo Schwarzbrot draufsteht ist auch Schwarzbrot drin, denke ich so bei mir, während mich ein Prachtexemplar von einem grau weiß grünen Schimmelpilz durch die Schwarzbrot-Plastiktüte anguckt. Die liegt auf der Küchen-Arbeitsplatte meiner Mutter. Ich frage mich, ob früher Penicillin aus solchen Pilzen hergestellt wurde, bin jedoch heilfroh, dass eine Folie zwischen dem Pilz und mir ist und ich die Sporen nicht einatmen muss.

Mit der Tüte in der Hand bringen mich meine Füße fast automatisch zum Treteimer. Als ich das Pedal trete und sich die Klappe öffnet, schlägt mir eine krasse Duftwolke entgegen und ein Schwarm Fruchtfliegen freut sich auf die neu gewonnene Freiheit, während sich von hinten der Protest meiner Mutter auf mich richtet. Glücklicherweise muss ich diesmal nicht ganz so viel Überzeugungsarbeit leisten. Der enorme Pilz spricht für sich. Das Ganze verlangt nach einem sofortigen Etagenwechsel. Deshalb bringe ich die Müllbeutel in den Keller zum Mülleimer. Dort sind sie sicherer. Ich glaube, meine Mutter würde sie nicht wieder herausnehmen, ganz im Gegensatz zu abgelaufenen Medikamenten und Drogerie-Artikeln. Deshalb erfahren die von mir grundsätzlich einen Ortswechsel. Bis auf ein paar nostalgische Museumsstücke lasse ich sie diskret in meiner Tasche und dann in meinem Auto verschwinden. Sonst kann es schon mal vorkommen, dass sie beim nächsten Besuch wieder an ihrem gewohnten Platz stehen.

Es ist Sommer; und damit das neue Paket Schwarzbrot nicht wieder zu einem großen Schimmelhaufen mutiert, liegt es nun im Kühlschrank. Die Karotten, die in einer feuchten Plastiktüte vergeblich auf ihre Erlösung, äh Verarbeitung warten, passen sich mit ihren großen schwarzen Flecken farblich an. Das haben sie mit den grünen Bohnen gemeinsam. Das Schwarzbrot bleibt zwar nun, Kühlschrank sei Dank, länger frisch als auf der Arbeitsplatte, aber es gibt einen klitzekleinen Nachteil. Meine Mutter findet es nicht, selbst wenn sie es im Kühlschrank suchen würde. Sie hatte noch nicht einmal den Joghurt „Der Große Landwirt“, äh „Der Große Bauer“ gefunden, obwohl die großen Becher die Poleposition ganz vorne im Kühlschrank haben. Was soll man machen?

Meine Mutter kann alles allein. Davon ist sie überzeugt. Pflege- und Reinigungskräfte werden von ihr erfolgreich vergrault. Sie fühlt sich wohl in ihrer Welt und will 100 Jahre alt werden wie ihr Onkel. Sie braucht angeblich keine Hilfe. Dabei merkt sie einfach nicht, dass sie ohne unsere Hilfe schon weg vom Fenster gewesen wäre (in ihrem Haus).

Ihren drogenkranken Enkel hatte sie vorher lange Zeit als „Hausmeister“ bei sich im Haus wohnen. Leider erschien er nie pünktlich zum Essen, was meine Mutter dazu veranlasste, ihre Essen-Zeiten diesbezüglich ständig anzupassen. Ihre Flexibilität kennt keine Grenzen, wenn es um diesen einen Enkel geht. Seine Hauptaufgabe sah er im Lohnempfang. Er arbeitete grundsätzlich nur gegen Vorkasse mit zusätzlicher, anschließender Entlohnung, inklusive Vorschuss fürs nächste Mal. Arbeitstechnisch war er dann jedoch irgendwie ständig verhindert oder unpässlich, achtete aber umso beflissener auf fließende „Lohnfortzahlung“ zur Kostendeckung. Es gab viel zu tun im Haus, besonders weil es nicht getan wurde.

Meine Mutter weiß: Das Leben ist kein Ponyhof. Aber das Leben ist auch kein Pflegeheim. Doch ihre Beratungsresistenz arbeitet kräftig daran.

Eroberer bei den Stromanbietern

Mein Mann hatte vor kurzem unseren Stromanbieter gewechselt. Zwei Tage später kam eine Karte von unserem ehemaligen Anbieter mit der Ankündigung: „Wir möchten Ihr Herz zurückerobern!“ Was? Ich wusste nicht, dass die mein Herz überhaupt jemals besessen haben. Auch mein Herz weiß nichts davon. Es beschwert sich sowieso schon über teilweise unzumutbare Liebes-Bedingungen in Bezug auf meine Mutter.

 

Die tägliche Achterbahnfahrt der Gefühle für meine Mutter, bringen es ganz aus dem Rhythmus. Ich frage meine inneren Stimmen, die auch gleich eine Antwort parat haben. Die Seele sagt, sie wäre nicht zuständig für die selbst gemachten Leiden meiner Mutter; und außerdem fühle sie sich nicht so gut. Der Verstand zeigt sich einfach nur genervt und das Gewissen ratlos. Der Fleiß meint, dass er bei uns zu Hause schon genug machen würde und der kleine Faulpelz in mir hat die Schnauze voll.

Sie sind sich aber alle einig: IHREN Anbieter wollen sie nicht wechseln.

Unterlassene Geburtstagsgeschenke

Meine Mutter ist der Prototyp eines Betrugsopfers. Schmuck und Bargeld hatte sie, dank ihrer chronischen Beratungsresistenz, stets so versteckt, dass ein Einbrecher oder ein sogenannter Einschleicher überhaupt nicht suchen musste. Wenn solche Leute Ratgeber-Broschüren herausgeben dürften, hätte meine Mutter alles genau nach Vorschrift gemacht: Schmuck und Bargeld bitte im Kleiderschrank verwahren. Aber glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Ein Vorteil: Um die Verteilung des Familienschmucks müssen wir uns eines Tages keine Gedanken mehr machen.

Mein Verstand sagt, meine Mutter hätte ihr Herz an den falschen gehängt. Sie solle es lieber frei fliegen lassen. So wie eine Biene. Aber die Co-Abhängigkeit zu ihrem drogenkranken Enkel hat meine Mutter fest im Griff und scheint sie nicht mehr loszulassen. Sie WILL ihrem Enkel, trotzdem er volle staatliche Unterstützung bekommt, zwanghaft finanziell unter die Arme greifen. Denn niemand hat ihn lieb, alle wollen ihn nur über den Tisch ziehen, und er braucht doch Geld für Schuhe, Kleidung, Fahrradreparaturen, ein neues Fahrrad, Fahrgeld, Arztrechnungen, Schuldenabbau, den Gerichtsvollzieher, für Kinobesuche, zum Essen gehen (sonst bekommt er ja nie eine Frau) … Mir fällt gerade nichts mehr ein, ihm schon. Er hat es voll drauf.

Ihren anderen Enkelkindern könne sie schon lange keine Geschenke mehr zum Geburtstag machen, weil sie ihr Geld für ihr bevorstehendes Alter sparen müsse, so ihre Argumentation. Früher bekam jedes Enkelkind einmal im Jahr 50 Euro.

Jetzt die Preisfrage des Tages: Könnte meine Mutter, die ja gerne hundert Jahre alt werden möchte, das bereits für Drogen ausgegebene Geld durch unterlassene Geburtstagsgeschenke wieder einsparen? Die Antwort: Nein. Rein rechnerisch müsste sie dazu nämlich entweder noch ungefähr 100 Jahre lang ihren anderen Enkelkindern nichts mehr schenken, oder noch auf die Schnelle mindestens 34 Urenkelkinder bekommen, denen sie nichts schenkt.

Fossil-Kosmetik und andere Raritäten

Im Apothekerschrank meiner Mutter gibt es keine verfallenen Arzneimittel. Das liegt daran, dass die Mittel aus einer Zeit stammen, in der noch KEINE Verfalldaten auf die Packungen gedruckt wurden. Das älteste Präparat in der Sammlung meiner Mutter ist ein Mittel für Hühner aus den 1950er Jahren. Es ist eine echte Rarität und deshalb ein Fall für das Museum.

Ebenfalls für das Museum geeignet ist ihre umfangreiche Nähgarn-Sammlung einschließlich des ausfahrbaren Nähkastens auf Rädern. Es handelt sich um ein Erbstück. Reißfestigkeit kann man vom kompletten Sortiment nicht erwarten. Deshalb würde ich bei Nähgarn aus Sicherheitsgründen grundsätzlich dazu raten, die Erbschaft auszuschlagen; ansonsten ist zu befürchten, dass ein Knopf schneller wieder abreißt, als man ihn angenäht hat. Ein Museum wird sicher davon absehen, die mangelnde Reißfestigkeit zu reklamieren.

Und dann ist da noch die Nivea Creme aus den 1980er Jahren, die ich nicht mehr für den Gebrauch empfehlen kann. Obwohl es sich um ein Erdölprodukt handelt (Fossil-Kosmetik?), rate ich dringend von der Anwendung ab. Aber die Dose bleibt an ihrem Platz, denn sie weckt bei meiner Mutter Erinnerungen. Genauso wie der noch fast volle 4711-Flacon. Aber so etwas kann doch nicht verderben, oder? Nein, das wohl nicht, höchstens alt (-modisch) riechen. Aber tut es das nicht sowieso? Naja, bei Uralt-Lavendel stört das wohl auch niemanden.

Ein Deal für gute Laune

Ich liebe eine Sendung im Fernsehen, obwohl ich sie noch nie gesehen habe. Ich sehe auch sonst so gut wie nichts im Fernsehen, um mir nicht die gute Laune verderben zu lassen, wenn sie gerade mal kurz vorbeischaut. Aber warum liebe ich ausgerechnet diese Sendung?

Meine 86-jährige relativ demente und beratungsresistente Mutter, die ich aus bestimmten Gründen in Finanz-Angelegenheiten betreuen muss, ruft mich täglich sechs- bis zweiundzwanzigmal an und verlangt nach Bargeld, obwohl sie sämtliche Einkäufe bargeldlos tätigen kann.

Ich habe mit meiner Laune einen Deal getroffen. Wir lassen meine Mutter den ganzen Tag mit dem Anrufbeantworter ins Leere laufen. Gegen Abend hört mein Mann den Anrufbeantworter ab und gibt mir eine kurze Zusammenfassung des Aufgesprochenen oder spielt mir auch mal die eine oder andere Passage vor. Danach rufe ich zurück, es sei denn, ich hatte sie an dem Tag schon besucht.

Es ist mir ein Bedürfnis, täglich mit ihr zu sprechen, auch wenn ich jedes Mal ein ungutes Gefühl habe. Schon, wenn ich nur die Telefontaste drücke, frage ich mich immer, wird sie mich gleich wieder beschimpfen? So auch gestern.

Als ich anrief, traute ich meinen Ohren nicht. Ich hörte sie voller Begeisterung und freudestrahlend sagen: „Es gibt gerade Bares für Rares, diesmal aus einem richtigen Schloss, ganz toll! Was wolltest du?“

Bingo! Gepriesen sei diese Sendung. Mögen die Verantwortlichen sie in den nächsten vierzehn Jahren nicht absetzen. Meine Mutter möchte nämlich hundert Jahre alt werden, und OHNE diese Sendung wäre das schlecht auszuhalten, jedenfalls für ihre Kinder.

Was für die Kleinen der Kinderkanal, ist für meine Mutter offenbar diese Trödel-Verkaufs-Sendung. Ein Flohmarkt auf höchstem Niveau mit Experten und Gutachtern. Kinderkanal und Seniorenkanal, die reinsten Nervenretter! Ein Glücksfall für alle Betreuenden. Ich frage mich, wie die Leute es früher nur ohne Fernsehen ausgehalten haben, sogar wenn sie selbst gar nicht fernsehen wollten?

Ich hatte in der Programm-Zeitung gelesen, dass die Sendung in einem Industriegebiets-Gebäude aufgezeichnet wird. Dann wurde es ja höchste Zeit, dass sie jetzt den richtigen Rahmen bekommt. In einem Schloss gibt es bestimmt auch edle Teppiche, denke ich so bei mir.

Für meine Mutter sind Teppiche das, was Teekannen für mich sind. Aber Teekannen können zum Glück keine Mottenlöcher bekommen, wird mir erleichtert klar, als ich einen ihrer Teppiche betrachte. Dafür kann man Teppiche ohne Probleme fallen lassen, könnte meine Mutter erwidern. Aber warum sollte man die fallen lassen, die liegen doch schon – und das ÜBERALL.

Wenn meine Mutter früher ein freies Stück Teppichboden sah, wurde sie nervös und sie hielt umgehend nach einer geeigneten Brücke Ausschau. Weil die Größe nicht genau hinkam (eben anders als bei einem Puzzle), überlappten sich manche Teppiche – und daran hat sich leider nichts geändert. Es gibt nach wie vor richtige Stolperfallen. Jeder, der den Klassiker Dinner for one kennt, weiß, wovon ich spreche.

Hätte meine Mutter einen Butler, würde der sagen: „Kann ich den Tigerkopf noch mal sehen?“ Stimmt, da wüsste er wenigstens eindeutig, an welcher Stelle er stolpern kann.

Mit den Stühlen bleibt man ständig irgendwo hängen. Zum Glück saugt der alte Staubsauger so (zuverlässig) schlecht, dass er sich nicht irgendwo festsaugen und die einzelnen Teppiche hochreißen kann. Mit einem Profigerät müsste man ansonsten höchste Saugkünste an den Tag legen, um nicht zu verzweifeln.

Wenn ich sage, dass überall Teppiche sind, ist das noch untertrieben. Sogar vor der Wohnzimmertür meiner Mutter hängt von innen ein Wand-Teppich. In der Küche liegen ebenfalls Teppiche, ein Teppichläufer sogar direkt vor der Küchenzeile. Eine sehr hygienische Lösung, denn das dunkle, ehemals gestreifte Teil nimmt alles ganz in sich auf. Man sieht den Schmutz quasi nicht mehr und muss nichts wegwischen. Wie praktisch!

Aber das ist noch nicht alles. Zu allem Überfluss sind die Polstermöbel mit dunkelbraunen zottigen Lammfellen bedeckt. Die ganze Wohnung ist ein wahres Paradies für Reinigungskräfte, die minimal-invasiv vorgehen. Man kann garantiert nach dem Putzen keinen Unterschied zu vorher sehen.

Sollten Sie jemanden kennen, der auf dieser Basis reinigen möchte, oder würden Sie das gerne selber übernehmen, melden Sie sich doch bei mir. Für Hausstaub-Allergiker ist dieser Job allerdings weniger geeignet. Es sei denn, sie werfen regelmäßig vor dem Betreten der Wohnung ein Antiallergikum ein. Interessiert?

Nappo-Ersatz für schlanke Füße

Jeder hat seine Lieblings-Süßigkeiten. Bei mir ist es Nappo, diese rhombenförmige Süßigkeit aus holländischem Nugat mit Schokoladenüberzug. Ich hatte es in Maßen genascht. Aber jetzt in meinem Alter muss ich besonders aufpassen. Ich merke, dass Zucker sofort ansetzt, und habe es mir deshalb völlig abgewöhnt. Ich will kein Nappo mehr essen und brauche es auch nicht mehr. Es war tatsächlich eine reine Gewöhnungs-Sache.

Schreiben ist jetzt mein Nappo-Ersatz. Schreiben statt Süßigkeiten! Ja! Es ist genauso nachhaltig wie Hüftgold, macht mir aber eindeutig mehr Freude. Jeder sollte sich genau überlegen, was er will. Es hat viele Vorteile: Man braucht keine größere Jeans, kein weites Vorhängerchen-Oberteil. Man muss beim Gehen nicht mit Knie- und Hüftschmerzen hin und her schaukeln und kann beim hinunter schauen seine schlanken Füße sehen und selbst pflegen. Man muss sich also nicht bei der Fußpflege seine Zehennägel ruinieren lassen. Das kommt leider häufig vor, wenn man an die Falsche gerät. Ich weiß, wovon ich spreche.

An den nicht überkronten Stellen der Zähne bekommt man kein Karies. Man bekommt kein Sodbrennen, sogar ohne den „Magenschutz“ des Teufels Omeprazol und hat deshalb auch noch seine so notwendige Magensäure im Magen.

Bei den Jungs von der Darmflora, haben wieder die Guten das sagen. Mit dem Ergebnis: keine Bauchschmerzen, gute Konsistenz beim Abführen, keine Bremsspur, kein feuchtes Toilettenpapier notwendig, also kein Anal-Abszess. Scheiß-Thema, ich weiß – aber notwendig.

Dass, das Übergewicht diese und unendlich viele andere Probleme mit sich bringt, weiß ich zum Glück nur aus meiner Berufspraxis und bin froh, dass sie mir bis jetzt erspart geblieben sind. Einfach himmlisch! Jeder sollte wissen: Zucker ist DEIN Feind. Das gilt auch für Zuckerersatzstoffe, weil sie Appetit machen. Aus gesunder Nahrung wandelt sich der Körper selbstständig die Menge Traubenzucker um, die er braucht. Wenn er zu viel bekommt, weiß er nicht wohin damit. Das Ergebnis sind Fettpolster, Rettungsringe und Hüftgold, deren Anschaffung viel Geld gekostet hat. Man sollte sich also lieber einen anderen Genuss suchen.

Bei mir ist es das Schreiben. Es ist obendrein auch noch völlig kostenlos. Und wenn es dann noch jemandem gefällt, macht es Spaß. Wunderbar! Ich will mich in der positiven zuckerarmen und süßstofffreien Schreibe-Schiene weiter dahin gleiten lassen. Mal sehen, wohin sie mich führt.

Pause ohne Rauchzeichen

Apropos Rauchzeichen. Neulich war ich mehr oder weniger unfreiwillig zu Gast bei einer Geburtstagsfeier. Die Freundin meiner Mutter hatte eingeladen und ich saß mit fünf älteren Damen am Kaffeetisch – vier von ihnen über neunzig. Die Tochter des Hauses hatte sich rauchend auf die Couch begeben.

Nach dem Kaffeetrinken gingen wir in den Garten. Die schöne Tischdecke draußen zierte eine Zigarettenschachtel mit dem Foto einer Blut spuckenden Frau, ein edles Feuerzeug und ein getöpferter Kunsthandwerk-Aschenbecher mit Geruchsverschluss – das Equipment der Tochter des Hauses; sie hatte es schon einmal herausgebracht und freute sich nun darauf, ihre nächsten Zigaretten in unserer Runde einnehmen zu können. Drinnen hatte sie sich ja aus lauter Rücksicht separat gesetzt.

Im folgenden Gespräch schienen sich die älteren Damen darin einig zu sein, auf keinen Fall hundert Jahre alt werden zu wollen – meine Mutter war die einzige Ausnahme. Voller Hoffnung meinte die Tochter lächelnd, mit dem Rauchen ein gutes Mittel gegen das Hundert-Jahre-alt-werden gefunden zu haben. Wie man ihr leider ansah, muss sie dieses Mittel schon vor sehr langer Zeit entdeckt haben.

Wie wir alle wissen, kann auch das Passivrauchen tödlich sein. Hätten die Damen ihre Sterbepläne etwas eher kundgetan, hätte sich die Tochter drinnen bestimmt mit an den Kaffeetisch gesetzt, dachte ich, während sie mir vergeblich eine Zigarette anbot. Aber ich glaube, dass das Passivrauchen bei den alten Herrschaften jetzt nicht mehr den gewünschten Erfolg erzielen wird. Um sich auf die tödliche Wirkung verlassen zu können, hätten sie definitiv früher mit dem Inhalieren anfangen müssen.

Dabei fiel mir ein, was ich beim Kauf der Geburtstagskarte im Papiergeschäft gesehen hatte. Hinter dem langen Verkaufstresen befand sich eine riesige Regalwand voller Zigarettenschachteln. In der Mitte ein großer Flachbildschirm mit Zigarettenwerbung. Dort stand: jetzt noch mehr Sicherheit. Ups, dachte ich. Was ist noch sicherer? Dass man stinkt? Dass man andere vollqualmt? Dass man nicht überlegen muss, wofür man sein Geld stattdessen ausgeben soll? Dass man ein faltiges, fahles Tränensack-Gesicht bekommt? Dass man mit Sicherheit eine Raucherlunge und höchstwahrscheinlich später auch noch Krebs bekommt? Nein, das sollte bestimmt nicht die Message sein. Es ging um die PAUSE – die ist SICHER.

Wenn rauchende Arbeitnehmer draußen herumstehen, verliert kaum jemand ein Wort darüber. Raucher stehen schließlich nicht freiwillig da. Ihre Sucht verlangt es von ihnen. Täglich kämpfen sie mit ihrer Arbeit und ihrem Suchtgefühl – das Suchtgefühl siegt immer wieder und sie müssen hinaus.

Wer sich allerdings als Nichtraucher während der Arbeitszeit draußen aufhält, um frische Luft zu schnappen, ist ein arbeitsmoralisch niedrig angesiedelter Mitarbeiter, der seine Kollegen hängen lässt. Verkehrte Welt, oder?

Heute bin ich froh darüber, dass ich es während meiner Arbeitnehmer-Karriere geschafft habe, nicht zum Raucher zu werden. Es erschien mir doch etwas übertrieben, sich eine Raucherlunge anzuschaffen, nur wegen der sicheren Pausen. Und jetzt kann ich PAUSEN machen, wann es mir passt. Das ist SICHER.

Faulpelz im Aufwind

„Wir waren aber auch Faulpelze!“, sagt mein Mann zu mir, Bezug nehmend auf unseren diesjährigen Dänemark-Urlaub. Juhb, Zielvorgabe erreicht, denke ich.

Ich finde, mein Mann und ich sind arbeitsmoralisch hoch angesiedelte potenzielle Gelegenheits-Faulpelze. Grundsätzlich bin ich nur fleißig, wenn es unbedingt nötig ist. Allerdings schien es bisher leider ständig unbedingt nötig gewesen zu sein! Ich musste den kleinen Faulpelz in mir regelmäßig enttäuschen und vertrösten. Ruhestand hatte er sich bestimmt auch anders vorgestellt. Endlich hätte ich Zeit für ihn haben können, aber nein, ich muss jetzt ja ständig etwas schreiben. Ich kann nicht anders.

Der kleine Faulpelz in mir bekam bisher einfach keine Chance. Man könnte meinen, dass sich niemand auf seine Seite schlagen wollte, weder der Verstand, noch der Fleiß, noch das Gewissen; die Drei hielten immer zusammen und hatten meistens auch noch die besseren Argumente. Wie oft musste ich mir vom Verstand anhören: „Du willst es doch auch, du willst alles fertig haben und perfekt.“ Und dann drängelte sich wieder der scheiß Fleiß vor und das Gewissen quakte dazwischen. Alle tröteten in dasselbe Horn, Jahr um Jahr.

Nur die Seele hielt schon immer zu dem kleinen Faulpelz, weil sie ihn versteht. Aber wer hört schon auf die?

Dass mein ganz persönlicher Faulpelz etwas klein geraten ist, scheint erblich bedingt zu sein. Denn meine Mutter verfügt über ein ähnliches Exemplar, auch wenn dies nicht durch den Wunsch nach Perfektion klein gehalten wurde, sondern eher durch eine ständige innere Unruhe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der Lebensabschnittsgefährte meiner Mutter, ihren zu klein geratenen Faulpelz anfüttern wollte: „Margretchen, nun setz dich doch mal hin! Das ist ja furchtbar mit dir. — Schenkst du mir noch Kaffee nach? Wo ist der Aschenbecher?“ So blieb meine Mutter in ihrem Pflichtprogrammmodus und ärgerte sich obendrein noch über die Rauchzeichen in ihrer Wohnung. Ihr Faulpelz kümmerte weiter vor sich hin und lässt sich nach wie vor kaum blicken. Meiner hingegen hat sich erholt und inzwischen eine stattliche Größe bekommen. Ich begegne ihm jetzt häufig – nur nicht wenn ich schreibe. Er weiß, dass er dann keine Chance hat, bleibt aber in Lauerstellung.

Dann soll ER doch mal faul sein!!!