Burn-out durch Tamtam

Von wegen, alles im Griff. Als wir neulich während der Oktoberfestzeit eine „Konserve“ schauten, klingelte es an der Haustür. Der Nachbar hatte schon angekündigt, dass er uns die geliehene Bohrmaschine zurückbringen wollte. Also stand mein Mann auf und ging zur Tür. Damit er nichts von „unserem“ Film versäumte, drückte ich auf die Pausetaste der Fernbedienung und geriet per Zufall in eine Volksmusiksendung.

Sie kam rüber, als würde hier Silvester und Karneval gleichzeitig gefeiert werden. Der Saal tobte und die Stimmung kochte. Als ich sah, wie die Zuschauer in den Rängen Pool-Nudeln, über ihren Köpfen zusammenschlugen, war ich unfähig, den Ausschaltknopf zu drücken. In Sachen Applaus scheint das der neueste Trend zu sein. Ich fragte mich allerdings, wo da das Klatsch-Geräusch der Hände herkam. Aber das war bestimmt zugemischt, wie in manchen amerikanischen Fernsehserien. Hauptsache, die Optik stimmt: grölende Zuschauer in überschäumender Begeisterung, prall gefüllte Dirndl-Kleider, Lichtkegel, Konfetti.

Ein Gottlieb-Wendehals-Nachfolger führte eine Polonaise an. Sein Markenzeichen, eine strähnige Perücke, die durch eine Art Ski-Sonnenbrille aufgepeppt wurde. Inzwischen weiß ich, dass er mit dem König von Mallorca, Jürgen Drews, „zusammenarbeitet“. Die beiden verstehen etwas von Remmidemmi und zehn nackten Friseusen. Ob diese Inflation der Stimmung noch steigerungsfähig ist?

Die Interpreten grinsen derart unnatürlich intensiv in die Kameras, dass man sich fragt, ob sie schon einen Gesichtsmuskel-Krampf haben oder kurz davor stehen? Es würde mich nicht wundern, wenn sich erste Patienten mit akuter Gesichtsmuskel-Zerrung durch Gaudi-Überdosis (mit oder ohne Hörsturz) in ärztliche Behandlung begeben würden. Und ich frage mich, ob einzelne Volksmusik-Interpreten schon eine Tournee abbrechen mussten wegen Burn-out durch Tamtam? Würde das überhaupt als Berufskrankheit anerkannt und gibt es dafür eine Art Berufsgenossenschaft?

Wenn ja, schlage ich folgende Reha-Angebote vor:
– Stimmung runterfahren. Es darf geflucht werden!
– Gesprächskreis: Lasse deinen inneren Miesepeter raus (Grimassen erlaubt)
– Wer bin ich? Von Everybody’s Darling zum Stimmungstöter.
– Authentisch dreinschauen in zehn Schritten bis zur Gesichtszug-Entgleisung
– Gesichtsmuskel-Entspannung auf Chi-Gong-Schlag
– Therapeutisches Boxen: Ihr könnt mich mal, ich haue in den Sack!
– Ernsthaft-Walking ohne Mienenverzug
– Lieber schlecht drauf als drunter und drüber
– LMA Meeting der anonymen Partyholics (Selbsthilfegruppe für Schunkel-Opfer)

Okay, ich weiß: Lachen ist gesund. Wenn man schlecht drauf ist, soll man sich im Spiegel anlächeln. Das Unterbewusstsein nimmt das Lächeln wahr, als hätte man einen Grund dazu, und schon ist man gut drauf. Soweit die Theorie.

Bei dieser Fernsehsendung heißt es allerdings, gute Laune, bis der Arzt kommt. Hier kann das Lachen nach hinten losgehen. Man sollte sich schon entscheiden, ob man den Verstand oder die Pool-Nudel-Show einschalten möchte. Beides geht nicht.