„Maßlose“ Selbstheilungskräfte

Vor längerer Zeit hatte mein Mann Kniebeschwerden. Nach der verordneten Physiotherapie bildete sich (wie wir heute durch googeln wissen) eine sogenannte Bakerzyste unterhalb des Knies. Diese platzte und verursachte einen Bluterguss mit einer Schwellung im Unterschenkel. So etwas kommt so selten vor, dass unser offensichtlich nicht googelnder Hausarzt keine Diagnose stellen konnte und meinen Mann sicherheitshalber ins Krankenhaus überwies.

Das Krankenhaus ist ein katholischer Stift. Das merkt man daran, dass sie im Eingangsbereich eine sehr alte, etwas tüdelige Nonne herumlaufen lassen. Das hat irgendwie eine beruhigende Wirkung und lenkt etwas von den böse dreinschauenden und heutzutage so notwendigen Security-Männern ab. Wir saßen eine Ewigkeit in der Aufnahme und anschließend eine weitere Ewigkeit in einem Untersuchungsraum, der uns allein überlassen war. Wir hätten alles Mögliche darin anstellen können, mit dem ganzen Equipment.

Endlich erschienen zwei sehr nette und vor allem sehr, sehr junge Weißkittel-Träger, um sich das Bein anzusehen. Sie konnten ebenfalls keine Diagnose stellen, wollten aber für ihre Dokumentation nachmessen, wie viele Zentimeter das eine Bein dicker war als das andere. Es folgte die Aktion: Maßband verzweifelt gesucht! Strahlend flötete die junge Ärztin, sie müsse sich erst mal zurechtfinden, aber sonst würde es ihr hier sehr gut gefallen. Sie hätte hier gerade angefangen. Ihr Kollege, der ein klitzekleines bisschen älter war als sie, schien auch nicht mehr Betriebserfahrung zu haben und meinte, dies sei das Lehrkrankenhaus ihrer Universitätsklinik.

Sicherheitshalber wurde mein Mann als Patient aufgenommen und in die anthroposophische Station gelegt. Oder soll ich sagen abgelegt? Naturheilkunde, Alternativmedizin und Homöopathie würde einen dort erwarten verhießen die Ausstellungs-Gegenstände und Erläuterungen in einem Schaukasten, der neben der Stationstür stand.

In dem zugewiesenen Patientenzimmer lag bereits ein wortkarger Mann, der schlecht drauf war. Nach einem Alkohol-Unfall – was man auch immer darunter verstehen soll – hatten sie ihn am Bein operieren müssen und anschließend nur deshalb hier untergebracht, weil in der orthopädischen Station kein Bett mehr frei war.

Mein Mann fing sofort mit der ihm verordneten Therapie an: Das Bein 24 Stunden täglich hochlegen! Die Schwestern sollten dann regelmäßig nachmessen, ob sich etwas tat. Es tat sich tatsächlich etwas. Das Bein schwoll im Lauf der Tage ab, sogar ganz ohne dass jemals nachgemessen und dokumentiert wurde, denn in der Station gab es ebenfalls kein Maßband. Ich war drauf und dran eines von zu Hause mitzubringen, damit die Schwestern Messwerte für ihre Dokumentation vorzuweisen hätten. Aber in der anthroposophischen Medizin interessiert das anscheinend niemanden wirklich. Der Grundgedanke ist schließlich, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden sollen. Wenn sie ganz von alleine aktiv werden, ist das natürlich noch besser – und genau das taten sie bei meinem Mann.

Der Krankenhausaufenthalt hatte nichts dazu beigetragen, zum Glück aber auch nicht geschadet. Mein Mann hätte sich immerhin Durchfall holen können, sogar ohne Norovirus. Denn auf seinem Nachtschrank lagen, statt der erwarteten homöopathischen Globuli, täglich zwei Medikamente, die er einnehmen sollte: Ein Mittel, dass die Magensäure unterdrückt und ein drastisches Abführmittel in Pulverform, dass auch vor Darmspiegelungen gegeben wird. Was soll ich sagen? Mein Mann konnte sich massive Magen-Darm-Beschwerden, sprich Appetitlosigkeit mit einhergehenden Bauchschmerzen und explosionsartigem Dünnpfiff im Abgang, ersparen, weil er mich angerufen hatte, bevor er die Sachen nehmen wollte. Man könnte auch sagen: „Schwein gehabt, ohne Gülle auf den Laken.“

Wie soll ein Patient bitteschön sein Bein 24 Stunden hochlegen können, wenn er dauernd zur Toilette rennen muss? Und wie hätten sich die Selbstheilungskräfte auf ein Knie konzentrieren sollen bei gleichzeitigen akuten Bauchschmerzen und ruinierter Darmflora?

Ich frage mich schon lange, warum jemand etwas gegen die so wichtige Magensäure im Magen unternehmen soll, obwohl er diesbezüglich völlig beschwerdefrei ist? Und warum jemandem ein Abführmittel gegeben wird, dessen Darm grundsätzlich eher zurückgepfiffen werden müsste? Werden solche Mittel nur verteilt, damit das Krankenhaus eine Medikation vorweisen kann und die Pharmaindustrie dadurch verdient? Gemäß dem Motto: Sodbrennen und Verstopfung gehen doch IMMER!

Und ich hätte auch gerne mal gewusst, was solche Medikamente in einer Naturheil-Station verloren haben? Abgesehen davon hätte man meinen Mann in jedem Fall vorher fragen müssen, ob er unter Sodbrennen und Verstopfung leidet!

Als ich auf den Korridor ging, um jemandem diese Fragen zu stellen, sah ich eine winzige, indische Nonne freundlich aber unsicher lächelnd einen riesigen Servierwagen vor sich herschieben. Sie war schätzungsweise ein Meter vierzig groß. Ihre Füße waren halb so lang wie die Schuhe, in denen sie langsam dahin schlurfte. Von hinten sah sie aus wie ein kleines Mädchen, das in die Kleider und Schuhe ihrer Mutter geschlüpft war.

Als ich eine andere Schwester, die hinter einer Glasscheibe saß, ansprechen wollte, wehrte die sofort ab. Sie hätten im Moment sehr viel zu tun und überhaupt keine Zeit. Aha, dachte ich, in diese gottverlassene Station werden Schwestern mit Überlastungs-Symptomatik und Burn-out-Syndrom versetzt. Aber unter einer ganzheitlichen Medizin in vertrauensvoller Wohlfühl-Atmosphäre verstehe ich etwas anderes. Und ganz offensichtlich konnten die Verantwortlichen die Nerven der Schwestern auch noch nicht homöopathisch in den Griff bekommen.

Nachdem mein Mann nun ein paar Tage lang fleißig damit beschäftigt war sein Bein hochzulegen und sich gleichzeitig aktiv gegen die beiden Medikamente zu wehren, wurde er als geheilt entlassen, ganz ohne dass an ihm irgendwie herumgedoktert worden wäre. Das musste ein niedergelassener Orthopäde nachholen, indem er das Knie in seiner Praxis punktierte. Seitdem hat sich das Gelenk nicht mehr gerührt. Keine Angst, nicht in Bezug auf Gehen oder Fahrradfahren, sondern in Bezug auf Beschwerden. Also Ende gut alles gut.

Hätten die mir von der Krankenkasse einen Fragebogen geschickt, wie man die manchmal bekommt, wenn es irgendwo um die Kundenzufriedenheit geht, hätte ich geschrieben: Außer Spesen nichts gewesen!

Hier noch heißer Tipp für Klinikmanager: Ich empfehle jedem Krankenhaus sich eine anthroposophische Station einzurichten. Das ist ein Selbstläufer, der so ganz nebenbei etwas einbringt.

Superman mit Installationshintergrund

Nachdem nun das Essen vom Feinkostladen an der Ecke täglich „anrollt“ und meine Mutter von dem netten Türken und seinen Kochkünsten offenbar begeistert ist, hege ich nun die berechtigte Hoffnung, dass bei meiner Mutter die nächste Festung fällt, und zwar die Hausmeister-Abwehr-Festung.

Wir hatten vor zwei Jahren für sie und ihr großes Haus einen Hausmeister engagiert. Er sollte auf „Zuruf“ kommen und meine Mutter auf diese Weise entlasten. Aber sie will lieber selbst im Dunkeln Schnee fegen. Ihres Erachtens bräuchte sie keine Hilfe, wo sie doch noch alles alleine könne. Sie benimmt sich wie ein kleines Kind. „Alleine“ war höchstwahrscheinlich ihr erstes Wort, als sie zu sprechen begann. Schade, dass ich meine Oma nicht mehr danach fragen kann.

Dann setzte meine Mutter noch einen drauf und meinte, der Hausmeister könne sowieso nichts. Gut, einen Installations-Hintergrund schien er wirklich nicht zu haben. Denn nachdem er einen Wasserhahn repariert hatte, musste doch noch einmal ein Klempner kommen und sich der Sache als Fachmann annehmen. Aber sonst machte er seine Arbeit gut.

Trotzdem ließ meine Mutter kein gutes Haar an ihm. Sie quakte weiter, dass ihr der Hausmeister nicht gefallen würde und sie ihn nicht ausstehen könne. Außerdem wäre er „lahmarschig“. Letzteres kann ich nicht beurteilen, denn meistens treffe ich ihn nicht persönlich. Bisher sah ich ihm nur einmal bei der Arbeit zu. Da ging er vor mir in die Hocke und ich war urplötzlich mit einem üppigen Maurer-Dekolleté konfrontiert. Diskret sah ich zur Seite und mich deshalb heute noch außer Stande seine Arbeitsgeschwindigkeit zu beurteilen.

Nachdem meine Mutter weiterhin bei jeder Gelegenheit betonte, dass ihr der  Hausmeister nicht gefällt, bot ich ihr an, nach einem „schönen“ Exemplar dieser Gattung Ausschau zu halten. Ich machte ihr aber keine großen Hoffnungen. Denn wenn es tatsächlich einen Hausmeister vom Typ „Superman mit Installationshintergrund“ geben sollte, würde der mit Sicherheit nicht in ihrem außergewöhnlichen Anwesen anfangen wollen. Als ich ihr das schonend beibrachte, sagte mir ihr verstehendes Lächeln:

„Die Hoffnung stirbt zuletzt!“

Wer nicht will, der hat!

In den letzten Jahren lehnte es unsere Mutter immer kategorisch ab, sich Essen auf Rädern „anrollen“ zu lassen. Aber nach ihrer Operation vor zwei Jahren probierten wir diesen Service einfach aus. Wir bestellten ihr für eine Woche fertige Menüs, sodass sie täglich versorgt wurde. Die Bezeichnung „Essen auf Rädern“ wurde von uns aus psychologischen Gründen tunlichst vermieden – von der Firma auch, denn sie warb mit einem „Menü Lieferservice“. Ich weiß nicht, ob die Mahlzeiten so gut geschmeckt hatten, wie sie auf den Fotos aussahen. Unsere Mutter wollte sie jedenfalls nie wieder haben und behauptete selbstbewusst, sie würde sich täglich selbst Essen kochen.

Anderthalb Jahre später nutzten meine Schwester und ich die Gunst der Stunde für einen zweiten Versuch. Wir waren wieder einmal gemeinsam eine ganze Woche durchgehend bei unserer Mutter zu Besuch. Über diese kostbare Zeit mit ihren Töchtern ist sie immer überglücklich. Wir unterhalten uns dann über Gott und die Welt, unternehmen etwas, schauen uns Fotos an … Wenn sie immer und immer wieder die gleichen Fragen stellt,  schalten wir beim Antworten auf „Automatik“. So ist und bleibt es harmonisch. Und wir essen natürlich zusammen.

Das war für uns DIE Gelegenheit ihr zu demonstrieren, wie gut man das Essen vom Lieferservice genießen kann. Um ja keinen Fehler zu machen, probierten wir einen anderen Anbieter. Der Name „Landhausküche“ klang auch sehr viel besser als der erste. Meine Schwester und ich hatten uns nun also freiwillig als Versuchskaninchen für eine einwöchige Testreihe zur Verfügung gestellt.

Gemeinsam mit unserer Mutter aßen wir uns durch die aktuelle Speisekarte, indem wir uns täglich drei verschiedene Gerichte liefern ließen. Was soll ich sagen? Bei jedem Menü standen sich Geschmack und Konsistenz auf der einen Seite und der Anbietername auf der anderen Seite umgekehrt proportional gegenüber. Im Grunde waren die in Plastik verpackten Portionen in den Garwägen „verkocht“ worden. Wir mussten unserer Mutter Recht geben und hörten damit auf, ihr ein warmes „Essen auf Rädern“ zu empfehlen. Immer gemäß ihres eigenen Mottos: Wer nicht will, der hat! 

Aber seit Kurzem spürt unsere Mutter, dass ihre Kräfte schwinden. Ihr ist klar geworden, dass sie gar nichts mehr kocht und sich im weitesten Sinne nur noch von Brot und Joghurt ernährt. Ist die Zeit nun reif für einen Lieferservice? Wir nutzten sofort die Gelegenheit. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Meine ökoangehauchte Schwester, die sich ohnehin immer über zu viel Plastik im Alltag aufregt, hatte sofort eine Idee. „Wir können doch den Mittags-Tisch-Lieferservice vom türkischen Feinkostladen an der Ecke nutzen. Dann kommt das Essen auf einem Porzellanteller und wird nicht drei Stunden durch die Gegend gefahren.“ Als ich unsere Mutter auf diese geniale Lösung vorbereiten wollte, traute ich meinen Ohren nicht: „Nein das will ich nicht!
Ich will Essen auf Rädern!“

 

Rollatorsprint ohne Rentier

Meine Mutter hatte sich wahnsinnig über die Weihnachtskarte meiner Schwester gefreut. Einerseits wohl, weil der alljährliche Jahresrückblick dieses Mal in Reimform verfasst war, andererseits, weil nur positive Erlebnisse zum Zuge kamen. Also fragte sie mich bei meinem letzten Besuch immer und immer wieder, ob sie mir die »Sternstunden des Jahres« mal vorlesen soll. Ich sagte immer und immer wieder ja, denn eine vorlesende Mutter ist eine gute Mutter.

Wenn ich noch Kind wäre, hätte ich jetzt keine Sorge mehr, was ich vor dem Tannenbaum aufsagen soll.

Zwischendurch ging meiner Mutter immer wieder der halb abgeschnittene Finger eines ihrer Enkelkinder durch den Kopf und sie ließ für kurze Zeit das Vorlesen sein. Es war gemütlich, wir tranken Nescafé, während sich die Weihnachtspyramide drehte und die Lieblings-Trödel-Show im Fernsehen lief. Das Radio in der Küche hatte ich mir dann erlaubt auszuschalten. Man muss aufpassen wegen der Reizüberflutung, oder besser gesagt ICH MUSS AUFPASSEN, nicht meine Mutter. Mit anderen Worten, der Nachmittag war gar nicht schlecht. Meine Mutter hatte sich über meinen Besuch und die gemeinsame Zeit gefreut und das tut mir immer gut.

Der Kühlschrank ist nach unserem gemeinsamen Einkauf mit dem Rollator, einschließlich Rollator-Sprint über die Riesenkreuzung, wieder sinnvoll aufgefüllt – zumindest bis zu meinem nächsten Besuch.

Wenn drei Fahrbahnen gleichzeitig während einer Grün-Phase überquert werden müssen, gibt es bei meiner Mutter kein Halten mehr. Mit einer ruckartigen Bewegung puscht sie ihre Gehhilfe plötzlich nach vorn. Es fehlt nur noch, dass sie „Hüh“ ruft. Leider hat der Rollator kein Rentier vorgespannt. Vielleicht sollte meine Mutter nicht so viele Weihnachtsfilme schauen.

Die eingesiegelte Knipp-Scheibe (eine Riesen-Grützwurst, die vor allem in Niedersachsen und Bremen scheibenweise gebraten und verzehrt wird), die vom „ambulanten“ Bauern geliefert wurde und schon lange im Kühlschrank auf ihre Erlösung wartet, wird immer dunkler. Bei meinem nächsten Besuch werde ich sie verschwinden lassen, sofern ich es schaffe. Offiziell geht in dieser Beziehung ja nach wie vor nichts.

Ich weiß nicht, was gefährlicher für meine Mutter ist, eine Lebensmittelvergiftung oder das Überqueren der großen Kreuzung einschließlich Straßenbahnschienen bei ROT.

Vom Pflegedienst ist jetzt ein neuer Duftspender in die Toilette eingesetzt worden, der es echt in sich hat. Die Geruchs-Verbesserer-Entwicklung scheint echte Fortschritte gemacht zu haben. (Kein Wunder, es gibt schließlich immer mehr Menschen, die nicht mehr ganz dicht sind und nur noch wenig bis gar nichts mehr riechen können.)

Die Einmalwaschlappen finden leider nicht die erhoffte Akzeptanz bei meiner Mutter. Sie bevorzugt nach wie vor Stofflappen, leider immer ein- und denselben, wenn man ihn nicht heimlich entsorgt. Aber sonst haben wir alles im Griff auf dem sinkenden Schiff. Ich sage mir: „Keine Panik auf der Titanic.“

Wenn mich jemand fragen würde, ob man als Angehöriger mit diesen ganzen Umständen leben kann, sage ich: „Ja, es ist möglich und ich werde es auch weiterhin tun, denn ich halte es für übertrieben, NUR deshalb mit dem Leben aufzuhören.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Bloglesern frohe Weihnachten.

Schuhkauf mit Röntgenstrahlen?

Bei uns zu Hause ist der Wohnbereich hauptsächlich gefliest. Allein deshalb möchte ich nicht, dass jemand auf Strümpfen läuft. Man kann leicht ausrutschen und bekommt obendrein noch kalte Füße.

Als meine Schwägerin einmal zu Besuch war, hatte ich zunächst nicht mitbekommen, dass sie ihre Schuhe ausgezogen hatte. Als ich es später sah, zog ICH sie ihr, ohne Widerrede zu dulden, einfach wieder an. Dazu hockte ich mich vor sie hin, wie eine Schuhverkäuferin in den 1960er und 1970er Jahren. Wir mussten lachen, weil wir beide das Bild vor Augen hatten, wie man früher im Schuhgeschäft bedient und beraten wurde.

Erinnern SIE sich noch? Wer sich früher Schuhe kaufen wollte, setzte sich im Schuhgeschäft auf einen mehr oder weniger bequemen Stuhl und sagte der Verkäuferin – es gab in dieser Branche nur sehr selten Männer – was er sich als Neuschuh vorstellte, Farbe, Form, Absatzhöhe usw. Die Verkäuferin holte daraufhin mehrere Schuhkartons aus dem Lager und stellte sie neben sich auf den Boden. Dann setzte sie sich mit ihrem engen Bleistiftrock geschickt schräg auf einen sehr niedrigen Hocker direkt vor den potenziellen Kunden.

Der Hocker war mit einer abgeschrägten Fläche versehen. Auf die musste der Kunde einen Fuß setzen, damit sie ihm den Schuh ausziehen und den neuen Schuh mit einem Schuhlöffel anziehen konnte. Natürlich wurden auch die Schnürsenkel oder die Schnalle von ihr geschlossen. Danach durfte der Käufer ein paar Schritte durch das Geschäft gehen. Die ganze Prozedur wurde mit den anderen Schuhen wiederholt.

War sich jemand mit der Größe nicht sicher, wurden die neuen Schuhe AM Fuß mithilfe eines riesigen Spezialgerätes mit Röntgenstrahlen(!) durchleuchtet. Ja, sie haben richtig gelesen. Dazu mussten die Kunden ihre neu beschuhten Füße in eine dafür vorgesehene Öffnung des Gerätes stellen und konnten dann von oben ihre eigenen Fußknochen zusammen mit den Umrissen des neuen Schuhs sehen. Auf diese Weise wurde (hauptsächlich bei Kindern!) kontrolliert, ob die Schuhe groß genug waren.

Dass die Strahlung nicht wirklich gesundheitsfördernd war, insbesondere für das Personal, wurde lange ignoriert. Schließlich suggerierte das Schuhgeschäft durch solch ein modernes Gerät, dass es „nur das Beste“ für seine Kunden im Sinn hatte und dabei keine Kosten und Mühen scheute, dieses Ziel zu erreichen. In Wirklichkeit drehte sich schon damals alles nur darum, den Umsatz zu steigern. Das ist heute nicht anders. Viele Unternehmen legen fragwürdige Praktiken an den Tag, umgehen gesetzliche Regelungen oder nutzen entsprechende Lücken aus, um den Verkauf ihrer Ware zu fördern. Manche gehen dabei sogar über Leichen, wie man beim Silikonskandal gesehen hat, und müssen meistens noch nicht einmal Schadensersatz leisten. Aber das nur nebenbei.

Als meine kleine Schwester nach dem Abitur für kurze Zeit als Schuhverkäuferin jobbte, waren die Zeiten der unkontrollierten Strahlung zum Glück längst vorbei. Verantwortliche hatten das „Spezialmessgerät“ zum Glück aus dem Verkehr gezogen. (Ansonsten hätte sich vermutlich meine Öko-Schwester darum gekümmert. Sie engagierte sich schon von Kindesbeinen an für eine gesunde Umwelt.) Meine Mutter konnte damals nicht verstehen, dass sie die so vielversprechende „Schuhverkäuferinnen-Karriere“ schon nach ein paar Monaten an den Nagel hing, NUR um zu studieren. Wie kann man eine solch gute und sichere Stelle aufgeben? Schließlich handelte es sich bei dem Schuhgeschäft um das erste Haus am Platz.

Die Vorstellungen meiner Mutter wichen schon immer von denen ihrer Kinder ab. Sie kann auch nach wie vor nicht verstehen, dass ich unsere Fußböden nicht mit teuren Perser-Teppichen und Brücken zu puzzle, so wie sie. Bei ihr ist der Schmutz Dank der gemusterten Teppiche zwar spurlos unsichtbar aber nicht spurlos verschwunden. Ich habe lieber Spuren von sichtbarem Schmutz und investiere statt in teure Stolperfallen in ein modernes Bodensaug- und Wischsystem.

Ich mag Brücken, die in einem idyllischen Park romantisch über Wasserläufe führen. Aber  Brücke an Brücke auf Fußböden ist nicht so meins. Die überlasse ich meiner Mutter, immer nach dem Motto:

Über sieben Brücken musst Du geh’n,
Die kannst Du gar nicht übersehen!
Schmutz und Dreck sind nunmehr außer Sicht,
Du wirst stolpern, aber putzen musst Du nicht.

fifty shades of grey im Eingangsbereich

Wenn wir Gäste bekommen, sage ich immer: „Bitte nicht die Schuhe ausziehen. Einfach nur die Matte benutzen.“

Aber ich muss immer wieder feststellen, dass mir niemand wirklich zuhört. Denn ungefähr fünfzig Prozent der Besucher ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie unsere Wohnung betreten und der Rest tut alles dafür, die Matte zu umgehen. Vorsichtig treten sie daneben oder machen einen großen Schritt, um sie ja nicht zu berühren.

Ich weiß, Matten können wunderschön sein. Es werden alle möglichen Modelle mit Motiven und Aufschriften angeboten: Herzlich Willkommen mit und ohne Herzmotiv in sämtlichen Sprachen, Gartenmotive, Blumen, niedliche Haustiere. Auf manchen steht Welcome! My home is my castle … Sogar die Namen der kompletten Familie kann man sich aufdrucken lassen und die Fotos seiner Lieben. In solchen Fällen kann ich es sogar verstehen, wenn sich niemand die Schuhe an den Köpfen der Freunde abputzen möchte.

Aber bei mir liegen nur zwei grau gemusterte Matten ohne Schnickschnack, ohne Fotos im Eingangsbereich. Zugegeben, sie haben ein dunkelgraues, hübsches Schnörkel-Muster auf hellgrauem Grund. Aber sind sie deshalb wirklich zu schade, um sie zum Schmutz abstreifen zu verwenden?

Die Einzigen, die keine Probleme mit schönen Matten haben, scheinen Handwerker zu sein. Während sie ihren Auftrag im Kopf und ihre Werkzeuge in der Hand haben, wird die Matte von ihnen beim Eintreten „nicht verschont“. Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss, jedenfalls in Deutschland. In den USA ist es wieder anders; da streifen sich die Handwerker vor dem Betreten einer Wohnung „Duschhauben“ über ihre Arbeitsschuhe, damit sie keine Spuren am „Tatort“ hinterlassen. Ihre Arbeitgeber-Firma will schließlich hinterher nicht wegen Schmutzverursachung verklagt werden, da investiert sie lieber in Einmal-Überschuhe. Man weiß ja, wie teuer so ein Schadensersatz in den USA werden kann.

Aber wie kann ich auch ganz normale Gäste dazu bewegen, die Matten zu benutzen? Vielleicht sollte ich mir neue Exemplare besorgen, die nicht nur zwei Grautöne haben, sondern gleich fifty shades of grey. Dann würden die Besucher vielleicht an Sado-Maso denken und sich die Matten endlich mal richtig vornehmen, also nicht mehr links liegen lassen oder zaghaft behandeln. Aber, ich glaube, Matten mit Motiven und Aufschriften werden grundsätzlich nicht genutzt, selbst wenn dort ein Totenkopf mit folgendem Warnhinweis abgedruckt wäre:
Achtung: Dies ist ein Schmutzabstreifer. Schonen verboten!

Freie Sicht auf „anständige“ O-Beine

In mein Elternhaus kam früher monatlich eine Schneiderin. Bevor ich geboren wurde, nähte sie für meine Großmutter oder kümmerte sich um die Zuschnitte für neue Kleider.

Es mag sein, dass sie in ihrer Jugend etwas von Mode verstand, also vierzig Jahre, bevor ich sie kennenlernte. Die Mode entwickelte sich jedoch weiter, im Gegensatz zu ihr. Man kann sagen, für sie war der Zug abgefahren und ich hatte deshalb nichts Abgefahrenes zum Anziehen.

Ich konnte sie nicht ausstehen. Ihre vorstehende wabbelige Unterlippe, die sie ständig zum Anfeuchten ihrer Finger und des Garns benutzte, hing herunter wie bei einem Kamel. Sie war hauptsächlich damit beschäftigt very geschmackvolle Kleider zu nähen oder alte, geerbte Kleidung irgendwie passend zu machen, hauptsächlich für mich. Meine Brüder wurden davon verschont. Damals wünschte ich, ich wäre ein Junge und möge dieses Kamel, ähh dieser Kelch an mir vorübergehen.

Den Begriff uncool gab es noch nicht, aber ich konnte ihn schon fühlen. Das zog sich durch bis zu meinem Secondhand-Konfirmationskleid. Ab dann trug ich hauptsächlich unanständige Jeans, die ich mir selber kaufte. Zur Finanzierung meines modischen Befreiungsschlags jobbte ich neben der Schule. Natürlich betätigte ich mich auch kreativ, um möglichst günstig über die Runden zu kommen.

Mein erstes T-Shirt hatte ich mir selbst kreiert, indem ich ein altes kurzärmeliges Herren-Unterhemd mit Knopfleiste enger genäht und dann gefärbt hatte. Dazu trug ich Lederbänder an Hals und Handgelenk und derbe Schnürboots, im Sommer Jesuslatschen. Meine Haare ließ ich einfach rechts und links von einem sogenannten Poposcheitel herunter wachsen. Mein Vater flippte zuerst aus und gab dann auf.

Er war der Meinung, dass ein anständiges Mädchen keine Hosen trägt, von Frauen ganz zu schweigen. Und weil es noch das Modediktat gab, zeigten damals alle anständigen Frauen ihre Beine. Egal ob dadurch Krampfadern, Wasseransammlungen, O-Beine oder dunkle, lange Haare kreuz und quer hinter den Nylonstrümpfen zu sehen waren und ob sie sich damit wohlfühlten.

Und als dann der Minirock in Mode kam, wurden die Röcke für alle Frauen etwas kürzer. Auch die Nachbarin, Elfriede, die sich meinen Vater als Liebhaber angeln wollte (aber das ist eine andere Geschichte), zeigte plötzlich ihre knochigen Knie. Was sollte daran anständig sein?

In den 1970er Jahren wurde der Minirock für junge Mädchen dann so unanständig kurz, dass er sehr unpraktisch und unbequem zu tragen war. Niemand konnte sich damit frei bewegen, geschweige denn bequem sitzen, was mit einer Hose jederzeit möglich ist. Ich habe mich immer gefragt, weshalb eine Hose, die definitiv weniger preisgibt als ein Rock, weniger anständig sein soll? Der schöne Begriff „anständig“ sollte für solche Aussagen nicht mehr missbraucht werden dürfen.

Heute kann FRAU so ziemlich alles tragen, was ihr gefällt. Neulich beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit waren viele Menschen aus dem öffentlichen Leben geladen. Leider saßen in der ersten Reihe Frauen, die wohl nicht berücksichtigt hatten, dass beim Sitzen mit einem engen Rock viel mehr Bein zu sehen ist, als beim Stehen. Für ein Date mag das perfekt sein, aber für offizielle politische Anlässe empfinde ich es international gesehen eher als unpassend und unnötig.

In der Politik heißt es doch immer, dass alle Seiten und alle Kulturen ein bisschen Annäherung anstreben sollten. Wen wollten manche Frauen mit ihren Beinen beeindrucken? Es gibt so viele anziehende Möglichkeiten zwischen bodenlangen Mänteln und Freier Sicht auf Oberschenkel. Dazu müssen die Frauen nicht auf jeden Mode-Zug aufspringen; sie können einfach das anziehen, was zu ihnen passt und ihnen steht.

Was mich betrifft, so lasse ich die inzwischen zahlreichen, kreuz und quer fahrenden Designer-Züge an mir vorbeirasen und bin trotzdem modisch unterwegs, ganz entspannt und bequem.

Ich habe meine Erfahrungen gemacht und weiß, dass High Heels genauso „bequem“ sind wie Miniröcke „anständig“. Und was ich gar nicht brauchen kann, sind offene Beine, auch nicht an den Hosenbeinen meiner Jeans. Manche Jeans sehen aus, als wären sie schon 10 Jahre mit anderen durch dick und dünn gegangen. Das muss ich nicht mehr haben. Ich war schon früher von Kopf bis Fuß mit Used-Klamotten im Vintage Stil eingekleidet. Modisch gesehen fünfzig Jahre zu früh, wie sich jetzt herausstellt. Heute kann mich dieser Oldtimer-Zug mal (überholen).

Ich habe schon viele Mode-Rivivels erlebt, Trends kommen und gehen gesehen. Deshalb nehme ich mir jetzt die Freiheit zu sagen: Hingucker um jeden Preis gehen mir am ”Bobbes“ vorbei, auch was die Frisur betrifft! Ein schiefer Pony stand mir schon früher nicht. Ich lasse mir lieber in der Natur den Wind um die Nase und meinen Lieblings-Haarschnitt schief wehen.

In meinem Alter kann man sich cool zurücklehnen, abwarten und Tee trinken!

Frisurtechnisch meiner Zeit voraus

Jeder weiß, welchen Stellenwert Taschen und Schuhe für Frauen haben. Ich wusste das schon als Kind, aber das war meiner Umwelt egal. Ich wollte gerne in den Kindergarten gehen, mit einer richtigen Kindergartentasche. Die hatte es mir angetan. Bei anderen Kindern hatte ich solche Taschen schon gesehen. Und ich stellte es mir schön vor. Aber ich durfte weder in diese Einrichtung noch eine solche Tasche haben. Das kostete nun einmal Geld und war in den Augen meiner Eltern unnötig.

Während meine Brüder in der Schule waren, beschäftigte ich mich also selber oder half meiner Mutter, z.B. beim Bohnern der Fußböden und der zahllosen Treppenstufen im ganzen Haus. Dann kam meine Einschulung. Meine Mutter ging nicht mit und blieb bei meiner kleinen Schwester, die damals erst ein paar Monate alt war. Heutzutage ist es normal, dass die Mütter ihre Babys mit zur Einschulung ihres älteren Kindes nehmen, aber damals wohl nicht. Also begleitete mich meine Großmutter. Leider hatte sie keinen Einfluss auf meine äußere Erscheinung, sonst wäre dieser Tag eindeutig anders verlaufen. Heute frage ich mich: „Wo war Amnestie International, als ich eingeschult wurde?“

Es war nicht das Schlimmste, dass meine Kleidung und mein Haarschnitt zu wünschen übrig ließen. Ich kannte es nicht anders. Die ausgeleierten Kniestrümpfe rutschten ständig hinunter zu meinen alten braunen Secondhand-Halbschuhen, und mein Secondhand-Rock saß zipfelig schief. Oder sollte ich besser Fourth-Hand schreiben, denn das würde es besser treffen. Es bestand keine Gefahr, dass aus mir ein eingebildeter Mensch werden könnte.

Von meinem Gesicht konnte man besonders viel sehen, denn der Pony war schräg geschnitten und begann ganz oben am Haaransatz. Das war aber nicht das Verbrechen eines Friseurs, nein, meine Mutter hatte mir die Haare geschnitten. Es hätte mich auch nicht getröstet, wenn ich damals gewusst hätte, dass ungefähr fünfzig Jahre später genau diese Frisur in einer Modezeitschrift abgebildet werden würde, und zwar als Highlight. Mit dem Haarschnitt war ich meiner Zeit also weit voraus – ein bisschen zu weit für ein Kind, würde ich sagen. Aber auch das war nicht das Schlimmste für mich an diesem Tag. Der Tornister war das wirkliche Problem.

Mein Interesse galt nämlich einzig und allein der Schultasche! Sie konnte sicher alles andere überstrahlen, und ich hatte sie mir schon im Traum ausgemalt. Aber dann wurde ich in die Realität zurückgeholt; ich bekam einen uralten, abgetragenen Tornister aus den 1930er Jahren. Heute würde man ihn als Vintagemodell bezeichnen und sicher besonders viel Geld dafür hinlegen. Damals war es eine praktische und vor allem günstige Lösung für meine Eltern. Sehr schmal, sehr hart, sehr dunkel und mit nur einer sehr umständlich zu handhabenden und schon sehr strapazierten Dorn-Schließe.

Solche Schulranzen hatte ich in der Hasenschule gesehen. Das war ein Bilderbuch, das es heute noch zu kaufen gibt. Die Hasen trugen auf ihren Rücken diese Art Tornister, aus denen eine Schnur hing, an der ein Schwamm baumelte, direkt neben ihrem Puschel-Schwänzchen. Den brauchten sie (den Schwamm, nicht den Puschel), um ihre kleinen Schultafeln abzuwischen, die sie zusammen mit ihren Büchern und ihren Griffeln dabei hatten. Zu den Hasen passten die Tornister, aber die waren auch zu einer ganz anderen Zeit „zur Schule gegangen“ als ich.

Alle meine Mitschüler hatten neue, helle, traumhaft schöne, moderne Schulranzen mit verschiedenen Fächern, einem Reißverschluss-Fach und zwei Vorfächern mit zwei praktischen Schnapp-Schlössern. Schon damals erkannte ich jedes Detail und machte mir meine Gedanken darüber, wie man die eine oder andere Schultasche noch optimieren könnte.

Ja, ich kann sagen, dass ich schon damals ein Gespür für Taschen hatte, und das ist mir geblieben; sie ziehen mich förmlich an. Manche von ihnen würde ich glatt erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe und ich die Gelegenheit dazu bekäme. Und damit meine ich nicht nur Handtaschen, sondern auch Kindergartentaschen, Schulranzen, Cityrucksäcke, Aktentaschen, Reisetaschen … Es gibt für alles die passende Tasche und eine Entstehungsgeschichte dazu.

Wahrscheinlich verfügte MEIN Tornister auch über eine solche Geschichte. Das ändert aber nichts daran, dass er eindeutig zu den Tiefpunkten meines Lebens zählte. Für mich war und blieb er ein Hasen-Schulranzen, nur ohne Schwamm. An meinem Taschen-Defizit habe ich seit dem qualitativ gearbeitet und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Also Schwamm drüber.

Stadtauswärts zur alkoholfreien Kultur

Die Nachbarin und Freundin meiner Mutter, Elfriede, hat sich schon lange vom aktiven Vereinsleben der Alkoholfreikulturellen zurückgezogen und lebt im Heim, aber meine Mutter ist nach wie vor Mitglied und will an jedem Event teilnehmen. Sie will alles Mögliche mitmachen. Das ist ihr Rhythmus, bei dem sie immer mit muss. Zumindest meldet sie sich stets dafür an, auch wenn sie kurz vor dem Termin wieder einen Rückzieher macht.

Dieselbe Prozedur wie letztes Mal? Dieselbe Prozedur wie jedes Mal! Das kenne ich schon und bin im Grunde darauf vorbereitet; so war es auch vor ein paar Tagen.

Sie hatte mich darum gebeten, sie zu dem gemütlichen Beisammensein zu fahren, was ich auch gerne tat. Es fand diesmal in einem Gemeindehaus weit draußen statt. Als ich bei ihr ankam, jammerte sie erst einmal, dass es ihr nicht gut gehen würde und sie ohnehin nicht zu dem Treffen wolle. Natürlich war sie auch noch nicht umgezogen und stand vor mir in ihrer viel zu weiten karierten Stoffhose und der alten Ringelbluse, die sie lässig mit einer Kunstfellweste kombiniert. (Ihre Lieblingsstücke für den Alltag.) Es dauerte eine Weile und es brauchte viel Zusatzarbeit und Überredungskunst meinerseits, bis wir endlich im Auto saßen und stadtauswärts fahren konnten.

Durch diese Gegend war ich als Kind oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Ich erkannte die Häuser, aber trotzdem wirkte alles so fremd. Es waren viele verschiedene Menschen aus vielen unterschiedlichen Nationen unterwegs. Alles sah ziemlich durcheinander aus und viele Häuser waren äußerlich heruntergekommen. Für mich ein bisschen zu viel Realität für diesen Nachmittag, der schon so very angenehm bei meiner Mutter begonnen hatte. Ich war heilfroh, dass nicht auch noch Elfriede mit von der Partie war; sie hätte mir den Rest gegeben.

Meine Mutter war wie aufgezogen und erzählte und fragte immer und immer wieder das Gleiche. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb stellte ich innerlich auf Automatik, so wie ich es oft bei ihr tue. In meinem bewegungslosen Gesicht formten meine Lippen immer wieder die gleichen Antworten, während meine ausdruckslosen Augen starr auf den Verkehr gerichtet waren. Bis ich plötzlich mit folgender Frage aus meiner Lethargie gerissen wurde: „Guck mal, würdest du mit einem so braunen N…. fahren?“

Was soll ich sagen? Meine Mutter sagt, was sie denkt und sie denkt sich nichts dabei. Political Correctness: Fehlanzeige.

Ich hatte plötzlich wieder einen Gesichtsausdruck, aber mir fehlten die Worte und für eine Diskussion die Kraft. Und mir fehlten in diesem Moment meine Sphäre und meine Ordnung. Und während ich auch noch mit fehlender Vorfreude weiter durch die multikulturelle Gegend zu dem alkoholfreikulturellen Kaffeeklatsch fuhr, hielt ich mich mit meiner Lieblingsstrophe eines Gedichtes emotional über Wasser:

Meines Lebens Wunsch ist stiller Friede,
Guter Bücher eine kleine Zahl,
Ein geprüfter Freund mit einem Liede,
Und der Sparsamkeit gesundes Mahl.

Ziemlich schlechteste Freundinnen

In der Nachbarschaft meiner Mutter wohnte, solange ich denken kann, eine eingebildete, kinderlose Frau im gleichen Alter; sie war unerträglich, bildungsfern und zudem hinterhältig. In meiner Mutter hatte sie ein perfektes Opfer gefunden, nämlich einen Menschen, der anderen zwar gerne sagt, was diese tun oder lassen sollen, aber ansonsten harmlos ist. Meine Mutter ist nun einmal kein schlagfertiger Typ, sondern gerade heraus und entschuldigt sich am Ende noch, wenn sich jemand unverschämt oder beleidigend ihr gegenüber verhalten hat. Es kann vorkommen, dass sie die Person sogar noch vor anderen verteidigt. Das muss man nicht verstehen, ist aber so.

Je mehr sie sich gefallen ließ, desto schlimmer wurde sie von der Nachbarin behandelt. Leider war meine Mutter der Ansicht, dass sie jemanden in der Nachbarschaft bräuchte, und sah deshalb über deren Charakter hinweg. Man kann sagen, die beiden waren ziemlich schlechteste Freundinnen. Die Frau, nennen wir sie Elfriede, war Mitglied im »Deutschen Frauenbund für alkoholfreie Kultur« und so wurde auch meine Mutter dort Mitglied.

Dieser Verein veranstaltet regelmäßig gemütliche Treffen und Ausflüge. Als meine Mutter noch nicht lange dabei war, wurde zu einem sogenannten Kohl-und Pinkel-Essen eingeladen. In Norddeutschland ist das ein traditionelles Winter-Essen mit braun-gekochtem Grünkohl und fettiger Grützwurst (Pinkel), zu dem normalerweise Schnaps für die bessere Verteilung des Fettes ausgeschenkt und dieser auch fleißig runtergekippt wird.

So saßen die Frauen also in fröhlicher Runde und unterhielten sich angeregt. Meine Mutter dachte wohl nicht weiter darüber nach, in welcher Gesellschaft sie sich befand, jedenfalls bestellte sie ein kleines Alster, was Elfriede neben ihr sehr wohl mitbekam, aber nicht kommentierte.

Nachdem die Bedienung das kleine Bierglas direkt vor meiner Mutter abgestellt hatte, herrschte augenblicklich Totenstille im Saal. Alle Frauen starrten abwechselnd meine Mutter und das Bierglas an. Man hätte das Fallen eines Korkens in der Gaststätte hören können.

Während die erste Vorsitzende des Vereins meiner Mutter vor allen Anwesenden ganz ruhig erklärte, was alkoholfreie Kultur bedeutet, konnte sich Elfriede das Grinsen nicht verkneifen. Schadenfreude ist eben auch eine Freude. Schuldbewusst und peinlich berührt nahm meine Mutter das volle Bierglas und brachte es zur Theke zurück. Der Bedienung sagte sie: „Die haben gesagt, ich darf das nicht“, und ließ sich ein Mineralwasser bringen.

Seit diesem Vorfall bestellte sie nie mehr Alkohol, jedenfalls nicht in ihrer Frauenbund-Runde. Dafür ließen sich Elfriede und sie nach wie vor jedes Jahr von einem ambulanten Weinhändler mehrere Kartons mit Weinflaschen in ihre Keller liefern, ganz ohne schlechtes Gewissen. Warum auch, man muss doch etwas zum Verschenken im Haus haben. Erfahren sollte das aber niemand. Auch darüber, dass im Kühlschrank kleine »Kuemmerlinge« vor sich hin kümmerten und immer wieder durch neue ersetzt wurden, herrschte einvernehmliches Stillschweigen der beiden Alkoholfreikulturellen.

Wenigstens in dem Punkt funktionierte ihre Freundschaft.