Zurück ins Leben mit Rhythmus und Eleganz

Als mein Vater vor dem Krieg zum ersten Mal Jazzmusik hörte, hatte es ihn sofort mitgerissen. Benny Goodman und Glenn Miller hatten ihn sozusagen von den Socken gehauen. Wenn überhaupt, konnte man solche Musik nur in bestimmten Clubs hören, denn sie war bei den Nazis verboten. Mein Vater und sein Freund ließen sich davon nicht beeindrucken und holten sich die Musik nach Hause, indem sie sich ausgelassen an Jazz Sessions versuchten. Beide hatten den Rhythmus im Blut und waren ausgezeichnete Klavierspieler.

Ein anderer Freund meines Vaters wurde zum Militär eingezogen und vertraute ihm seine Klarinette an. Er wollte, dass das gute Stück wenigstens ab und zu bespielt wird. Das musste er meinem Vater nicht zweimal sagen. Musikalisch, wie er war, brachte er sich das Klarinettespielen selber bei, so wie vorher schon das Gitarrespielen. Irgendwie schaffte er es, jedes Instrument, das ihm in die Finger kam, zum Klingen zu bringen. Auch wenn er nicht so wie Benny Goodman spielen konnte, entlockte er der Klarinette doch einen klasse Sound. Seine Mutter war über die musikalische Weiterentwicklung ihres einzigen Kindes gar nicht glücklich. Als ausgebildete Pianistin hatte sie eine völlig andere Vorstellung von ”guter“ Musik. Sie brauchte sich jedoch nicht sehr lange aufzuregen, denn der Zweite Weltkrieg sollte bald auch für meinen Vater alles verändern.

Nach dem Krieg war Jazz-Musik nicht mehr verboten, sie kam sogar mit der amerikanischen Besatzungsmacht ganz offiziell direkt ins Land und nicht nur still und heimlich per Noten oder Schallplatten. Die jungen Menschen waren lebenshungrig, wollten Spaß haben und die Erlebnisse auf dem Schlachtfeld vergessen. So auch mein Vater und sein Freund. Sie fingen wieder an Musik zu machen und stürzten sich förmlich auf den Jazz, also auf das, was auch die amerikanischen GIs am liebsten hören. In den Kasinos wurde nur live gespielt und wer gut war, durfte sich bei den Besatzern etwas dazu verdienen.

So taten sich die beiden Freunde mit einigen anderen jungen Jazz-Versessenen zusammen. Allerdings konnte keiner von ihnen Schlagzeug spielen. Der Einzige, der sich daran wagte, war mein Vater, und er merkte schnell, dass ihm dieses Instrument besonders lag. Er hatte den Rhythmus im Blut. Vielleicht lag das daran, dass er schon als ungeborenes Baby stundenlang täglich am Klavier zugebracht und im Takt mit vibriert hatte. Um das Instrument noch besser zu beherrschen, bekam er noch ein wenig Nachhilfe von einem älteren Herrn namens Last. Es war der Vater eines Bandmitgliedes.

Die neu gegründete Band spielte bald Jazz mit Leidenschaft im Gefühl aber Hunger im Bauch. Deshalb war die Arbeit bei den „Amis“ im Kasino das reinste Vergnügen für sie. Sie hatten Spaß und bekamen obendrein auch noch etwas zu essen. Das war damals unbezahlbar. Einer von den jungen Männern hörte zu der Zeit noch auf den Vornamen Hans und sollte später als Orchester-Chef weltberühmt werden.

Eines Tages wurde bekannt, dass Louis Armstrong ein Konzert in der Stadt geben würde. Karten zu bekommen war für Normalsterbliche unmöglich. Aber mein Vater wollte den charismatischen Trompeter unbedingt live erleben. Deshalb musste er sich dringend etwas einfallen lassen. Und wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.

Das Fotografieren war ebenfalls ein Hobby meines Vaters und er hatte für damalige Verhältnisse eine ziemlich gute Kamera. Also zog er sich seinen Humphrey-Bogart-Anzug an, lockerte die Krawatte ein wenig, hängte sich seine Kamera um den Hals und schob seinen Hut frech schief nach hinten. Und genau so ging er direkt vor dem Konzert lässig an der wartenden Menschenschlange vorbei, zeigte statt Eintrittskarte blitzschnell irgendeinen Ausweis und sagte selbstbewusst „Presse“ während er hineinging. Er konnte sein Glück kaum fassen, denn er hatte es tatsächlich geschafft. Er war drin! Heute wäre so etwas undenkbar.

Über zwanzig Jahre später kamen nacheinander Mister Acker Bilk und Chris Barber mit ihren Bands in die Stadt. Für einen richtigen Jazz-Fan war natürlich klar, dass er dort hin musste. Und dafür konnte man ganz normal Karten erwerben. Mein Vater kaufte jedes Mal gleich zwei Karten für die erste Reihe. Eine davon war für niemand anderen, als für mich. Ich war erst vierzehn Jahre alt. Aber mein Vater wusste damals schon, dass ich die Einzige in der Familie war und bin, die Jazz genauso liebte wie er.

Auch das Tanzen war eine Leidenschaft meines Vaters. Er hatte vor dem Krieg mehrere Tanz-Turniere hintereinander gewonnen. Wenn er mal richtig groß ausgehen wollte, ging er in Gala gekleidet und mit weißem Schal um den Hals zu Fuß zum Bahnhof, nahm sich dort ein Taxi und ließ sich ungefähr fünfhundert Meter direkt vor das Grand-Hotel fahren. Das nennt man einen großen Auftritt mit kleinen Fahrtkosten. In dem Hotel gab es damals Tanzveranstaltungen und rauschende Bälle. Wer besonders lässig sein wollte, brach den Fuß eines Sektglases ab, steckte es sich in die äußere Brusttasche seines Jacketts und streifte die Asche seiner langen Zigarette daran ab. Jedenfalls erzählte mir das mein Vater, sagte aber auch gleich, dass das nicht sein Stil gewesen wäre.

Von Eleganz verstand mein Vater etwas. Er hatte das, was man heute immer noch einen guten Geschmack nennt. Eines Tages nahm er mich mit in die Stadt und kaufte mir für meinen Abtanzball eine Abendtasche mit passendem Satinportemonnaie. Edles Material trifft auf zeitlose Eleganz. Über eine neue Abendtasche musste ich mir bis heute keine Gedanken machen. Was er aussuchte, war immer perfekt. Auch meine Mutter wurde von ihm beraten, denn Fräulein Margrets Gespür für elegante Mode fehlte gänzlich.

Den Ausdruck Shoppen kannte man damals noch nicht in Deutschland, aber man kann trotzdem sagen, mein Vater verstand etwas davon. Nach dem sich meine Eltern kennengelernt hatten, ließ sich meine Mutter mithilfe seines Geschmacks und ihres gesparten Geldes von Kopf bis Fuß neu einkleiden.

Meine Eltern lernten sich beim Wochenend-Bootfahren mit Freunden kennen. Da saß mein Vater also plötzlich mit einer zehn Jahre jüngeren natürlichen Schönheit in einem Boot. Die goldenen Locken hatte sie sich zurückgesteckt und sah aus wie Ingrid Bergmann. Sie war so niedlich unkompliziert mit ihrem sonnigen Gemüt und ihrem selbst genähten Bikini. Zuerst sah mein Vater sie mit der Linse seines Fotoapparates, dann mit den Augen der Liebe.

Im Sommerurlaub fuhren die beiden zusammen mit Freunden in ein Nordsee-Bad. Dort fanden Tanzveranstaltungen und eine Miss-Wahl statt. Meine Mutter wurde im Badeanzug zur Schönheitskönigin gewählt. Ihr Vater tobte, als er später zu Hause davon erfuhr. Es schickte sich einfach nicht, so leicht bekleidet in der Öffentlichkeit ”aufzutreten“ – auch nicht, wenn man bereits verlobt war.

Als mein ältester Bruder unterwegs war, wurde geheiratet. Das Elternhaus meines Vaters war durch den Krieg zwar voll besetzt mit einquartierten Menschen, die sonst kein Dach über den Kopf gehabt hätten, aber zum Glück konnten seine Eltern ihm durch einen Trick ein kleines Zimmer freihalten, bis er aus dem Krieg zurückkam.

So fingen meine Eltern ihre Ehe in einem Zimmer mit Waschbecken, einer Schlafcouch und einem Kinderbett an. Meine Mutter gab das Baby früh morgens bei ihrer Schwiegermutter unten ab, bevor sie zur Arbeit fuhr – fünfzehn Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad. Als nach und nach Zimmer im Haus frei wurden, bekamen meine Eltern endlich ihre eigene Wohnung im Dachgeschoss des Hauses mit kleiner Küche, Kohleofen und eigenem Klo. Der absolute Luxus für damalige Verhältnisse.

Der Traum von einem Ski-Urlaub nahm langsam gestalt an, war allerdings bald ausgeträumt, als mein zweiter Bruder sich ankündigte. Unter die bereits angeschafften Leder-Skistiefel konnte sich mein Vater dann immerhin Schlittschuhe schnallen, denn die Winter waren kalt.

Das Wort Familienplanung gab es noch nicht, aber als ich mich in noch kürzerem Abstand auch noch ankündigte, fingen meine Eltern intensiv an, sich dahin gehend schlauzumachen. Eine gewisse Beate Uhse klärte in Broschüren über Empfängnisverhütung auf. Es bedurfte also einer mutigen Frau, um sich endlich genau über alle Möglichkeiten informieren zu können.

Eine alte Freundin meiner Mutter, die inzwischen in Hamburg verheiratet war, staunte nicht schlecht, als sie meine Mutter nach langer Zeit zufällig Kinderwagen schiebend wieder sah. Ein Kind lag drin, eines saß obendrauf und eines ging nebenher. Das Ganze, einschließlich Einkauf, musste von meiner Mutter täglich über drei Treppen nach oben geschleppt werden. Mein Vater verdiente die Kohle, und im Winter schleppte er die auch noch hoch, wenn er abends nach Hause kam.

Sechs Jahre später, als sich die Lage für meine Mutter etwas entspannt hatte, bekamen wir noch ein kleines Püppchen mit goldenen Locken hinzu, die Klügste von uns allen. Ab dann war unser VW-Bus endgültig voll, wenn wir unterwegs waren, zum Beispiel zum Camping-Urlaub an der Ostsee.

Ich weiß nicht wie meine Eltern das alles geschafft haben. Viel Zeit zum Nachdenken hatten sie nicht. Aber eins steht fest, sie haben ihr Bestes gegeben.

Vom Gerstenkorn zum Plätt-Problem

Mein Gerstenkorn will sich einfach nicht so recht verabschieden. Das nennt man Anhänglichkeit. Da wurde mein Lippenherpes regelrecht eifersüchtig und meinte, er müsse sich auch mal wieder blicken lassen. Vielleicht hatte ich einfach zu viele andere Dinge um die Ohren, außer dem täglichen Wahnsinn einer Betreuerin.

Zu allem Überfluss meinte meine Mutter, sie müsse sich mal wieder auf ihren Frust über ihren finanziellen Kontrollverlust konzentrieren und fuhr telefonisch alles auf, was das Thema hergab, einschließlich der Androhung, zu ihrer Rechtsanwältin zu gehen. Der Anrufbeantworter glühte förmlich.

Aber sie beschäftigte mich zwischendurch auch noch anderweitig, in dem sie behauptete, dass ihr etwas nicht gehören würde. Diesmal war es das Bügeleisen einschließlich Bügelbrett, das ganz brav an der dafür vorgesehenen Stelle stand. Jemand hätte beides umgetauscht, behauptete sie. Im Vergleich zum üblichen Geld-Thema, empfand ich diese fixe Idee als reinste Entspannung und ich ließ mich auf ein Gespräch mit ihr ein. Nein, sie wolle nicht bügeln, sagte sie barsch, aber es gehe ums Prinzip. Sie wolle wissen, wer ihre Sachen gegen andere ausgetauscht hätte. Ich beruhigte sie, dass niemand an ihren alten „Plätt-Sachen“ interessiert wäre und dafür auch noch neue hinstellen würde.

Solche und ähnliche Diskussionen führe ich des Öfteren mit ihr. Neulich behauptete sie sogar, dass ihr jemand Tischdecken und Kristallvasen untergejubelt hätte, also Dinge, die ihr nicht gehören würden. Ich konterte, dass das für sie als Kristallvasen-Freak ja märchenhaft fantastische Zustände wären. Das überzeugte sie und sie freute sich für einen kurzen Moment über ihre schönen neuen Vasen.

Zum Glück übernimmt mein Anrufbeantworter in der Regel die meisten Beschwerdeanrufe dieser Art. Er ist es auch, der sich täglich den neuesten Stand der Such- und Auffindungsaktion der Krankenversicherungs-Karte per Dauerschleife „reinziehen“ muss. Neulich streckte er dann mal wieder die Flügel und verweigerte jede weitere „Nahrungs“-Aufnahme.

Ich atme dann immer durch, lösche die Anrufe und sage mir, dass ich alles im Griff habe, einschließlich der gültigen Version der Versicherungskarte meiner Mutter.

Kleine Nager auf Sacksuche

Mein Mann kam gestern in die Küche und sagte, er hätte Löcher im Sack, daran sei eine Maus schuld.

Autsch, dachte ich, das klingt nicht gut. Dann zeigte er mir den kaputten Beutel, der tatsächlich von einer Maus in der Garage angefressen worden war. Nun braucht der Laubsauger einen neuen Sack. Für dieses Gerät mit Stromkabel gibt es jedoch keinen Ersatzsack zu kaufen. Und was nun?

Mein Mann wollte ohnehin in Zukunft lieber unabhängig von einem Kabel arbeiten, allerdings auch
ohne einen lauten und stinkenden Benzinmotor. Deshalb war schnell klar, für einen Neukauf kommt nur ein akkubetriebenes Gerät infrage, allerdings auch nur eins, bei dem mein Mann nicht wieder „an“gebunden ist. Außerdem soll nicht nur geblasen, sondern bei Bedarf auch gesaugt werden können. Luxus pur.

Also hielt er im Internet Ausschau und stellte fest, wenn er etwas nimmt, das leistungsstark ist und dabei nicht nur bläst, sondern auch saugt, geht das nicht ohne Anschluss. Ich meine Stromanschluss und Kabel. Alle akkubetriebenen Modelle mit den gewünschten Funktionen hatten schlechte Bewertungen und waren deshalb raus aus der „Verlosung“.

Das Ende vom Bläserlied: Mein Mann muss wohl oder übel warten, bis es ein Modell gibt, das bläst und saugt und das was taugt und bei dem er obendrein noch un“an“gebunden ist – also ein Gerät, das keine Steckdosen braucht, während er damit vorne und hinten beschäftigt ist. Ich meine im Garten!

Naja, solange muss er eben mit zusammengeflicktem Sack weitermachen. Zum Glück kann ich gut nähen. Jetzt brauchen wir nur noch eine Lösung für die Maus.

Zu hohe Abgaswerte bei Teezeremonie

Ein Kurztrip nach Ostfriesland sollte es werden. Wir wollten mit den Rädern am Wasser entlang fahren, typische ostfriesische Häuser sehen und die echt ostfriesische Tee-Zeremonie erleben. Das war der Plan.

Zuerst haben wir es in Leer und dann in Emden versucht, also dort, wo das alles möglich sein sollte.

In Leer konnten wir tatsächlich am Wasser fahren, aber hauptsächlich hinter dem Deich durch Schafsch… in verschiedenen Konsistenzen. Wir mussten ständig unsere Fahrräder durch schwergängige Gatter bugsieren – ein mühsames Geschäft.

Schöne friesische Häuser gab es auch, aber nur in der lauten Einkaufszone, die von vielen Menschen, bunt gemischt, bevölkert war. Sie saßen hauptsächlich in Cafés mit Bäckerei-Hintergrund. Womit wir beim Thema wären: keine Teestuben in Sicht. Hier wurde es wieder einmal bestätigt: Fußgängerzonen sehen im Grunde überall gleich aus, wären da nicht die wenigen historischen Gebäude, durch die sie sich unterschieden.

Am Hafen gab es eine Brücke, die nur einspurig befahrbar war. Deshalb stauten auf beiden Seiten Autos zu langen Schlangen. Sie bewegten sich nur dann, wenn sie die Brücke überqueren durften. Klappte die Brücke hoch, um ein Schiff durchzulassen, stand alles, Fußgänger, Fahrradfahrer, Autos, Laster und besonders die Luft. Sauerstoff Fehlanzeige, besonders bei der Hitze.

Und genau an diesem neuralgischen Punkt entdeckten wir eine ostfriesische Teestube mit ein paar Tischen vor der Tür. Ich sah die typischen Teekännchen mit der Friesenrose und mein Herz hätte eigentlich höher schlagen müssen, aber mir wurde sofort klar, dass sich die fast schon sichtbaren Abgaswerte und besonders der Geräuschpegel schlecht in Einklang mit einer gemütlichen Tee-Zeremonie bringen ließen – jedenfalls im Außenbereich.

Und vom Rauchen würde ich dort jedem abraten, auch wenn die Tische mit Aschenbechern bestückt waren. Wie viele Gäste hier wohl schon tot umgefallen sind. An solchen Stellen sollte das Aufstellen von Beatmungsgeräten und Defibrillatoren zum Pflichtprogramm gehören.

Dies war jedenfalls eindeutig nicht der Ort zum gemütlichen Genießen. Deshalb arbeiteten wir uns weiter durch die Menge und fuhren zum nahe gelegenen Schloss, das bezaubernd schön war. Nachdem wir es uns angesehen hatten, fuhren wir durch den wunderschönen Schlosspark zu einem großen Nebengebäude mit einem Café. Von dort aus konnten wir das Schloss nicht mehr sehen, aber ganz allein unter Bäumen im Halbschatten und an frischer Luft Flammkuchen essen und große alkoholfreie Hefeweizen trinken. Das war herrlich.

Nicht so herrlich war das Gäste-Toiletten-Verhältnis. Ein einziges WC war mit dem Ansturm einer Seniorengruppe, die sich zuvor im Schloss aufgehalten hatten vollkommen überlastet, zumal die Damen offenbar viel Bier getrunken hatten. Entsprechend lang war die Schlange vor der Toilette. Die WC-Abgaswerte waren hier aber nicht im lebensbedrohlichen Bereich, so wie die Autoabgase bei der einspurigen Brücke.

Anschließend fuhren wir mit dem Auto und den Rädern hinten drauf weiter nach Emden. Bei der Tourist-Information sagte man uns, es gäbe keine ostfriesische Teestube. Aber das konnte ich mir einfach nicht vorstellen und ich fragte zwei Damen, die sich gerade unterhielten, ob sie uns nicht helfen könnten. Die eine von beiden führte uns dann direkt zum modernen Henry Nannen Museum mit Kunsthalle und Café. Es war zwar keine Teestube, wie man sie sich sonst vorstellt, aber das Ambiente gefiel uns gut. So genossen wir auf einer modernen Terrasse an einem Wasserlauf sitzend unsere Teezeremonie. Es gab echten Ostfriesentee aus Kännchen (allerdings ohne Friesenrosen-Dekor), die auf Stövchen standen, dazu Kluntjes und Sahne mit Schöpflöffelchen, herrlich.

Es war angenehm ruhig, geradezu idyllisch, bis wir plötzlich von Weitem sehr laute Musik näherkommen hörten. Zwei junge rauchende Männer fuhren mit Ghettoblaster bewaffnet auf ihrem Motorboot langsam an uns vorbei. Die Bässe brachten das Teekännchen auf dem Stövchen zum Vibrieren. Ich hätte den Typen am liebsten den Aschenbecher, der auf unserem Tisch stand, an Deck geworfen. Aber ich war damit beschäftigt, mir die Ohren zuzuhalten.

Später fuhren wir über die Autobahn durch die Rauchwolke, die das brennende Moor im Moment hinterlässt, nach Hause. Der Traum von einer romantischen Radtour in Ostfriesland war ausgeträumt. Dafür sind wir am nächsten Tag mit unseren Drahteseln nach Dammsiel gefahren – immer am Wasser entlang. Dort angekommen, gab es ein herzhaftes Bauernfrühstück. Auf dem Rückweg kauften wir Sahne für eine ostfriesische Teezeremonie im eigenen Garten – natürlich mit Friesenrosen-Dekor.

Unterm Strich muss ich sagen, der zweite Tag war besser, auch wenn ich die Ökobilanz betrachte. Wir konnten die gesamte Strecke mit den Rädern fahren. Es war alles in der Nähe, sogar ein Schloss. Wie heißt es so schön: Our home is our castle!

Sexuelle Revolution an der Feinkostecke

Als ich mittags mit Besorgungen für meine Mutter aus der Stadt zurückkam, ging ich gleich zum türkischen Feinkost-Laden, um das Essen für meine Mutter und mich abzuholen, dass ihr sonst gebracht wird.

Heute gab es unser Lieblingsgericht: gefüllte Auberginen mit Mett, Paprika, hausgemachtem Tomatenpüree und Reis in besonderer Geschmacksnote und Konsistenz. Der natürliche Geschmack der einzelnen Zutaten wurde sehr fein abgeschmeckt. Meine Mutter lobte das Gericht während wir aßen ununterbrochen und blieb auch später dieser Meinung. Gäbe es einen Michelin-Stern für mediterrane Mittagstisch-Gerichte, wären speziell diese gefüllten Auberginen die heißesten Anwärter.

Der Eckladen bietet täglich zwei köstliche Gerichte, die man aber auch direkt dort verzehren kann. Das Feinkostgeschäft ist also gleichzeitig ein kleines Restaurant. Im Innenbereich können die Gäste gemütlich in einem Wintergarten-Vorbau sitzen. Vor der Tür sind auf beiden Seiten der Hausecke ein paar Tische und Stühle aufgebaut, die bei schönem Wetter immer gerne genutzt werden.

Bevor ich den Laden betrat, sah ich draußen zwei Best Ager mit kurzen silbergrauen Haaren nebeneinander am Tisch im Sonnenschein sitzen. Die beiden Frauen strahlten, während die Sonnenstrahlen ihre Herzen erwärmten. Ein idyllisches Bild. Ihre beiden Cappuccino Tassen als Stillleben davor.

Die eine Frau hatte ihren Kopf an die Schulter der anderen geschmiegt. Es wirkte herzerwärmend. Das nennt man wahre Zuneigung, dachte ich gleich, während ich an der Verkaufstheke stand und auf das Essen wartete.

Als ich den Laden wieder verlassen wollte, küssten sich die beiden Frauen leidenschaftlich eng umschlungen und lang anhaltend. Offensichtlich kamen sie kaum zum Kaffeetrinken, so vertieft, wie sie waren. Es lief also alles auf kalten Kaffee und heiße Liebe hinaus.

Ups, dachte ich, das ist mal eine extraordinäre Kiste – echt außergewöhnlich. Der Ladenbesitzer, der gerade wieder an einem anderen Tisch bedient hatte, muss ähnliche Gedanken gehabt haben. Er wirkte plötzlich ganz blass; der Kulturschock war ihm anzusehen. Musste die sexuelle Revolution der lesbischen Best Ager ausgerechnet mittags vor seinem Laden beginnen? Ihm fehlten die Worte.

Entgleisungen unter Wäscheleinen

Die Eisenbahnanlage auf unserem Dachboden spricht Bände. Es fing alles mit einem Weihnachtsgeschenk für meinen ältesten Bruder an, der damals noch nicht einmal ZWEI Jahre war! Damit gespielt hat mein Vater – also mit der elektrischen Eisenbahn, nicht mit meinem Bruder.

Vorher konnte man noch gut auf unserem Dachboden Wäsche aufhängen. Das beschränkte sich schleichend auf nur noch zwei Leinen über dem schmalen Gang vor der Eisenbahn-Anlage, die ständig wuchs und weiterentwickelt wurde. Überall Gleisanlagen, beschrankte Bahnübergänge, Bäume, eine komplette Kleinstadt, natürlich mit Bahnhof, Laternen, Straßen, beleuchteten Häusern, einer Tankstelle und einem angrenzenden Güterbahnhof.

Das Ganze zeigte sich vor einem riesigen Gebirge aus Pappmaschee mit mehreren Tunneldurchfahrten. Personenzüge hatten Innenbeleuchtung; Güterzüge mit rauchenden Schornsteinen konnten von einer Anlage mit Schüttgut, wie winzigen Kohlen, auf Knopfdruck befüllt werden. Mein Vater hatte ein Schaltpult mit Knöpfen und Kippschaltern, von wo aus er alle Weichen stellen und auch alles andere steuern konnte.

Wenn er alle Züge gleichzeitig fahren ließ, gab es schon mal die eine oder andere Entgleisung. Aber das war kein Problem für ihn. Er hatte sich eine flache Rollliege gebaut, mit deren Hilfe er, auf dem Rücken liegend, unter der Anlage hindurchfahren, in der dafür eingerichteten mittigen Öffnung auftauchen und die Züge wieder aufstellen konnte. Das Teil war sehr praktisch, auch beim Strippen Ziehen und Löten unterhalb der Anlage.

Wir Kinder nutzten die Rollliege gerne, um bis zu der Öffnung zu fahren und dort mitten in der Kleinstadt aufzutauchen und stehend zu beobachten, wie die Züge überall um uns herumfuhren. Und wenn wir Lust hatten, spielten wir dort mit den kleinen Modell-Autos.

Die Krönung war, wenn mein Vater abends oder wenn Gäste da waren, bei voller Nachtbeleuchtung der Anlage, alle Züge fahren ließ. Dann konnten wir sie in der Dunkelheit von der Mitte aus beobachten – ich meine die Züge, nicht die Gäste – während tausend kleine Lichter funkelten. Die Geräusche und das Tuten der Züge habe ich heute noch im Ohr. Es war überwältigend.

Aber der Dachboden hatte auch noch andere Reize. Manchmal fuhren wir komplett unter der Anlage durch und tauchten erst hinter dem Gebirge wieder auf. Dort stand ein großer Überseekoffer mit alten Klamotten, mit denen wir uns verkleiden durften. Das Gebirge war unsere Umkleidekabine, Höhle und Versteck zugleich. Die Stauballergie war zu dem Zeitpunkt noch nicht erfunden.

Dass meine Mutter kaum noch Wäsche aufhängen konnte, störte sie weniger als die Tatsache, dass mein Vater eines Tages meinte, dringend aufrüsten zu müssen. Militärfahrzeuge wie Panzer wurden angeschafft und bemalt. Kein Mensch verstand ihn, aber wie heißt es so schön: Manchmal muss ein Mann eben haben, was ein Mann eben haben muss.

Meine Mutter war not amused. Es kam zu bilateralen Gesprächen und harten Verhandlungen mit ausbleibender gemeinsamer Lösung. Die diplomatischen Beziehungen zwischen meinen Eltern wurden kurzzeitig abgebrochen.

Das nennt man Ehekrach.

Aber die Panzer waren bereits angeschafft und zierten wenig später die Anlage. Angesichts der angespannten Lage konzentrierte sich meine Mutter beim Wäscheaufhängen nur noch auf die gespannten Wäscheleinen.

Das nennt man Toleranz, was nichts anderes bedeutet als Duldung.

Was sagte meine Mutter vor Kurzem so treffend – in solchen Momenten zeigt die Demenz ihre angenehm komische Seite: „Was ist noch Scheidung? Ach ja, das ist, wenn einer der Teilnehmer nicht mehr mitmacht.“

Meine Mutter hatte bis zum Tode meines Vaters mitgemacht. Was zählen schon ein paar winzige Modell-Panzer gegen die Liebe.

Vom „Nieten-Puper“ zum Uhrenflüsterer

Mein Vater war technisch sehr begabt und tüftelte gern. Er wollte Ingenieur werden. Nach der Schule brauchte er sich aber keine Gedanken über seine Ausbildung zu machen; das übernahm die Wehrmacht. Danach ging es bald ab in den Krieg, als Funker, nacheinander an zwei verschiedenen Fronten. Beim ersten Mal hatte er Glück im Unglück, dass der Impfstoff, mit dem er geimpft wurde, verdorben war, und er deshalb, schwer krank mit Blutvergiftung und offener Wunde, kurz vor der feindlichen Übernahme, in einem Güterwaggon aus Russland zurücktransportiert wurde. Das Schild an seinem Lazarett-Bett mit der Aufschrift „nicht transportfähig“ hatte er mit letzter Kraft verschwinden lassen.

Irgendwann fand er sich in weißen Laken wieder. Das Gefühl hat er nie vergessen.

Nachdem er wieder gesund war, wurde er sofort wieder an die nächste Front geschickt und wurde von den Amerikanern „einkassiert“. Als er aus kurzer Gefangenschaft zurückkam, wurde er für das Nieten-Pupen eingeteilt – dabei musste er Nieten aus zertrümmerten Eisenbrückenteilen herausschlagen. Sein alter Freund Peter erlöste ihn bald von dieser eintönigen Arbeit, indem er ihn für bessere Aufgaben zu Siemens holte.

Mein Vater war kein Uhrmacher, aber er interessierte sich für Uhren. Eine riesige Uhr, die nicht lief, reparierte er nebenbei. Er hängte sie sich neben seinen Arbeitsplatz und beobachtete sie immer wieder, nachdem er daran herumgetüftelt hatte. Auf die Weise brachte er sich das Uhrmacher-Handwerk selbst bei und die Uhr wieder zum Laufen. Man stellte allgemein fest: Bei ihm tickte es ganz sauber.

Von dem Zeitpunkt an, war er der inoffizielle Uhren-Flüsterer von Siemens und wurde oft zu großen Uhren gerufen, die ihrer Zeit voraus waren oder gar nicht mehr liefen.

Später stattete mein Vater sein Elternhaus mit Uhren aus. Bis heute hängen in jeder Etage im Treppenhaus und in den Küchen und Bädern große Uhren, die von einer Zentraluhr im Keller gesteuert werden.

Beruflich hatte er mit Telefonanlagen zu tun. Deshalb stattete er unser Haus auch gleich großzügig mit diesem Fortschritt aus. In jedem Zimmer stand ein Haustelefon, mit dem wir interne Anrufe tätigen konnten. Ich hatte zwar nie ein eigenes Zimmer, aber solange ich denken kann, ein eigenes Telefon am Bett – genauso wie meine kleine Schwester, mit der ich mir das Zimmer teilen musste.

Unsere Mutter weckte ihre vier Kinder morgens telefonisch vom Küchenanschluss aus. Auch zum Essen musste man nicht auf Gong-Schlag erscheinen, sondern auf telefonische Einladung. Und eine Klingel-Gegensprechanlage mit automatischem Türöffner an der Haustür hatten wir schon, als andere von dem Begriff noch nie gehört hatten.

Auch hing schon damals in jedem Raum ein Lautsprecher an der Wand. Die wurden alle zentral von einem Radio gespeist. Ich hatte also keinen Einfluss auf die Wahl des Senders. Aber wozu auch? Vermutlich hätten die anderen Sender auch nur ein Programm zum Abschalten gebracht. Es kam mir so vor, als ob die wenigen Sender, die es damals gab, alles und jeden bedienten; sie sendeten Landfunk, Börsenberichte, Durchsagen für Hafenarbeiter, Schulfunk, Kochrezepte, Gottesdienste, Fußballkommentare, Hörspiele, Instrumentalmusik, Klassik und Wunschkonzerte in bunter Reihenfolge – also praktisch all das, was Kindern am Ohr vorbeigeht. Selten gab es sogenannte Unterhaltungsmusik wie Schlager. An bestimmten Feiertagen hätte man allein vom Radiohören Depressionen bekommen können.

Es bestand damals also nicht die Chance, dass man mit seiner Lieblingsmusik verwöhnt wurde, wenn man überhaupt welche hatte. Aber ich muss zugeben, andere Kinder in meinem Alter hatten noch nicht einmal einen eigenen Lautsprecher, geschweige denn ein Radio. Die konnten nicht mitreden, ich konnte immerhin ausschalten.

Und dann gab es da noch die Kontrollleuchte über der Badezimmertür. Wenn das kleine rote Licht brannte, mussten wir nicht erst die Türklinke drücken, um herauszufinden, dass sich bereits jemand im Bad aufhielt. Wir sahen schon von Weitem, dass wir noch warten mussten. Man kann sagen, technischer Fortschritt war unser zweiter Nachname. In dieser Hinsicht waren wir unserer Zeit weit voraus, aber in Sachen fortschrittliche Erziehung hinkten meine Eltern eher etwas hinterher. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zwei Fliegen und ein Klo! Wer bekommt den Zuschlag?

Derzeit hängt eine wichtige Sanitärfrage im Raum bei uns – nicht im Bad, sondern so allgemein. Sollen wir oder sollen wir nicht. Ich sage nur: spülrandlos.

Natürlich besitzen wir eine funktionierende Toilette, aber die hatte schon vor Jahren Jubiläum und lässt sich nicht so einfach reinigen wie die neuen Modelle ohne Spülrand. Unser Kalk-Problem möchte ich in Zukunft nicht mehr von WC-Enten lösen lassen, wenn es doch auch umweltfreundlich geht. Ein Klempner, der das Klo günstig austauschen wollte, schickte uns gestern telefonisch schon mal zu einer Sanitär-Ausstellung. Wir verbanden die Tour mit einem kleinen Abstecher in ein Heide-Gebiet, das zum Spazieren gehen einlädt. Bei strahlendem Wetten konnten wir also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, auch wenn sich der eigentliche Grund unseres Ausflugs immer wieder in den Mittelpunkt schob. Sonst wären wir in unserer ausgelassenen Unterhaltung wohl kaum von Sonnenbrillen auf Klobrillen gekommen.

Es ist gerade Heideblütezeit, aber man sah nur stellenweise lila-blühende Flächen. Die Heide war leider größtenteils vertrocknet. Trotzdem ist die Landschaft wunderschön und idyllisch, mit einem winzigen glitzernden See, Kiefern, Ginster und weißen Birken. Ein Busch hatte sich schon knallrot verfärbt. Ich wäre gerne geblieben, aber wir mussten dringend ein Klo auf- und anschließend aussuchen.

Okay, das war dann erledigt. Wir haben uns für das neuste spülrandlose Modell entschieden.

Heute Nachmittag war dann der Klempner hier, um sich schon mal umzuschauen. Morgens hatte er sich seine Hand verletzt. Ein Arbeitsunfall, wie sich herausstellte. Er meinte fröhlich, dass er richtig Glück gehabt hätte, weil es im Großen Krankenhaus passiert sei. In nur zwei Minuten wäre er in der Notaufnahme gewesen.

Zum Glück wäre es seine linke Hand, meinte er erleichtert. Hoffentlich hat er nicht zwei linke Hände, dachte ich. Er war uns jedoch empfohlen worden und machte auch einen guten Eindruck: Frisch angezogen und frisch verbunden, eingehüllt in eine Wolke Discounter-Duft. Wo das hart verdiente Geld blieb, konnte man in seiner Hosentasche sehen. Da schauten keine billigen oder etwa selbst gedrehte Zigaretten heraus.

Er hätte schon mal so einen ähnlichen Unfall gehabt, erzählte er. Der Fingernagel wäre diesmal zwar ganz ab gewesen, aber vielleicht würde er ja wieder anwachsen. Ansonsten könne er lange was davon haben. Sie hätten ihn erst einmal wieder draufgelegt. Damit der Bluterguss besser ablaufen könne, müssten sie morgen vielleicht noch ein Loch hineinbohren – in den Nagel, nicht in den Finger. Ich bekam zuerst den Mund nicht mehr zu und dann weiche Knie. Er war bester Dinge.

Er könne es kaum erwarten bei uns anzufangen, sobald sein Heilungsprozess abgeschlossen sei und er die anderen Kunden, die noch vor uns „dran“ wären, abgearbeitet hätte. Er rechnete kurz. Dann sagte er gut gelaunt: „So in ein, zwei Monaten etwa oder unter der Hand in ein, zwei Wochen.“ Unter welcher Hand, dachte ich und sah mich schon mit ihm in der Notaufnahme. Beim Rausgehen sagten wir ihm, wir würden noch mal drüber schlafen – so ein, zwei Jahre.

Hätten wir doch gleich unseren Haus- und Hofklempner gefragt. Bei dem bekommen wir zwar auch nicht sofort einen Termin, aber wir haben ja Zeit. So hat auch alles seine Richtigkeit mit den Steuern und wir können sicher sein, dass alle Gliedmaßen des Handwerkers versichert sind. Man sollte nicht am falschen Ende sparen – bei der Keramik-Qualität tun wir das ja auch nicht – besonders bei solch einem wichtigen Teil.

Wir wissen nicht, wie lange wir noch leben? Aber eines steht fest, besonders in puncto Klo: Wer lange lebt, macht viel durch!

Zwetschgen mit Kirschlutscher-Aroma

Meine Mutter liebt Zwetschgen. Als sie noch ihren Schrebergarten hatte, verarbeitete sie die Früchte von drei Bäumen. Entsprechend viel Marmelade und Saft stand allen Familienmitgliedern zur Verfügung. Natürlich gab sie auch jedes Jahr mehrere Zwetschgenkuchen nach dem „Reinheitsgebot“: Hefeteig unter süßen Zwetschgen dicht an dicht.

Inzwischen kann sie nicht mehr backen und hat dazu auch keine Lust mehr. Aber so ein frischer Kuchen mit Zwetschgen steht nach wie vor hoch im Kurs. Deshalb überrasche ich sie bei meinen Besuchen gerne mit Zwetschgenkuchen, solange es die Früchte gibt. Während wir Kaffee tranken und im Fernsehen die Trödel-Show lief, wollten wir die beiden Stücke genießen, aber es wollte nicht so recht. Die aktuelle Variante war seeehr süß: Pudding unter Zwetschgen auf Keks-Boden mit Tortenguss-Topping in der Sorte Kirschlolly. Aber ich dachte, immer noch besser als die Variante von letzter Woche: saure Pflaumen auf bitterem Boden für Mülleimer.

Nach solchen Enttäuschungen frage ich mich jedes Mal, warum ich überhaupt noch Kuchen kaufe? Aber immer, wenn ich kurz davor bin, die Illusion völlig zu verlieren, gerate ich per Zufall an ein Genuss-Stück!

Aber freuen kann ich mich dann trotzdem nicht, denn meine Mutter isst es nur zur Hälfte auf, um den Rest aufzubewahren und im Kühlschrank alt werden zu lassen. Ihre falsche Bescheidenheit sorgt als letzte Instanz dafür, dass es dann doch kein gelungener Moment wird.

Und wenn ich beim nächsten Mal genau den gleichen Kuchen mitbringe, kann es mir passieren, dass sie ihn dieses Mal GAR NICHT mag und  ebenfalls angegessen in den Kühlschrank stellt. Die Lagerbereinigung bleibt natürlich an mir hängen. Dann heißt es Endstation Mülleimer.

Meine Gesamtsituation, nicht nur Kuchen betreffend, könnte man folgendermaßen auf den Punkt bringen:
Verzweifelte Einkäuferin in verwirrender Marktlage mit erheblichen Qualitätsunterschieden trifft auf schwierige Verbraucherin mit häufig wiederkehrender Konsumverweigerung.

Waschmonopol mit Klumpgarantie

Meine Mutter hat mit ihren 87 Jahren immer noch das Waschmonopol im Haus. Sie mag es nicht, wenn jemand für sie wäscht, egal ob ich mich anbiete oder ihre Reinigungskraft. Die Sorge, dass wir zu viel Waschpulver nehmen, ist einfach zu groß.

Dabei kann man nun wirklich nicht behaupten, das es ihr an Waschmittel mangelt, sie hortet es geradezu, damit sie in schlechten Zeiten wenigstens waschen kann. In ihrem Keller stehen eine Menge überdimensional großer Jumbo-Pakete mit herkömmlichem Pulver – die fließ-fähig grobkörnige, nicht klumpende Waschmittelvariante war wohl nie im Sonderangebot. Nach meinen Berechnungen werden mit diesem Vorrat noch Generationen waschen können. Dem jetzt schon steinhart gewordenen Inhalt der Packungen können sie eines Tages allerdings nur noch mit Hammer und Meißel beikommen. Berücksichtigen sollten sie dann allerdings, dass sich ein, auf diese Weise gewonnener Waschmittelstein, höchstwahrscheinlich nicht bereits im ersten Waschgang auflösen wird. So etwas nennt man verzögerte Freisetzung – spülen zwecklos!

Viel Spaß beim Waschen!