Dudelsäcke mit faltenlosen Schottenröcken?

Kennen Sie das Volkslied »Drei weiße Birken in meiner Heimat steh’n«? Senioren singen es häufig. Meine Mutter hat nun eine neue Strophe hinzugefügt, die derzeit mehr oder weniger per Dauerschleife zu hören ist: „Drei weiße Hosen in meinem Treppenhaus …“

Wie die Hosen auf die Treppenstufen gelangen? Ganz einfach, meine Mutter legt sie immer wieder dorthin, weil sie glaubt, dass es nicht ihre Hosen sind, sondern die der Mieter; sie kann sich einfach nicht erinnern, die Teile je getragen zu haben. Da hilft es auch nicht, wenn ich ihr sage, dass sie den großen Fleck auf dem Oberschenkel vor Kurzem selbst drauf gekleckert hat und dass es die Konfektionsgröße 42 bei Herrenoberbekleidung gar nicht gibt. Sie bleibt dabei, die Hosen können nur einem Mieter gehören.

Nun sah ich, dass es sich bei der einen Hose um einen engen, kurzen, weißen Jeans-Rock handelt. Ich stellte mir unwillkürlich die Herren aus dem ersten Stock in diesem Rock vor und musste lachen. Dann fiel mir ein, dass meine Eltern vor vielen Jahren Mieter aus Großbritannien hatten. Selbst wenn die Schotten gewesen waren, hatten sie niemals Röcke getragen, da bin ich mir ganz sicher. Außerdem habe ich noch nie etwas von weißen faltenlosen Schottenröcken mit femininer Silhouette gehört. Das steht dem Dudelsack nicht, weder drunter noch drüber.

Ich erinnere mich noch genau an die beiden englisch sprechenden Männer in unserem Haus. Einer von ihnen wohnte im Souterrain-Zimmer. So einsam, wie er war in der Fremde, erinnerte er sich bald an sein Hobby. Es war der Whisky, dem er sehr zugetan war und dem er sich drei Tage lang ununterbrochen intensiv hingab.

Sein Kollege, der nette Mister Stanedge, der im ersten Stock wohnte, half ihm wieder auf die Beine und anschließend zurück ins Vereinigte Königreich. Im Flieger konnten die beiden nicht viel Gepäck mitnehmen und ließen einiges für den Müll zurück. Die kleine Glas Cafetiere, die in meiner Vitrine wieder aufpoliert steht, ist mir als Erinnerungsstück geblieben.

Borkenernte ohne Käfer

Meine Mutter liebt Gartenarbeit und das Ernten, mit Betonung auf Ernten. Zierpflanzen waren nie so ihr Ding. Besonders ihre Zimmerpflanzen können sich nicht so recht entscheiden, ob sie eingehen oder weiter ausharren sollen. Es handelt sich hauptsächlich um selbst gezogene Kakteen-Ableger in verschiedenen Entwicklungsstufen. Sie sind meist nicht groß, was meine Mutter durch die Anzahl der Blumentöpfe wieder wettmacht. Sie steht nun einmal auf Quantität.

Überall sind alte Blumentöpfe zu finden. Im Windfang, im Treppenhaus, im Wohnzimmer, in der Küche und auf dem Balkon. Wenn ich zu Besuch bin, nehme ich mich oft ihrer Akut-Zustände an: Überschwemmung oder Dürre.

Meine Mutter hatte einen Kleingarten, in dem sie natürlich hauptsächlich am Ernten interessiert war, was ja auch der Zweck eines Kleingartens ist. In ihren besten Zeiten hatte sie Eierpflaumen, Zwetschgen, Äpfel, Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Jostabeeren und Brombeeren in rauen Mengen.

Über die Ernte führte sie Buch, darin ging sie ganz auf. Weil sie natürlich nicht alles alleine pflücken und verarbeiten konnte, bot sie Bekannten an, sich etwas ernten zu dürfen, ärgerte sich jedoch jedes Mal hinterher darüber, dass die Damen und Herren sich angeblich „nur die besten Früchte“ ausgesucht hätten.

Im Sommer wurde jeden Abend entsaftet, eingemacht, Marmelade gekocht und eingefroren. Die Tiefkühler kamen regelmäßig an ihre Grenzen. Sodass meine Mutter verzweifelt anfing, ihre Früchte wie Sauerbier anzubieten. Gab es nicht genügend Abnehmer, wurden alte Bestände aufgekocht und stehen gelassen, bis sie schimmelten. Die Tiefkühler blieben in der Regel aber immer halb gefüllt; das war ein MUSS, gab ein sicheres Gefühl.

Deshalb war meine Mutter auch so nervös, als sie in ihrer nur noch halb gefüllten Kühltruhe eines Tages kein Obst mehr entdeckte. Sie konnte es kaum glauben und hängte sich so hinein (sie hing frei schwebend über dem Rand der offenen Truhe), dass es knackte. Das Resultat waren zwei gebrochene Rippen. Zum Glück hatte sie sich beim Ernten im Garten nie etwas gebrochen. Gar nicht auszudenken, was alles hätte passieren können, wenn sie vom Baum gefallen wäre.

In ihrem Keller stehen noch Mengen von Saftflaschen, Marmeladen- und Einmachgläsern. Die meisten sind noch voll, aber schon lange nicht mehr genießbar. Besonders schade ist es um das Brombeer-Gelee, wenn man bedenkt, mit welcher Leidenschaft sie ihre Brombeerernte betrieb. Die Hecke mit den schwarzen Beeren wucherte an einem verblichenen, selbst zusammengeschraubten 60er Jahre Rank-Gerüst, bestehend aus plastiküberzogenen, bunten Einzelelementen. Bei der fast täglichen Ernte im Sommer wurden die Arme und Beine meiner Mutter von den Dornen blutig gepiekst. So entstanden immer neue Borken, an deren ERNTE sie ebenfalls interessiert war und leider nach wie vor interessiert ist. Obwohl sie ihren Kleingarten schon vor zwei Jahren abgegeben hat, pflegt sie ihre Borkenbestände nach allen Regeln der Kunst, sodass diese eine ganzjährige Ernte garantieren. Ich erzähle ihr vergeblich immer wieder Horrorstorys über Blutvergiftungen und offene Beine. Aber sie will und kann ihr „Hobby“ nicht aufgeben, verlässt sich auf ihre eiserne Gesundheit. In den 40 Jahren ihrer Kleingartenkarriere war nichts passiert. Warum sollte sich daran etwas ändern?