Es brennt mir unter den Nägeln

Ich habe mich nie gefragt, ob ich ein Hobby habe oder eins brauche. Früher hatte ich im Chor gesungen. Es hat mir gefallen, weil man nicht viel mit anderen sprechen muss. Aber ein Hobby war es nicht.

Dann habe ich gepfiffen, das kann ich nach wie vor wirklich gut. Aber ein Hobby war es nicht. Außerdem war es mir für eine ganze Weile vergangen, der Schwiegermutter sei dank.

Jetzt stehen Haus und Garten in meinem Fokus! Ich kann nicht anders, als darin zu arbeiten, alles ständig zu betüddeln und es zu betrachten. Man kann sagen, es ist meins. Aber ein Hobby ist es nicht.

Zwischendurch kam das Malen, wie eine kurze stürmische Affäre. Die Gelegenheit war da, in einer Kureinrichtung. Ich habe mich darin verloren, einfach drauflos gemalt. Es war schon toll, aber auch anstrengend. Und jetzt denke ich noch nicht einmal mehr daran zurück.

Ich muss mich eben damit abfinden, dass ich weder ein leidenschaftliches Hobby habe noch brauche, so wie andere. Das dachte ich zumindest. Und dann stolperte plötzlich das Schreiben in mein Leben, ohne Vorwarnung. Es kam direkt auf mich zu und ich hörte, wie es rief: „Zur Seite Leute, die schnapp ich mir.“ Und dann flüsterte es mir verführerisch ins Ohr: „Liebling, grübeln war gestern. Jetzt verbringe deine Zeit mit mir.“

Ich fragte nicht lange und ließ mich mitreißen. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, ein Hobby zu haben und es mit Leidenschaft zu betreiben. Wenn ich morgens aufwache, spüre ich oft, wie es mir förmlich unter den Nägeln brennt, endlich meine Gedanken und Beobachtungen aufzuschreiben.

Wie gut, dass ich keine künstlichen Nägel habe. Die könnte ich genauso gut gebrauchen, wie den Nagelpilz, den schon viele davon bekommen haben – und es werden täglich mehr. Uuh!

Außerdem sehen solche Nägel meistens very geschmackvoll aus. Ich frage mich, warum sich Frauen das antun? Warum sie sogar bei schönem Wetter auf steilen unbequemen Stühlen sitzen, um sich für viel Geld zum Teil von unfreundlichem Personal – vielfach Damen, die auf mich wie Leibeigene aus dem (fernen) Osten wirken – quälen zu lassen. Masochismus in Reinkultur. Aber es boomt zurzeit. Künstliche Nägel müssen sein, egal wie gepflegt der Rest aussieht.

Tattoos, Piercings, riesige Lobe Piercings, Silikon … all das ist up to date. Ich bin so froh, dass es das noch nicht gab, als ich jung war. Das ist mir erspart geblieben, kann ich nur sagen, und damit auch irreversible Schäden. Meine Jugendsünde in dieser Richtung beschränkte sich in den 1970er Jahren auf eine Afrolookfrisur; die wuchs zum Glück wieder raus. Gar nicht auszudenken, wenn ich heute noch wie ein Pudel herumlaufen müsste.

Wenn man jung ist, kann man sich nicht vorstellen, dass sich der Geschmack und die Mode wieder ändern werden. Aber das tun sie, DAS IST SICHER!

Was wohl als Nächstes kommt? Vielleicht Brandzeichen?

In freudiger Passivität lasse ich mich überraschen.

Sitzflächen-Peinlichkeit

Es war wieder ein schöner Urlaub. Der Weg ist das Ziel, sagt man, aber für Dänemark trifft das nicht zu. Für uns heißt es immer: „Schnell hin- und ankommen. Dann nur noch genießen!“

Natürlich erlebt man nicht immer nur schöne Dinge, die die Seele erfreuen, sondern durchaus auch mal etwas Peinliches. Ich erinnere mich an eine Situation. Mein Mann und ich fuhren mit unseren Rädern zu unserem Sonnenuntergangs-Rundgang. Vor uns ging ein junges Paar; im Schlepptau hatten sie eine junge Frau, und bei dieser war ein großer roter Fleck auf der Sitzfläche ihres Kleides zu sehen. Wie peinlich, dachte ich, mit Tampax wäre das nicht passiert! Damit kann man nämlich laut Werbeaussage: schwimmen, surfen, reiten, Rad fahren … also fast alles.

Nur mit einem Handy kann man mehr: Musik hören, Radio hören, fernsehen, simsen, streamen, skypen, googeln, posten, twittern, daten, Musik aufnehmen, Sprachmemos sichern, filmen, fotografieren. Außerdem kann man mit Fotos angeben, mit dem Handy angeben, gut rüberkommen, schlecht rüberkommen, Nachrichten checken, Mails checken, das Konto checken, den Kalorienverbrauch checken, die Lage checken, Chancen checken, das Wetter checken, den Verkehr checken, die Uhr checken, die Tagesschau sehen, Spielfilme sehen, auf den Kalender sehen, in den Spiegel sehen, Schritte zählen, sich wecken lassen, etwas nachmessen, ausleuchten, rechnen oder spielen …

Habe ich noch etwas vergessen? Was? Whats App? Klar! Uh, ist mir warm geworden. Hat das Ding auch einen kleinen Ventilator? Ich fühle, dass ich noch etwas vergessen habe, irgendetwas Wichtiges, das mit Kommunikation zu tun hat. Moment, mein Handy klingelt!

Ach, jetzt fällt es mir ein, hätte ich gleich drauf kommen können: TELEFONIEREN!

Im Einklang mit Pril-Blumen und Stilettos

Heute Nacht hatte ich geträumt, ich wäre in einer katholischen Kirche. Es war alles ziemlich durcheinander. Der noch sehr, sehr junge Pfarrer machte nur Quatsch und legte sich dann zwischen die Bänke, um ein Nickerchen zu machen. Sie konnten ihn nicht rausschmeißen, weil sie sonst niemanden hatten. Das nennt man Nachwuchssorgen. Ich musste dringend. „Wo sind hier in der Kirche die Toiletten?“ Dann wachte ich auf.

Gestern erzählte mein Mann mir seinen Albtraum. Er hätte einen lila Jogginganzug getragen. Das soll ein Albtraum sein? Dann würde ich gerne tauschen, denke ich.

By the way: Gibt es überhaupt noch sogenannte Jogginganzüge? Wissen junge Leute überhaupt, was das ist? Sie stellen sich wahrscheinlich ein cooles Business Outfit vor, dass eine schlanke Figur macht. Es gibt ja auch Jogging-Brötchen, die schlank machen. Unter Running Suite könnten sie sich eher etwas vorstellen, glaube ich.  Lila Jogginganzug? Uhh!

Aber kann man heute nicht alles tragen? In unserer schnelllebigen Zeit überschlagen sich die Modedesigner förmlich. Ständig muss etwas Neues her. Es gibt keine bestimmte Moderichtung mehr. Sämtliche Rocklängen und Hosenweiten sind gleichzeitig modern.  Blockabsätze und Stilettos, Ringelsocken in Pumps, Polstersitzmuster und Pril-Blumen auf Kleiderstoffen …

Die neuste Vorgehensweise bei Modedesignern scheint so zu funktionieren: Kleidungsstücke und Farben, die nicht kombinierbar sind, weil sie überhaupt nicht zusammenpassen und/oder aussehen, werden zusammen gemixt, bis selbst die Konkurrenz staunt, wie irre cool es aussieht. Da müsste man doch noch einen draufsetzen können, denken sie. Was sie dann auch tun. Farben beißen sich nicht mehr. Es muss nur teuer genug sein, dann kaufen es die Verbraucher, ääh, die Trendsetter erst einmal. Später auch alle anderen Leute, natürlich in abgeschwächter Form. Hauptsache es ist ein Hingucker.

Und wenn den Modedesignern gar nichts mehr einfällt, stellen sie sich ihre Einschulung oder Konfirmation o. ä. vor, oder sehen sich alte Familienfotos an. Welch eine Inspiration! Sogar der frustrierte Gesichtsausdruck und die belastende Frisur von damals werden später von den Models kopiert. Das finden die Teens und Twens dann heute voll abgefahren. Ich denke nur: autsch!!

Selbst aktuelle Möbelprospekte versetzen mich in meine Kindheit zurück. Puh, muss das sein? Gut, dass ich nicht mehr um jeden Preis modern sein muss. In meinem Alter kann man es sich leisten, die Mode selbst zu dosieren. Welch ein Luxus. Und bei dieser Auswahl heute pick ich mir etwas raus und kombiniere es mit meinen alten Sachen von früher, z. B. mit Schuhen von 1991. Bingo! Die sind ja wieder modern! Hoffentlich wissen die anderen Leute das auch.

Was sollen sie wissen? Was modern ist? Wer weiß das schon?

Odyssee zum Puppencafé

Ich wollte mit meiner 86 jährigen Mutter und ihrer ersten und wahrscheinlich einzigen polnischen Pflegekraft, die mit ihr fertig wurde, einen Ausflug machen; sie hatte es sich verdient, nicht meine Mutter. Mein Mann und ich wohnen in einem Vorort. Das Ausflugsziel, ein malerisches Künstlerdorf, liegt genau eine Ortschaft weiter. Dort gibt es viele gemütliche Cafés mit selbst gebackenem Kuchen im Angebot.

Wir hatten vor, im Garten des Puppen Cafés zu sitzen und anschließend in den hübschen kleinen Kunstgewerbe-Läden zu stöbern – der Rollator macht es möglich. Um meine Mutter abzuholen, fuhr ich die Autobahn in Richtung Stadt. Auf dem Rückweg musste ich feststellen, dass die Autobahnzufahrt gesperrt war. Ich konnte aber auf dieser Schnellstraße nur geradeaus weiterfahren. Plötzlich fand ich mich in einer fremden Umgebung wieder.

Zum Glück habe ich immer einen Stadtplan im Auto. Er ist jedoch leider auch nicht mehr der Jüngste. Unser Weg endete an einem inzwischen stillgelegten Bahnübergang. Es war ein sehr warmer Tag im Mai und auf dem Beifahrersitz redete meine Mutter unaufhörlich auf mich ein. Im Wechsel bemängelte sie, dass wir nicht durch die Stadt gefahren seien und dass sie nicht, wie ich, eine weiße Hose trug.

Schließlich fand ich einen sehr ländlichen Weg, der in die richtige Richtung führte. Dann sah ich einen Deich und wusste plötzlich genau, wo wir waren. Shit, hier ist das Autofahren nur für Anlieger erlaubt. Hoffentlich erwischt mich niemand, dachte ich so bei mir und sah auch schon in der Ferne einen Polizeiwagen. Einen Moment überlegte ich, ob ich umkehren und schnell davonbrausen sollte. Nein, lieber nicht, die Polizisten hatten mich bestimmt schon gesehen. Ich fuhr also langsam weiter und wurde an den Straßenrand gewunken. Der Polizeiwagen stellte sich direkt neben mein Auto und ließ die Seitenscheibe automatisch herunter, während ich meine herunterkurbelte. (Ja, bei mir läuft noch einiges mechanisch!)

Der Polizist am Lenkrad sah eine Frau mit einem gequälten Gesichtsausdruck, Schweißperlen auf der Stirn und einem zerfledderten Stadtplan auf dem Schoß, die neben einer alten nervigen Frau saß. Eine andere nette Frau saß auf der Rückbank und bekam kaum noch Luft in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage.

Ich sah einen Polizisten in einem klimatisierten großen Mittelklassewagen, der neben einem netten Kollegen saß. Beide wurden dafür bezahlt, dass sie hier patrouillierten. Ich würde jetzt auch lieber arbeiten, dachte ich. Auf diese Art von Freizeit kann ich verzichten. Inzwischen kam noch ein Auto von der anderen Richtung angefahren. Der Polizist winkte es an seine andere Wagenseite. Nun standen drei Autos dicht nebeneinander.

Die Scheibe gegenüber und die des anderen Autos gingen fast gleichzeitig herunter. Nun waren wir alle durch offene Fenster miteinander verbunden, was nicht unbedingt ein Vorteil war. Denn während die Fahrerin ihren Berechtigungsschein für Anlieger zeigte, wurde das Gespräch zwischen ihr und dem anderen Polizisten von dem ständigen und nervigen Gequake meiner Mutter untermalt. Die Frau durfte weiterfahren, während wir immer noch in der Hitze warteten. Die beiden Beamten wendeten sich wieder mir zu und wechselten vielsagende Blicke.

Ich dachte nur, wenn das hier eine Filmszene wäre, hätte ich im Drehbuch gerne folgenden Text: „Officer, ich fahre hier wirklich nicht zum Vergnügen, glauben sie mir.“ Ich brauchte nicht viel zu sagen. Der Officer vor mir sah in meine verzweifelten Augen. Sein mitfühlender Blick wanderte zwischen mir, meiner Mutter und der Pflegerin hin und her. Dann wies mir den richtigen Weg und ließ mich „laufen“.

Ich weiß nicht, wie hoch die Geldstrafe ausgefallen wäre, aber man kann sagen, dass sich das Gequake meiner Mutter endlich einmal bezahlt gemacht hatte.

Tierisches Dänemark – ein Iltis auf Futtersuche

Ich erinnere mich noch gut an einen Dänemark-Urlaub in einem Sommerhaus, das diese Bezeichnung nicht verdient hatte. Es handelte sich nämlich um ein kaltes Steinhaus mit tief heruntergezogenem Dach, das die Sonne einfach nicht hineinließ. Wenn Sie mich fragen, wurde es von seinem Besitzer selbst entworfen.

In der ersten Nacht schlief ich in meinem dicken Fleecebademantel mit Kapuze. Zum Duschen stellte ich mich in eine Schüssel, damit ich nicht auf den kalten Fliesen stehen musste. Aber am Tage konnte man das Leben genießen. Oft lag ich auf der halb überdachten Terrasse, entweder mit oder ohne Zudecke und unser Hund lag auf meinem Schoß, entweder auf oder unter der Zudecke, ganz nach Sonnen-Wolken-Lage. Das ließ sich aushalten. Täglich gingen wir am Nordseestrand spazieren und abends fuhren wir, wenn das Wetter passte, noch einmal zum Sonnenuntergang an den Strand.

Einmal sahen wir auf dem Rückweg einen Fuchs, der gemächlich die zum Strand führende Hauptstraße überquerte. Wieder im Ferienhaus angekommen hoppelte ein Hase auf dem Naturgrundstück vorüber und wenig später schlich ein Fuchs in dieselbe Richtung. Ich dachte, ob die beiden sich wohl gleich Gute Nacht sagen werden?

Tierische Erlebnisse der besonderen Art durften wir in Dänemark oft machen, auch mit unserer Hündin Jenny, die wir von Anfang an mit in den Urlaub nahmen. Als sie noch kein Jahr alt war, hatten wir auch wieder ein gemütliches Ferienhaus an der Ostseeküste gemietet. Schon nach ein paar Tagen wunderten wir uns über Jennys Riesenappetit. Zu Hause hatte sie ihren Napf nie leer gefressen. Das machte wohl die gute Seeluft, dachten wir. Als ich dann eines Abends eine Maus sah, die frech an einem Regal emporkletterte, während ich da saß und ein Buch vor der Nase hatte, war mir alles klar. Und jetzt dämmerte mir, weshalb ich Mausefallen gesehen hatte. Wohin die Maus verschwand, konnte ich nicht sehen. Das war mir auch egal. Und dort, wo sie herkam, gab es noch mehr von dieser Sorte, das war sicher. Meinetwegen konnten sie hier ruhig mit uns unter einem Dach leben. Aber eines wusste ich, in Zukunft musste ich aufpasssen und sie mussten ihren gerade erst umgestellten Speiseplan wieder ändern: Hundefutter ist aus!

Während eines anderen Dänemark-Urlaubs begegneten wir einem Iltis. Damals hatten wir gerade eine Bäckerei betreten, um uns mit einem leckeren Kuchenstück einzudecken, da beobachteten wir, wie der Vierbeiner seelenruhig durch den geöffneten Nebeneingang in das Geschäft tappte. Zielstrebig steuerte er in einen Nebenraum, als würde er sich auskennen. Mit Händen und Füßen versuchten wir, der Verkäuferin klar zu machen, was sich gerade hinter ihrem Rücken abgespielt hatte. Natürlich wussten wir nicht, was Iltis auf Dänisch heißt. Unsere Sprachkenntnisse beschränkten sich auf die typischen Wörter, die einem Touristen das Überleben sicherten – und dazu gehörte definitiv nicht die Bezeichnung dieses Eindringlings. Am Ende schafften wir es aber doch und die Verkäuferin bekam einen großen Schreck, als sie nachsah. Vielleicht hatte der Iltis gedacht: voll lecker, in diesen Kuchen könnte ich mich reinsetzen. Was er dann bestimmt auch getan hatte.

Dänemark hat wirklich tierisch viel zu bieten, zumindest, wenn man sich in der Abgeschiedenheit der Natur häuslich niederlässt. Hier kleine Schlangen, dort eine tote Robbe am Strand, hier ein Fuchs, dort ein Marder – von den Ameisen, Spinnen und Zecken mal ganz abgesehen. Und ein raues Klima gehört auch dazu. Wir fühlen uns immer wohl in Dänemark, lieben die Natur, Stille, Sonne, Wolken, Wind und Meer. Das ist LEBEN PUR!

Dachschaden durch Strohausfall

Ich erinnere mich noch gut. Vor vielen Jahren hatten wir in Dänemark ein Strohdachhaus mit Nordsee-Meerblick gebucht. Als wir angekommen waren, fiel uns auf, dass der verwunschene Weg, der hoch zum Haus führte, fast zugewachsen war. Ich musste unseren kleinen Hund auf den Arm nehmen, während wir uns zum Eingang durcharbeiteten. Als wir die Tür aufschlossen und hineingingen, fühlte ich mich in eine andere Zeit zurückversetzt. Leider handelte es sich eindeutig um eine Zeit mit wenig Komfort. Mein Verstand wollte sich beschweren, während das romantische Vintage-Gefühl in mir Purzelbäume schlug. Egal, wir schleppten erst einmal unsere Sachen hinein. Dann sahen wir uns stumm um:

Die Lichtschalter stammten wohl aus der Zeit, in der das elektrische Licht gerade eingeführt worden war. Auch an der Küche war seither jede moderne Entwicklung vorbeigegangen. Wo war nur der Kühlschrank? Wir fanden ihn  in einer Art Kellervertiefung mit Holztreppchen am Ende des Raumes. Dort wurde wohl schon früher alles ohne künstliche Kühlung frisch gehalten. Der Gossenstein (Spüle) und der Zweiplattenherd ließen mich erschaudern, von der Pfanne und den Töpfen ganz zu schweigen. Aber zunächst gab es Wichtigeres.

Nach der langen Fahrt musste ich erst einmal dringend für kleine Urlauber. Das Wasserklosett funktionierte zufriedenstellend, wenn man davon absah, dass unten ein wenig Wasser in einem Rinnsal herauslief – zum Glück handelte es sich um Frischwasser.

Ich fragte mich, ob das Stroh auf dem Fußboden dafür gedacht war, das Wasser aufzusaugen? Mir wurde ganz anders und wir sahen uns weiter um. Im Schlafzimmer waren an den Wänden hübsch geblümte Tapeten, die mustertechnisch direkt in die Gardinen übergingen, als gäbe es überhaupt keine Vorhänge. In Gedanken gab ich einen Abzug in der B-Note! Aber das war noch nicht alles. Überall sahen wir Blüten, sogar der Teppichboden war geblümt. Eindeutig „to much“, selbst für eingefleischte Landhausstil-Liebhaber! Ich mag grundsätzlich geblümte Muster, aber in diesem Haus war
bestimmt jeder froh, dass er nachts die Augen geschlossen hatte.

Als mein Blick auf das Bett fiel, sah ich dort schon wieder Stroh. Und eines stand fest, es war sicher nicht dafür gedacht, Wasser aufzusaugen und es gehörte auch nicht zur Dekoration. Warum es dort wohl lag? Langsam dämmerte es mir und ich schaute nach oben. Natürlich, das Stroh kam direkt vom Dach und war einfach, zwischen die Holzdielen der Zimmerdecke hindurch, nach unten gefallen.

Um uns zu vergewissern, gingen wir die schmale Treppe hinauf und fanden uns auf einem großen Dachboden wieder. Tatsächlich, die alten Holzdielen waren mit Strohhalmen übersät, entsprechend marode zeigte sich das Dach über uns. Es hatte definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Ich stellte mir vor, wie gemütlich es im Haus sein musste, nach einem starken Regenguss und was ein Gewitter oder ein Kurzschluss in der alten Stromleitung alles anrichten konnte … Mir wurde ganz schaurig zumute.

Vorsichtig gingen wir wieder nach unten und nahmen das Wohnzimmer in Augenschein. Das hatte auf dem Foto im Prospekt so gemütlich gewirkt. Und tatsächlich, es war auch mal gemütlich gewesen – jedenfalls vor ungefähr 50 Jahren. Der geblümte Ohrensessel, der offene Kamin, wie für eine Filmkulisse gemacht. Das Ganze erinnerte mich an die Miss Marple Verfilmungen, jedenfalls auf den ersten Blick. Man durfte jedoch nicht genau hinsehen. Die Fußleisten waren durchweg vergammelt, ebenfalls die Terrassentür. Alles war schmuddelig und renovierungsbedürftig.

Neben der Tür stand ein Zinkeimer mit Sand, in denen Kippen steckten. Die Gartenmöbel bestanden aus einem durchgesägten Baumstamm auf Beinen, der als Tisch dienen sollte, und einer harten Holzbank ohne Lehne. Um die Ecke standen die rostigen Überbleibsel eines Liegestuhls. Meine Freude war stark getrübt, genauso wie die Fensterscheiben, durch die man laut Prospekt den Meerblick hätte genießen sollen. Mein Mann und ich sahen uns an; ein Blick genügte. Der fragende Blick unseres Hundes ging zwischen uns hin und her. „Was hat Herrchen denn? Warum ist Frauchen so traurig?“

Jenny verstand die Welt nicht mehr. Die Enttäuschung über unseren wortlos gefassten Entschluss war ihr ins Gesicht geschrieben. Und als wir tätig wurden, hatte ich den Eindruck, Jennys Gedanken lesen zu können: „Leute, die Hütte gefällt mir, sie riecht total interessant. Ich wollte schon immer mal Abenteuerurlaub mit euch machen. Also wieso packt ihr alle Sachen wieder in das doofe Auto zurück, sogar meine Näpfe und meine Schlafhöhle?“

Auf den Geschmack unseres Hundes konnten und wollten wir keine Rücksicht nehmen und begaben uns schnurstracks zur Ferienhausvermittlung. Dort angekommen, brauchten wir nicht viel zu sagen. Die zuständige Dame gab uns sofort drei Schlüssel von anderen Ferienhäusern, von denen wir uns ein annehmbares aussuchten und dann doch noch einen schönen Urlaub verleben konnten.

Heute frage ich mich, ob ein solches Haus im Zeitalter des Internets überhaupt noch eine Chance hätte, gebucht zu werden. Aber wahrscheinlich ist es ohnehin schon längst in Flammen aufgegangen. Ja, Gewitter können eine reinigende Wirkung haben.

Auf der falschen Spur beim Zuckergipfel

Auf unserer Dänemarkrückfahrt standen wir in diesem Jahr wieder einmal im Stau, allerdings nicht wie sonst üblich auf der deutschen Seite, sondern auf dänischem Grund und Boden. Ich konnte mir also in Ruhe die rubbelige Fahrbahn-Markierung auf der Autobahn anschauen. Wenn man hier vom rechten Weg abkommt und über die Markierung fährt, wird ein komisches Geräusch erzeugt. So werden die Fahrer mehr oder weniger sanft aus ihren (Tag-)Träumen gerissen und wieder auf die „richtige Spur“ gebracht.

Wir rollten langsam vor uns hin. Im Radio lief ein Country-Song. Er gefiel mir. Während sich meine Stimmung hob, merkte ich, dass der Text dänisch war. Dann sprach der Radio-Moderator etwas. Süß! Ich mag dieses leichte Lallen; es klingt so gemütlich. Immer wieder sagte er zwischendurch Oh Joh Jo Jo Jo. Die Zeit verging und ein dänischer Schlager nach dem anderen wurde gespielt. Das Ha Li Ha Lo in diesen Liedern scheinen wir mit den Dänen gemeinsam zu haben. Zwischendurch liefen Country-Songs und ich blieb gut gelaunt.

Vor uns rollte ein schokobrauner (eher Zartbitter, nicht Vollmilch) Mercedes-Benz. Laut fachmännischer Auskunft meines Mannes ein sündhaft teurer SL Roadster. Mir fiel der Wagen auf, weil auf dem Nummernschild keine Nummern, sondern Buchstaben angebracht waren; es war eindeutig dänisch.

Wer ist in Dänemark so reich und bekannt, dass er keine Nummern auf dem Nummernschild haben muss? Mein Gehirn fing sofort an zu rattern. Ich sah Silberlocken, ja, ein älteres Ehepaar mit Silberlocken. Die Ermittlungsstelle in meinem Gehirn kam zu folgendem Ergebnis. Es müsste sich bei den beiden um das dänische Königspaar handeln. Er hatte bestimmt zu ihr gesagt: „Margarethe, Cherie (er ist nämlich Franzose) es sind Ferien, die Krone ist in der Reinigung, die Dackel sind beim Aqua-Jogging. Setz dir eine Beton-Frisur-Perücke auf und lass uns heimlich eine Spritztour machen. Dorthin, wo der Wein herkommt. Wir sausen so durch …..Die Fantasie ging mit mir durch. Als wir später an den beiden vorbeirollten, sah ich, dass es sich eindeutig nicht um das dänische Königspaar handelte. Es handelte sich auch um kein anderes europäisches Königspaar. Ich kann das beurteilen. Aus mir spricht mindestens zehn Jahre Secondhand-Boulevard-Presse-Erfahrung. Die alten Frau im Spiegel Ausgaben meiner Mutter waren wirklich höchst interessant gewesen. Dort konnte man Kurioses, Peinliches und Unglaubliches sehen und lesen – besonders zwischen den Zeilen.

Während ich noch nach rechts schaute, rollten wir langsam weiter. Ich sah einen sogenannten „lebensbejahenden“ Autofahrer. Er setzte eine Colaflasche an die Lippen und ließ die süchtig machende, braune Zucker-Koffein-Figur-Killer-Flüssigkeit durch den Hals laufen. Manche würden bei dem Anblick fragen, durch welchen Hals?

Ich hatte ein paar Tage vorher gelesen, dass ein aktueller Zuckergipfel stattfinden sollte. Der G 20 Gipfel war mir ja ein Begriff, aber von einem Zuckergipfel hatte ich bisher nichts gehört. So, so, man kann wohl nicht länger ignorieren, dass das Thema Zucker und seine Folgen weltweit sehr ernst zu nehmen ist, dachte ich. Mit Ablenkung hatte die sogenannte Lebensmittel-Industrie es bis jetzt geschafft, die Probleme, die der Zuckerkonsum mit sich bringt, zu verdrängen. Und sie wird so weitermachen, wenn sie nicht gebremst wird.

Die Strategie ist eigentlich ganz einfach: Man lässt der Presse psychologisch ausgeklügelte, ablenkende Mitteilungen zukommen. Man finanziert ergebnisorientierte Studien (Unis brauchen Geld). Man lockt die Schlankheitswilligen mit irgendwelchen „fettarmen Diäten“ und „Sportanweisungen“ auf die falsche Fährte. Ich sage nur: Suggestion.

Lobbyisten sind sich einig mit dem Hinweis, früher hätte es doch auch dicke Kinder gegeben, Übergewicht hätte doch nur etwas mit Bewegungsmangel zu tun. Es bräuchte auch nicht unbedingt jeder gleich zu wissen, dass Cola mit dem schädlicheren Glucose-Fructose-Sirup hergestellt wird. Davon muss zwar mehr verwendet werden als vom Kristallzucker, er ist  jedoch viel billiger in der Herstellung.

Angeblich haben Politiker beim Zuckergipfel von den Herstellern freiwillige Maßnahmen gefordert, also wird sich erst einmal nichts ändern, schade!

Es gibt bestimmt auch den einen oder anderen Politiker, der etwas bewegen möchte. Aber immer, wenn es einer versucht, nimmt ihn jemand mit den Worten zur Seite: „Ganz fabelhaft, mein Lieber, großartige Arbeit. Sie haben Zukunftspotenzial. Ich habe eine andere, wirtschaftlich sehr vielversprechende Aufgabe für sie. Und eins sollten sie sich unbedingt merken in der Politik:  Wir arbeiten auf WAHL-ERFOLGS-BASIS.

Apropos Wahl: Ich hatte als Kind nicht die Wahl zwischen Cola und Wasser, Pizza und Eintopf, Gummibärchen und Obst, Nuss-Nugat-Creme und Marmelade, Milchschnitten und Butterbrot, Schokoriegel und Topfkuchen. Es gab in der Regel auch „nur“ drei Mahlzeiten, und die wurden portioniert. Junge Leute mögen dazu sagen: „Die hat es aber nicht leicht gehabt in ihrer Kindheit.“ Stimmt irgendwie, aber dafür kann ich heute LEICHT-gewichtig zur Wahl-Urne gehen. Weniger LEICHT fällt mir das positive Denken. Jetzt stupst mich etwas an und sagt:
„Hast du vergessen, Liebling, grübeln war gestern.“

Sonnenscheinkomplett-Paket inbegriffen

Heute ziehen kleine weiße Wolken schnell am hellblauen Himmel vorüber. Auch das Meer sieht ständig anders aus. Es hat, bedingt durch die Einstrahlung des Sonnenlichts und die Einwirkung des Windes, tausend Gesichter.

Gestern war es sehr stürmisch. Höhere Wellen mit Gischt rollten auf den Strand. Man konnte von Brandung sprechen. Gegen Abend blickten wir auf ein silbrig-weiß glänzendes Meer unter schwarzem Himmel. Die Sonne stand tief im Westen, rechts neben dem Haus. Ich liebe es, wenn die Sonne gegen eine dunkle Wolkenwand scheint. Dann wurde das Meer grün und der Himmel stahlblau. Die Sonne strahlte auch die Steilküste gegenüber an, sodass diese naturgelb leuchtete. Wir haben die Abbruchkante täglich vor Augen. Deshalb ist uns aufgefallen, dass ein großes Stück abgebrochen war. Dann flog eine große Möwe an unserem Fenster vorüber. Ihre Flügel waren von oben schwarz und von unten schneeweiß. Es sah aus, als hätte sie einen weiß gefütterten schwarzen Umhang an. Später sah man viele verschiedene Grautöne und Orangetöne am hellblauen Himmel. Ich sah auf die Uhr und konnte es kaum glauben; es war 22 Uhr.

In den letzten Wochen habe ich viele Schiffe vorbei fahren sehen. Alles Mögliche war dabei. Vom schnittigen, strahlend weißen Segelboot bis zum düsteren alten Vintage-Segler, von der Luxus-Hochglanz-Motorjacht bis zum Fischkutter, vom Polizeikreuzer bis zum Kahn mit Dixi-Klo-Aufbau. Mir gefällt alles hier und ich kann sagen: „Ich liebe Dänemark und ich passe hierher wie meine beiden Vornamen.“

–  ENDE eines wunderschönen Sommerurlaubs  –

Es gibt zwar viele Reiseführer über Dänemark, aber bei ihnen vermisse ich das Kleingedruckte. Hier mein Vorschlag für die Verleger:

WICHTIGE HINWEISE

Für alle, die einen Dänemarkurlaub planen, muss auf Folgendes hingewiesen werden: Alle Angaben sind ohne Gewähr! Ähnlichkeiten mit anderen Urlaubszielen sind rein zufällig. Farb- und Qualitätsabweichungen sind möglich. Kleine Unregelmäßigkeiten und oder sogenanntes Schlechtes Wetter sind kein Reklamationsgrund, sondern unterstreichen das charakteristisch-authentische Gesamtbild. Kleine Schäden im und am Sommerhus, die von Touristen durch unsachgemäße Behandlung verursacht wurden, sind zu ignorieren. Für psychische oder physische Schäden durch Spinnen, Zecken, Mäuse und Ameisen wird keine Haftung übernommen. Folgendes ist im Umfang nicht enthalten und muss in Eigenleistung erbracht werden: gute Laune und Lebensfreude.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie vorher sich UND Ihren Lebenspartner.

GARANTIE

Unsere Gewährleistung umfasst folgende Punkte:

– Himmel, einschließlich Sonnenscheinkomplett-Paket mit Sonnenauf- und Untergang, Wolken, Regen und Vögel. Sogenanntes schlechtes Wetter ist beabsichtigt und gehört zum authentisch-charakteristischen Erscheinungsbild.

– Meer, einschließlich Strand, Wellen und ständig wechselndem Erscheinungsbild

– Landschaft, einschließlich Küste, Hügeln mit weitem Ausblick, Pflanzen und Tieren

– Frische Luft, einschließlich Duft, Geräuschen, Wind bzw. Sturm

– Einkaufsmöglichkeit, einschließlich umfangreicher Weinabteilung und separater, geräumiger Leergutannahme

– Urlaubsfeeling (entsprechende Wahrnehmungsfähigkeit wird vorausgesetzt)

Für mangelnde Erholung und Entspannung, die durch unsachgemäße Wahrnehmung und/oder falsche Kleidung und/oder mangelhaften Sonnenschutz entsteht, wird keine Haftung übernommen.

Strandkohl als Flugsalat?

Es ist Nachmittag. Am Horizont ist es dunkel graublau, aber von oben scheint die Sonne herunter. Schaffen wir es noch vor dem Regen? Egal, wir haben ja Kapuzen. Wir machen einen Spaziergang weit um unseren Haushügel herum und gehen an der flachen landeinwärts liegenden Bucht entlang. Am Strand wächst hier der selten gewordene Strandkohl. Man möchte ihn ernten. Er ist essbar und sieht aus wie ein Salatkopf.

Lachend erinnern wir uns an unseren Flugsalat vor einigen Jahren in Dänemark. Mein Mann hatte fürs Abendessen Salat in einem Seiher gewaschen. In Ermangelung einer Salatschleuder, die man in einem Ferienhäuschen nun wirklich nicht erwarten kann, band er eine Schnur an die Griffe des Seihers.

Draußen schleuderte er das Ganze wie ein Lasso. Super, zunächst funktionierte alles reibungslos. Die Zentrifugalkraft schleuderte zuerst das überschüssige Wasser aus dem Salat, aber dann leider auch den kompletten Seiher auf das Hausdach. Die Konstruktion hatte also nicht das gehalten, was mein Mann sich von ihr versprochen hatte. Der Knoten war aufgegangen und wir mussten hemmungslos lachen! Da hatten wir nun den Salat. Die gute Nachricht: Das Dach ragte sehr weit herunter, sodass wir den Salat wieder absammeln konnten, nachdem uns der Seiher schon entgegengekullert war.

Seitdem haben wir immer ein altes, aber stabiles Einkaufsnetz in unserer Urlaubsbox, mit dessen Hilfe man den Salatseiher problemlos durch die Gegend schleudern kann. Das nennt man genial.

Zum Abendbrot gab es an diesem Tag also Flugsalat – frisch gepflückt vom eigenen Hausdach.