Meisterwerke der Suggestion

Es dürfte inzwischen wohl einwandfrei feststehen, dass der Konsum von Industrie-Zucker ein großes Problem unserer Zeit ist. Leugnen seitens der sogenannten Lebensmittel-Industrie ist zwecklos. Deshalb geht man neuerdings dazu über, abzulenken. Wozu gibt es schließlich all die genialen Lobbyisten. Überall werden Informationen gestreut – Meisterwerke der Suggestion, die sich einfach genial zum „Leutedurcheinanderbringen“ eignen.

So sprang mich neulich in einer Supermarkt-Beilage folgende Verblödung an: Unter dem Foto eines hübschen jungen Mädchens stand: Du bist Zucker! Wie viel Zucker brauchst Du noch? Die empfohlene Menge Zucker für eine erwachsene Frau beträgt 8 Stücke und für einen Mann 10 Stücke täglich.

Die Aussage suggeriert, dass Zuckerkonsum empfohlen wird! Tatsächlich handelt es sich aber um die Menge, die nicht überschritten werden sollte, wenn man ALLE Zuckerarten, die man zu sich genommen hat, zusammenrechnet. Verschwiegen wird, dass Zucker überhaupt nicht ZUSÄTZLICH zugeführt werden sollte, weil sich der Körper nach Bedarf SEINEN Traubenzucker aus der zugeführten Nahrung selber herstellt, und zwar durch einfaches Umwandeln. Der Zuckerspiegel soll nämlich nach Möglichkeit immer auf einem Level bleiben. Das zu schaffen, ist eine Meisterleistung, die unser Körper normalerweise problemlos beherrscht. Wenn er Zucker zugeführt bekommt, stellt er selber einfach weniger her. Bekommt er aber zu viel Zucker von AUSSEN, weiß er nicht mehr wohin damit und wandelt ihn in Fett um.

Das Ergebnis ist sichtbar. Sagen Ihnen die Ausdrücke Hüftgold, Doppelkinn, Rettungsring etwas? Aber auch das Umwandeln in Fett hat seine Grenzen. Irgendwann klappt das nicht mehr und es kommt zu Diabetes Typ II – derzeit auch als selbst verursachte Zivilisationskrankheit Nummer EINS bezeichnet.

Weil die Lobbyisten den billigen Industriezucker nicht einfach schön reden können, haben sie eine neue Strategie, in dem sie eine falsche Fährte legen. In einem großen Bogen führen sie geschickt vorbei an den Hauptverursachern wie Softdrinks und prangern z. B. Schwarzbrot und Schinken an, weil in diesen Lebensmitteln „versteckter Zucker“ sei. Ja, das nennt man dann Aufklärung und es suggeriert, dass sich etwas Positives in der Lebensmittelindustrie tut.

Es gibt heutzutage überall eine sogenannte Ernährungsberatung, wo man auch hinschaut – Portionsangaben hier, Zertifikate dort. Auch Supermarktketten zeigen ihren guten Willen und haben neuerdings ein paar Zucker reduzierte Vorzeige-Eigenmarken im Sortiment.

In diversen „Ratgebern“ (Ich möchte nicht wissen, wer die finanziert!), lese ich regelmäßig, man solle aufpassen, was auf den Tisch kommt. Aha! Bei der Ernährung soll man aufpassen, beim NASCHEN offenbar nicht. Kindermilchschnitten, Fruchtgummis und Cola kommen also nicht auf den „Tisch“ und zählen deshalb nicht mit, wenn von dem gefährlichen versteckten Zucker die Rede ist, den man unbedingt vermeiden soll.

Ein kluger Schachzug, denn in Fruchtgummis muss man den Zucker nun wirklich nicht suchen. Er ist nicht versteckt, die Dinger bestehen ja quasi nur aus diesem billigen Rohstoff. Und da sie NUR zum Naschen dienen, sollen sie laut aufgedrucktem Hinweis auch nur in kleinen, empfohlenen Portionen genossen werden, woran sich leider fast niemand hält.

Die Portionsangaben sind winzig, aber die Packungen sind riesig, oft bis zu 1,2 kg. Wer kann sich nach dem Genuss von wenigen Gummis schon beherrschen bei dieser enormen Packungsgröße? Und außerdem sagen sich die Verbraucher, sprich Nascher: Wer weiß schon, welche Portion für mich die Richtige ist?

Cola und andere Softdrinks werden in Ernährungs-Ratgebern praktisch nie erwähnt. Wenn überhaupt, dann nur als Limonade auf gleicher Ebene mit Fruchtsäften. Es heißt: Frisch gepresste Fruchtsäfte könne man ruhig mal trinken. Es solle aber nicht zur Gewohnheit werden, denn sie enthielten viel Zucker.

Hallo, geht’s noch? Saft enthält Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe wertvolle, sekundäre Pflanzenstoffe, die entgiften und entsäuern und er enthält NATÜRLICHEN Zucker. Bei Cola und anderen Softdrinks hingegen handelt es sich nur um billig produziertes Zuckerwasser mit künstlichen Geschmacksstoffen, meist in viel zu große Flaschen abgefüllt. Darüber, ob es ratsam ist, diesen Genuss zur Gewohnheit werden zu lassen, gibt es leider keinen Hinweis.

Passt mal auf Leute, ich sage Euch was: Es gab die Stein-Zeit und es gab die Bronze-Zeit. Jetzt haben wir die Verarschungs-Zeit.

Manchmal darf der Verstand aussetzen

Gestern wurde es noch richtig herrlich, 26 Grad im Schatten und fast windstill! Und wir badeten im Meer!!!! Mein Mann war plötzlich drin. Da musste ich mich nicht lange überwinden. Schnell in den Badeanzug und in die Neoprenschuhe und ab durch die Mitte über die Steine ins Wasser, bis ich welligen Sand unter den Füßen spürte. Herrlich frisch, mit Betonung auf frisch. Abends, als wir zufrieden aufs Meer schauten, wurde es dann für kurze Zeit völlig windstill.

Die Grüntöne und das Sandgelb der Abbruchkante des anderen Ufers spiegelten sich im Wasser. Sich widerspiegelnde Farben im Meer? Das hatte ich noch nie gesehen, weil es eigentlich ständig in Bewegung ist. Selbst in der Augsburger Puppenkiste bewegt sich das Plastikfolienmeer immer.

Heute ist es soweit. Nach zehn Tagen müssen wir in den zwanzig Kilometer entfernten größeren Ort zum Einkaufen fahren. Zuerst führt uns der Weg an einer kleinen Bucht vorbei, an schönen kleinen Wohn- und Ferienhäusern – in Dänemark unterscheiden sich die Wohnhäuser in ihrer Größe kaum von den Ferienhäusern.  Dann geht es auf der Landzunge immer geradeaus. Rechts und links ist das Meer zu sehen. Die Straße führt durch eine hügelige Landschaft, es geht auf und ab. Wiesen und Felder wogen im Wind, manche glänzen besonders schön dunkelgrün in der Sonne. Ich genieße den Anblick des ebenmäßigen Schimmers, der dem eines Nerzmantels gleicht. Dies hier ist die Art von Luxus, die ich liebe!

Ab und zu sieht man ein hübsches Anwesen und einen hohen Mast mit der dänischen Flagge in Form eines sehr langen dreieckigen Wimpels. An Geschäften sieht man kleine rechteckige Flaggen. Dann kommt eine kleine Ortschaft. Die Häuser sind meist cremeweiß oder gelb gestrichen, die weißen Sprossenfenster sind immer auch noch weiß umrahmt. Einige Dächer sind mit Reet gedeckt. Manchmal sieht es so aus, als hätte ein Riese sein Spielzeughaus auf eine grüne Wiese gestellt. Nichts Störendes ist drum herum. Auch alles andere sieht sauber und ordentlich aus. Dafür sorgen nicht zuletzt die winzigen roten Dreirad-Pick-up-Trucks vom Straßenbauamt, die man ab und zu sieht.

Wir fahren weiter auf und ab. An den Feldrändern blühen blaue Kornblumen und am Straßenrand stehen Mengen von roten Mohnblumen, die in England Poppy heißen. Dort ist es sogar ein gebräuchlicher Mädchenvorname. Jetzt führt der Weg durch ein kleines Waldstück. Die Sonne strahlt durch die hohen Bäume herunter. Dann sehe ich in der Ferne einen Hügel, der mit kleinen Häusern übersät ist, und auf der anderen Seite das Meer. Hier beginnt die größere Ortschaft mit einem größeren Hafen, Supermarkt, Tourist-Information und Fußgängerzone. Dort ziehen wir uns am Automaten dänische Kronen, sehen kurz in die Schaufenster und erledigen unseren Großeinkauf im Supermarkt.

Zum Glück kennen wir uns aus mit dänischen Lebensmitteln. Schnell alles in den Einkaufswagen. Der Hunger erinnert uns daran: Wir dürfen auf keinen Fall Ribbesteg vergessen, also schnell an die Bratentheke. Vor zwei Jahren, als wir den Supermarkt noch genau inspizieren mussten, konnten wir an dieser Theke nicht einfach so vorbeigehen. Ich esse eigentlich kaum mal Schweinefleisch, aber bei diesem eingeritzten Krustenbraten setzt der Verstand aus. Ich habe noch nie beim Hineinbeißen, solch ein Geräusch und solch ein Gefühl im Mund gehabt. Vom Geschmack wollen wir gar nicht erst sprechen. Von Schweinebraten verstehen die Dänen was. Und vom Wein!

Man fragt sich: Ist das hier ein Supermarkt oder ein Weingroßhandel mit Lebensmittelabteilung? Samstags kaufen wir hier nicht mehr ein. Dann ist es sehr voll, obwohl man sagen muss, dass die meisten Kunden dann mit ihren Einkaufswagen hauptsächlich um die Weinregale und Weinverkaufsflächen herumschleichen. In ihren Einkaufswagen schieben sie in freudiger Erwartung auf das Wochenende 3-l-Weinkanister vor sich her. Ich habe noch nie so viele Wein-Pappkanister auf einmal gesehen. Aber es gibt natürlich auch jede Menge Weinflaschen. Über dem Nebeneingang des Supermarktes steht groß: Flasker. Es handelt sich um die riesige, angegliederte Leergutannahme. Der Braten ist heiß. Wir wollen schnell zurück, solange das Fett noch nicht durch die Tüte tropft.

Während wir die Traumstrecke zurückfahren, freue ich mich über meine günstige und wirklich schöne Neuerwerbung, einen Silikon-Schaber mit glasklarem Plastikgriff (perfektes Industriedesign aus China) und auf den perfekten Biss.