Von bestochenen Urlaubsaussichten

Endlich Urlaub. Ich liege  im Halbschatten unter den Bäumen und lese, herrlich. 

Als ich einmal von meinem Buch aufblicke, schaut mich ein Schäferhund an, und zwar direkt vom Unterschenkel eines anderen Gastes. Ein Tattoo, gestochen scharf. Das enorme Übergewicht des Mannes hat sich bezahlt gemacht, dachte ich gleich, denn für solch ein großes Tattoo braucht man stramme Waderln. Auf meinem Bein wäre nicht genug Platz und meine stillgelegten Krampfadern würden dem Hund vermutlich nicht gut zu Gesicht stehen. 

Mir fällt immer mehr auf, dass so viele Menschen tätowiert sind. Alter und Geschlecht scheinen dabei keine Rolle zu spielen, als ob das Tätowieren Suchtpotential hätte. Und ich kann mich dem Gefühl nicht erwehren, dass die Tätowierten den Hals nicht vollkriegen können – und das im wahrsten Sinne des Wortes. 

Ich google schnell nach, was Tattoos so kosten und staune nicht schlecht. Da dürfte wohl so manch einer mit Tattoos im Wert von zehntausend Euro durch die Gegend stolzieren. 

Vielleicht wünscht sich die Ehefrau dieses Gastes zum Geburtstag als nächstes einen Husky auf den Schenkel statt eines Schmuckstücks. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn das Tattoos kann weder geraubt werden noch verloren gehen – es sei denn, die ganze Frau verschwindet auf nimmer Wiedersehen.

Wie die Leute sich das alles leisten können? Einige lassen sich das offenbar finanzieren und stottern ihr neues Kunstwerk ab. Manche Tattoo-Studios werben sogar damit:
„Jetzt auch Ratenzahlung möglich!“

Eine Anschaffung fürs Leben? Naja! Aber was ist schon für die Ewigkeit, vor allem, wenn man die Sonne ranlässt und sich nicht vorher mit Lichtschutzfaktor 50 eincremt. Das lässt sich alles im Internet nachlesen. Das bedeutet dann wohl: entweder braun oder Tattoos. Aber wer hält sich schon daran? Die Menschen pfeifen auf den Faktor. 

Ich kann feststellen: Tätowierungen haben die Urlaubsbräune als Statussymbol nicht abgelöst, sondern ergänzt. An welchem Strand ich auch war, ich sah überall Tattoos in der prallen Sonne braten. 

Und wenn die Tattoos dann verblassen, ist das auch kein Problem, konnte ich lesen. Man könne verblasste Kreationen nämlich nachstechen oder ein neues Motiv drüber „legen“ lassen. Sehe ich deshalb so viele flächig bemalte Arme und Beine, bei denen man vergeblich nach einem Motiv suchen könnte, wenn man denn wollte? Bei manchen Wadenkunstwerken könnte man den Eindruck haben, als wären ihre Besitzer bei einer Wattwanderung ausgerutscht. 

Eines scheint unstrittig zu sein: Der Menschen quält sich für sein „gutes Aussehen“. Das war schon immer so, in allen Kulturen. Was früher bei uns die Korsetts waren, Beton-Frisuren und/oder spitz zulaufende, hartsohlige Schuhe, sind heute kunstvoll gestaltete Fingernägel, Piercings an allen „un“-möglichen Stellen und eben diese Bemalungen am ganzen Körper on top – koste es was es wolle. Tattoos lassen sich allerdings nicht einfach ausziehen wie ein Korsett oder entfernen wie ein Piercing. Machen sich die Leute darüber keine Gedanken?

Manche Männer fallen in Ohnmacht, wenn ihnen Blut abgenommen wird und bekommen Angstzustände, wenn sie das Wort Zahnarzt nur hören. Aber für die „Schönheit“ scheinen viele von ihnen gerne Schmerzen auf sich zu nehmen. Wer schön sein will muss leiden. Das heißt es jetzt auch wohl bei dem männlichen Geschlecht. Ist das die ausgleichende Gerechtigkeit? Auf jeden Fall liegt die Schönheit auch hier im Auge des Betrachters und manchmal vielleicht auch auf dem Schenkel des „Bestochenen“.