In den letzten Jahren lehnte es unsere Mutter immer kategorisch ab, sich Essen auf Rädern „anrollen“ zu lassen. Aber nach ihrer Operation vor zwei Jahren probierten wir diesen Service einfach aus. Wir bestellten ihr für eine Woche fertige Menüs, sodass sie täglich versorgt wurde. Die Bezeichnung „Essen auf Rädern“ wurde von uns aus psychologischen Gründen tunlichst vermieden – von der Firma auch, denn sie warb mit einem „Menü Lieferservice“. Ich weiß nicht, ob die Mahlzeiten so gut geschmeckt hatten, wie sie auf den Fotos aussahen. Unsere Mutter wollte sie jedenfalls nie wieder haben und behauptete selbstbewusst, sie würde sich täglich selbst Essen kochen.
Anderthalb Jahre später nutzten meine Schwester und ich die Gunst der Stunde für einen zweiten Versuch. Wir waren wieder einmal gemeinsam eine ganze Woche durchgehend bei unserer Mutter zu Besuch. Über diese kostbare Zeit mit ihren Töchtern ist sie immer überglücklich. Wir unterhalten uns dann über Gott und die Welt, unternehmen etwas, schauen uns Fotos an … Wenn sie immer und immer wieder die gleichen Fragen stellt, schalten wir beim Antworten auf „Automatik“. So ist und bleibt es harmonisch. Und wir essen natürlich zusammen.
Das war für uns DIE Gelegenheit ihr zu demonstrieren, wie gut man das Essen vom Lieferservice genießen kann. Um ja keinen Fehler zu machen, probierten wir einen anderen Anbieter. Der Name „Landhausküche“ klang auch sehr viel besser als der erste. Meine Schwester und ich hatten uns nun also freiwillig als Versuchskaninchen für eine einwöchige Testreihe zur Verfügung gestellt.
Gemeinsam mit unserer Mutter aßen wir uns durch die aktuelle Speisekarte, indem wir uns täglich drei verschiedene Gerichte liefern ließen. Was soll ich sagen? Bei jedem Menü standen sich Geschmack und Konsistenz auf der einen Seite und der Anbietername auf der anderen Seite umgekehrt proportional gegenüber. Im Grunde waren die in Plastik verpackten Portionen in den Garwägen „verkocht“ worden. Wir mussten unserer Mutter Recht geben und hörten damit auf, ihr ein warmes „Essen auf Rädern“ zu empfehlen. Immer gemäß ihres eigenen Mottos: Wer nicht will, der hat!
Aber seit Kurzem spürt unsere Mutter, dass ihre Kräfte schwinden. Ihr ist klar geworden, dass sie gar nichts mehr kocht und sich im weitesten Sinne nur noch von Brot und Joghurt ernährt. Ist die Zeit nun reif für einen Lieferservice? Wir nutzten sofort die Gelegenheit. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Meine ökoangehauchte Schwester, die sich ohnehin immer über zu viel Plastik im Alltag aufregt, hatte sofort eine Idee. „Wir können doch den Mittags-Tisch-Lieferservice vom türkischen Feinkostladen an der Ecke nutzen. Dann kommt das Essen auf einem Porzellanteller und wird nicht drei Stunden durch die Gegend gefahren.“ Als ich unsere Mutter auf diese geniale Lösung vorbereiten wollte, traute ich meinen Ohren nicht: „Nein das will ich nicht!
Ich will Essen auf Rädern!“
